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Äußerlich ein Seat Leon ST, unter der Haube ein Motor, der sowohl Gas (CNG) als auch Benzin konsumieren kann.
Äußerlich ein Seat Leon ST, unter der Haube ein Motor, der sowohl Gas (CNG) als auch Benzin konsumieren kann.(Foto: Holger Preiss)
Sonntag, 10. September 2017

Spanier gibt ganz schön Gas: Seat Leon TGI - Alternative zum Diesel?

Von Holger Preiss

Der Diesel ist noch nicht tot, aber eine rosige Zukunft kann ihm nicht prophezeit werden. Auf der Suche nach Alternativen rückt eine nicht ganz neue Antriebsvariante wieder in den Fokus: der Gasantrieb. Aber kann er dem Diesel wirklich das Wasser reichen?

Nach dem Dieselskandal ist für die Autoindustrie guter Rat teuer. Die Kollektivhaftung zwingt zu neuen Ideen und alternativen Antrieben. Die sind aber noch nicht so weit, als dass sie die Fahrzeuge weit genug und damit die Masse der Autofahrer bewegen könnten. Insofern wundert es nicht wirklich, dass sich Volkswagen gemeinsam mit seinen Töchtern auf eine Technologie besinnt, die schon 2009 propagiert und seinerzeit bereits als Alternative zum Diesel angepriesen wurde: Die Rede ist vom Erdgasantrieb.

1000 Kilometer am Stück

Am Heck verweist das Kürzel TGI auf den bivalenten Antrieb des Seat Leon ST.
Am Heck verweist das Kürzel TGI auf den bivalenten Antrieb des Seat Leon ST.(Foto: Holger Preiss)

Theoretisch hat Erdgas als Kraftstoff nämlich viele Vorteile. Es produziert weniger klimawirksame Emissionen und andere giftige Abgase. Zudem wird Erdgas, chemisch Methan, in Deutschland noch bis Ende 2026 subventioniert, was heutzutage an Tankstellen zu einem Durchschnittspreis von knapp unter einem Euro pro Kilogramm führt. Hinzu kommt, dass es hierzulande momentan 868 Tankstellen gibt, die das Gas unter dem Kürzel CNG (Compressed Natural Gas) anbieten. Alles in allem genug Gründe für n-tv.de, um der CNG-Initiative zu folgen und sich einen Seat Leon ST 1.4 TGI zum Praxistest zu bestellen.

Der bivalent ausgerichtete Wagen fährt nicht nur mit Erdgas, sondern auch mit Benzin. Das hat zwei Gründe: Zum einen wird die maximale Reichweite so auf stattliche 1000 Kilometer gesteigert, zum anderen hat Gas extrem schlechte Kaltstarteigenschaften. Bei niedrigen Außentemperaturen muss der Motor mit Benzin zum Laufen gebracht werden, schaltet nach Erreichen der Betriebstemperatur aber wieder auf Gas um.

110 statt 125 PS - reicht das?

Der 1,4-Liter-Vierzylinder ist aus dem TSI bekannt, leistet dort aber 125 statt 110 PS.
Der 1,4-Liter-Vierzylinder ist aus dem TSI bekannt, leistet dort aber 125 statt 110 PS.(Foto: Holger Preiss)

Für den Vortrieb sorgt im Seat der vom TSI bekannte 1,4-Liter-Vierzylinder. In der bivalenten Variante leistet er allerdings nicht 125 PS, sondern lediglich 110, wobei ein gemeinsames Motormanagement die Befeuerung des Aggregats mit Gas als auch mit Benzin möglich macht. Ist das CNG verbraucht, erfolgt unmerklich die Umschaltung ohne einen sogenannten Momentensprung. Ob diese Vorgabe im Alltagsgebrauch Vorteile hat oder ob eine individuelle Wahl für die Art des Treibstoffes besser wäre, muss jeder selbst entscheiden. Fakt ist, dass die Elektronik im Seat der preiswerten und umweltschonenden Fortbewegung immer den Vorrang gibt und eine individuelle Änderung ausschließt.

Tatsächlich fühlt sich der Fahrer durch diesen Umstand auch gemüßigt, wenn er auf der letzten Gas-Rille fährt, eine entsprechende Tankstelle aufzusuchen. Denn subjektiv heißt Tank leer immer noch Stillstand. Im Fall des Testwagens natürlich Blödsinn, weil der Benzintank locker weitere 700 Kilometer möglich macht. Allerdings sorgt auch eine dauerhaft brennende Warnlampe in Form eines Ausrufezeichens unterhalb der Matrix für Unwohlsein. Suggeriert es doch einen schweren Fehler im Antrieb. Dabei will das Lämpchen den Fahrer nur daran erinnern, dass sein Auto jetzt mit Benzin angetrieben wird, und erlischt, sobald der Gastank gefüllt wurde.

Drücken Sie "O.K."

1000 Kilometer fährt der Seat Leon ST TGI mit beiden Tankfüllungen.
1000 Kilometer fährt der Seat Leon ST TGI mit beiden Tankfüllungen.(Foto: Holger Preiss)

Das Tanken selbst ist ein Leichtes. Vorausgesetzt, man hat eine Zapfsäule gefunden, an der CNG feilgeboten wird. Bei der ersten Anfahrt hat sich der Autor nämlich von der Angabe "Gas" verführen lassen. Als er versuchte, den kleinen Zapfen am Seat mit der Tankpistole zu verbinden, ruckelte er hilflos herum, bis er erkannte, dass er an einer LPG, also einer Flüssiggassäule stand. CNG war bei diesem Anbieter gar nicht verfügbar. Zur Ehrenrettung muss angeführt werden, dass der Weg zu dieser Tankstelle nicht planlos gesucht wurde. Bevor der Gas-Tank nämlich sein letztes Wölkchen in die Brennkammer schickte, fragt die Multimediaeinheit für 1540 Euro extra, ob eine "CNG-Tankstelle" gesucht werden soll. Natürlich, denkt der pfiffige Pilot und drückt auf "O.K". Allerdings schert sich das System den Teufel um sein Angebot und wirft frech sämtliche Tankstellen der Umgebung aus. Soll das Navi ausschließlich Tankstellen mit CNG suchen, muss im Menü unter "Point of Interest" (POI) ein entsprechender Haken gesetzt werden.

Das Tanken selbst ist äquivalent zur Zapfsäule, an der Benzin oder Diesel gezogen wird. Die Pistole wird auf den Stutzen aufgesetzt, bis sie einrastet. Dann wird der Einfüllhebel bis zum Anschlag nach oben gezogen und verankert. Jetzt blinkt an der Säule ein grüner Knopf, der anzeigt, dass alles seine Ordnung hat und bei Druck den Tankvorgang freigibt. Ist der Tank voll, sind 15 Kilogramm Gas aufgenommen und an der Kasse etwa 12 Euro abzugeben. Für – und das soll noch einmal erwähnt werden – 300 Kilometer. Am Ende des Tests durfte erfreut zur Kenntnis genommen werden, dass für 1200 Kilometer Wegstrecke lediglich 47,96 Euro berappt wurden. Es darf natürlich nicht verschwiegen werden, dass wie bei jeder anderen Antriebsart die Reichweite immer mit der Fahrweise einhergeht. Wer die Leistungsfähigkeit des 110 PS starken Triebwerks ausreizt und unbedingt die Höchstgeschwindigkeit von 194 km/h über längere Strecken fahren muss, wird in Summe deutlich weniger Strecke machen.

Manchmal etwas zögerlich

Die schicken Sportledersitze gibt es im Seat Leon ST TGI für 1505 Euro.
Die schicken Sportledersitze gibt es im Seat Leon ST TGI für 1505 Euro.(Foto: Holger Preiss)

Allerdings muss angemerkt werden, dass die Potenz des Seat Leon ST TGI nicht wirklich zu sportlichen Exzessen animiert. Im Gas-Betrieb wirkt der Motor beim spontanen Tritt auf den Pin etwas zögerlich und weigert sich, dem Wunsch der flotten Fortbewegung nachzukommen. Das ist besonders im Stadtverkehr misslich, wo an mancher Stelle der kraftvolle Antritt benötigt wird. An der Ampel verbläst der bivalente Seat mit einer Sprintzeit von 11 Sekunden auf Landstraßentempo jedenfalls niemanden. Wer das Gaspedal hingegen mit Bedacht bewegt, der darf sich über eine angenehm lineare Kraftentfaltung und im Falle des Testwagens über ein hervorragendes Doppelkupplungsgetriebe freuen, das die Gänge sanft über sieben Stufen führt. Am Ende kann man mit dem Seat ausgezeichnet im Verkehr mitschwimmen und muss auch auf der Autobahn nicht bummeln.

Dazu tragen auch die kleinen Helferlein bei, die dem TGI optional mit auf den Weg gegeben werden können. Für 750 Euro gibt es nämlich einen Stau- und Notfall-, Fernlicht- und Spurhalteassistenten, Verkehrszeichenerkennung und eine automatische Distanzregelung bis 210 km/h. Gut investiertes Geld, denn die unsichtbaren Mitarbeiter machen genau das, was der Fahrer von ihnen erwartet und entspannen die Reise, gerade bei unangenehm dichten Verkehr, kolossal. Einziger Mangel ist bei der VW-Technik nach wie vor, dass der Spurhalteassistent nur durch einen Haken im entsprechenden Menü der Matrix an- und ausgeschaltet werden kann.

Preiswerter als ein Diesel

Mit 482 Litern ist der Kofferraum des Seat Leon ST TGI knapp 100 Liter kleiner als bei den monovalenten Versionen.
Mit 482 Litern ist der Kofferraum des Seat Leon ST TGI knapp 100 Liter kleiner als bei den monovalenten Versionen.(Foto: Holger Preiss)

Und da wir das Thema Reise gerade aufgebracht haben: Hier muss der Fahrer eine Einschränkung in Kauf nehmen. Statt der beim ST üblichen 587 Liter Stauraum sind es bei der TGI-Variante ob des zweiten Tanks nur noch 482 Liter. Ein Umstand, der sich bei ausgedehnten Urlaubsreisen bemerkbar machen könnte, im Alltagsbetrieb hingegen keine negative Rolle spielt. Ansonsten ist der Seat Leon ST auch mit Gasantrieb ein ganz normaler Seat. Der Innenraum kann mit Lederpolstern für 1500 Euro aufgewertet werden, für 360 Euro gibt es den schlüssellosen Zugang sowie ein Stopp-Start-System. Eine an dieser Stelle empfohlene Rückfahrkamera gibt es für 260 Euro und die Ultraschall-Einparkhilfe vorn und hinten kostet zusätzlich 525 Euro.

Bleibt zu klären, zu welchem Preis man in den TGI einsteigen kann. Momentan wird der ST mit bivalenten Antrieb lediglich in der Ausstattungslinie Style ab 26.260 Euro angeboten. Was immerhin 750 Euro weniger sind als für einen gleichwertigen Diesel mit 115 PS. Ist der Knabe mit Doppelantrieb aber technisch voll aufgerüstet, werden am Ende knapp 36.000 Euro auf der Rechnung stehen.

Fazit: Tatsächlich ist der TGI bezüglich Reichweite, Verbrauch und Kosten sogar dem Diesel überlegen. Was Platz im Innenraum, Handling und Fahrverhalten betrifft, unterscheidet er sich ohnehin nicht von den Brüdern. Lediglich beim Gepäckabteil muss ein Abstrich von 100 Litern gemacht werden. Wer also bedacht und sparsam unterwegs sein will, der ist mit einem TGI gut beraten. In Zukunft wird es bei Seat auch monovalente Varianten geben, bei denen der Gastank deutlich mehr Reichweite bietet als der Benzintank. Und wer weiß, vielleicht wird in naher Zukunft für die Sportfreunde ja auch noch eine leistungsoptimiert Motorisierung angeboten. Dann hat der TGI echte Chancen, einem Diesel den Rang abzulaufen.

DATENBLATTSeat Leon ST Style 1.4 TGI
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,55 / 1,97 / 1,45 m
Radstand2,63 m
Leergewicht (DIN)1421 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen482 / 1365 Liter
MotorVierzylinder Ottomotor mit 1395 ccm Hubraum
Getriebe7-Gang-Automatik (DSG)
Systemleistung81 kW / 110 PS
KraftstoffartErdgas (CNG)/ Benzin
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit194 km/h
Tankvolumen15 kg (CNG) /  50 Liter (Benzin)
max. Drehmoment200 Nm bei 1500 - 3500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h11,0 Sekunden
Normverbrauch (kombiniert)5,4 Liter Superbenzin/100 km und 3,5 kg Erdgas/100 km
Testverbrauch (kombiniert)4,3 kg (CNG) / 6,9 l (Benzin)
CO2-Emission kombiniert96 g/km
EffizienzklasseA / EU6
Grundpreis26.260 Euro
Preis des Testwagens35.755 Euro

Quelle: n-tv.de

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