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Vorne der neue, hinten der alte Sharan.
Vorne der neue, hinten der alte Sharan.(Foto: Ferdinand Huthknecht)

VW Sharan, "Den nehmen wir": Spiel, Spaß und Spannung

Ein Praxistest von Thomas Schmitt

Nach 15 Jahren wurde es Zeit. VW legt den Sharan neu auf, macht ihn länger, breiter, packt ein Panoramadach hinzu und stattet ihn mit Schiebetüren aus. Am Ende heißt es: Wir haben nicht alles anders, aber vieles besser gemacht.

Der neue Sharan kommt in die Redaktion. Testfahrt für zwei Wochen. Alle schauen auf mich:  Fünf Kinder, seit zehn Jahren Sharan-Fahrer - mit verschiedenen Motorisierungen, aktuell ist es der 1.8 T, Baujahr 2009 - klar, da muss ich ran und die Familie gleich mit.

Was also bringt der Neue, der von 2010? Alles, außer den Sonnenblenden, wurde neu entwickelt, tönt Volkswagen. Entsprechend hoch ist die Erwartungshaltung.

Der neue hat ein paar Kanten mehr. Und vor allem das typische VW-Gesicht der aktuellen Modellpalette.
Der neue hat ein paar Kanten mehr. Und vor allem das typische VW-Gesicht der aktuellen Modellpalette.(Foto: Ferdinand Huthknecht)

Kaum ist er da, kommen alle Familienmitglieder staunen. Bei der Optik geht ein Riss mitten durch die Gemeinschaft. Während die einen die geraden Konturen und das Freundliche des alten Designs loben und dem neuen Verwechselbarkeit und einen Knick unter der Winschutzscheibe bescheinigen, finden die anderen den alten hausbacken und erfreuen sich an der etwas rüderen Schnauze und dem breiteren, ähm, Hinterteil, des Nachfolgers. Also probesitzen: Die Sitze sind sehr bequem, bieten stabilen Halt und fühlen sich auch noch gut an. Leider hat unser Testwagen aber nur sechs Sitze. Auch sind die ausklappbaren Babysitze für die ganz Kleinen unter 3 Jahren weggefallen. Warum auch immer.

Endlich Schiebetüren

Die Schiebetüren ermöglichen ein komfortables Ein- und Aussteigen.
Die Schiebetüren ermöglichen ein komfortables Ein- und Aussteigen.(Foto: Ferdinand Huthknecht)

Und, was ist das Bemerkenswerteste am neuen Sharan? Richtig, die Schiebetüren. Tür auf, Tür zu, es funktioniert. Herrlich erinnern sie an den alten Bulli von 1967, mit dem man einst über Italien bis an den Bosporus gurkte. Leider bewegen sich die Schiebetüren auch in ähnlicher Manier. Sie sind wahnsinnig schwer und man muss sie wie vor 40 Jahren mit ordentlich Schmackes zuknallen, wenn sie wirklich schließen sollen. Die Kinder scheitern. Lästig zudem, dass man immer den Griff nach vorne ziehen muss, um die Türen von außen wieder zumachen zu können. Was passiert, wenn dies nicht nötig wäre, erleben wir auf der Beifahrerseite, wo der Einrastmechanismus offenber einen leichten Defekt hat: Beim schräg stehenden Fahrzeug setzt sich die geöffnete Tür immer von alleine in Bewegung, was noch lästiger ist.

Herrlich: Das neue Panoramadach, das für 1195 Euro Aufpreis geordert werden kann.
Herrlich: Das neue Panoramadach, das für 1195 Euro Aufpreis geordert werden kann.(Foto: Ferdinand Huthknecht)

Grundsätzlich sind die Schiebetüren aber eine klasse Sache – mehr Raum, mehr Luft beim Ein- und Aussteigen. Wir beschließen, beim nächsten Sharan einfach die elektrische Variante zu ordern.

Dann geht es auf die Straße. Die Jüngste hat leider keinen Platz mehr bekommen. Heulend müssen wir sie am Straßenrand zurücklassen. Alle anderen sind bester Laune. Der Einstieg in die dritte Sitzreihe ist dank des ausgeklügelten Klappkonzeptes der Einzelsitze wesentlich komfortabler geworden. Was die anspruchsvolle Jugend auf den hinteren Plätzen aber vor allem begeistert, ist das große Panoramadach. Absolut zu empfehlen. Obwohl nicht gesichert ist, ob das Glasdach im Sommer bei gleißender Sonne und 39 Grad im Schatten nicht trotz eleganter Stoffblende auch zur Spaßbremse werden kann. Sorgenvoll denkt der Familienvater an T-Shirts, Jutetüten und sonstige Fetzen, die schon viele Hochsommer lang in unseren abgetönten Seitenscheiben klemmen, um das unfreiwillige In-Der-Sonne-Braten des schlafenden Nachwuchses zu verhindern.

Egal, jetzt ist November und lichtdurchflutet gleiten wir durch Brandenburger Alleen. Der 140-PS-Diesel surrt leise und zieht gut, auch wenn er in den unteren Drehmomenten etwas mehr Power entwickeln könnte. Am Direktschaltgetriebe gibt es dagegen gar nichts zu monieren. Wunderbar spür- und geräuschlos schaltet das Fahrzeug die sechs Gänge rauf und runter. Auch die Start-Stopp-Automatik, die dem Sharan laut VW einen Verbrauch von nur 5,5 Litern bescheren soll,  ist nach wenigen Stunden bereits in den Fahrer-Alltag intergiert. Lediglich die Minimalverzögerung beim Wieder-Anspringen des Motors nach einem Halt stellt da einen kleinen Wermustropfen dar.

Modern und solide

Griffig und mit vielen Knöpfen und Schaltern  ausgestattet: Das Multifunktionslenkrad.
Griffig und mit vielen Knöpfen und Schaltern ausgestattet: Das Multifunktionslenkrad.(Foto: Ferdinand Huthknecht)

Ansonsten ist alles wie immer, nur moderner. Und wer dachte, die Möglichkeiten einer Highline-Vollausstattung des vergangenen Jahres stießen bereits an die Grenzen der menschlichen Multitaskingfähigkeit, der irrt. Jetzt gibt es nämlich noch etliche Knöpfe mehr im Cockpit. Endlich haben die Kinder hinten eine Sitzheizung, meine Frau am Steuer freut sich über Kurvenlicht und Fernlichtassistent, scheut aber die Bedienung der Schalt-Paddel und ich kämpfe – bis zum Ende vergeblich – damit, das iPhone mit der Bordelektronik zu synchronisieren. Bestimmt war das Handschuhfach zu kühlen, ich habe vergessen nachzusehen. Ich mache es kurz: Kein Mensch braucht das. Alles nett, alles nice to have. Nicht mehr, nicht weniger.

Wichtiger ist da die Verarbeitung. Und die kann sich sehen lassen. Ein echter Volkswagen. Alles ohne Makel, nichts klappert, nichts wirkt locker, nichts so, als würde es spätestens in fünf Jahren oder nach den ersten Kopfsteinpflasterstraßen zu rappeln beginnen. Materialien und Haptik sind ansprechend und solide, ohne überkandidelt daher zu kommen. "Nehmen wir", verlautet es bereits von den billigen Plätzen.

Mit einem Handgriff sind die Sitze der dritten Reihe umgelegt. Maximales Ladevolumen: 2430 Liter.
Mit einem Handgriff sind die Sitze der dritten Reihe umgelegt. Maximales Ladevolumen: 2430 Liter.(Foto: Ferdinand Huthknecht)

Was gibt es noch? Die Sitze der dritten Sitzreihe lassen sich jetzt endlich einfach und schnell umklappen zu einer vernünftigen Ladeebene. Ein echter Fortschritt. Nur leider sind für die dritte Reihe daher keine integrierten Kindersitze mehr zu haben. Auch für VW ist offenbar bei zwei Sprösslingen Schluss. Schade. Und für unsere Familie mit fünf Kindern eine riesige Enttäuschung.

Gewöhnungsbedürftig ist die fette Mittelkonsole zwischen Fahrer und Beifahrer, der Kuschelfaktor hat abgenommen. Was auch daran liegen dürfte, dass der neue Sharan breiter und länger ist als sein Vorgänger. Das führt übrigens zu mehr Beinfreiheit hinten, nicht aber zu mehr Ladevolumen bei drei Sitzreihen. Trotz der gewachsenen Außenmaße wirkt der Sharan zum Glück immer noch wie ein Pkw. Nur bei der Suche nach Parkmöglichkeiten machen sich die neuen Dimensionen negativ bemerkbar.

Nervenstärke gefragt

Zum Ausgleich hat unser Testwagen einen Park-Assistenten. Und das ist wirklich kurios. Sie müssen nur entscheiden, ob in Längs- oder Querrichtung geparkt wird, den Rest erledigt das Auto von alleine. Parklücke erkannt, dann Rückwärtsgang rein und der Sharan sucht sich eigenständig den Weg. Aber Achtung: Das ist nichts für schwache Nerven. Das Tempo beim Parken ist enorm, das Lenkrad kurbelt in ungeahnter Geschwindigkeit. Außerdem müssen Sie permanent darauf gefasst sein, das Steuer und vor allem die Bremse wieder zu übernehmen. Ich verspreche Adrenalin pur. Auch, weil das System noch, sagen wir, optimierungsfähig ist. Eine immerhin sechs Zentimeter hohe Bordsteinkante hat unser Testwagen beim Rückwärtseinparken leider nicht erkannt, so dass das Fahrzeug erst durch einen beherzten Tritt auf die Bremse kurz vor der Hauswand zum Stehen kam. Aber gut. In zwanzig Jahren haben wahrscheinlich alle besseren Autos einen solchen Assistenten und niemand parkt mehr per Hand.

Ob es auch im neuen Sharan so gemütlich zugeht?
Ob es auch im neuen Sharan so gemütlich zugeht?(Foto: Ferdinand Huthknecht)

Nach zwei Wochen sind wir dann wieder umgestiegen auf das 2009er Modell. Und plötzlich kam das Gefühl auf, es wäre der Passat aus den späten 80ern. Das hielt aber nicht lange an. Und schon am nächsten Tag hatte ich meinen "alten" Sharan so gern wie immer und vermisste den neuen gar nicht mehr.

Bilderserie

Es gilt die alte Weisheit: Das Auto ist nicht so wichtig. Wichtig ist, welche Musik läuft, wohin man fährt und vor allem, wer neben einem sitzt.

 

Datenblatt

Sharan 2.0 TDI DSG

Abmessungen LxBxH
4,85 / 1,90 / 1,72 m
Leergewicht
1755 kg
Sitzplätze
6
Ladevolumen
809 bis 2430 l
Maximale Zuladung
567 kg
Motor
4-Zylinder Turbodiesel, 1.968 ccm Hubraum
Getriebe
6-Gang-DSG
Leistung
140 PS (103 kW)
Kraftstoffart
Diesel
Tankinhalt
70 l
Höchstgeschwindigkeit
194 km/h
max. Drehmoment
320 Nm
Beschleunigung 0 - 100 km/h
10,9 sek
Normverbrauch
5,5 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
143 g/km
Grundpreis
Preis des Testwagens
28.875 Euro
51.250 Euro

 

Quelle: n-tv.de

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