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Die neue Street Rod 750 ist wohl die sportlichste Harley im Portfolio der US-Amerikaner.
Die neue Street Rod 750 ist wohl die sportlichste Harley im Portfolio der US-Amerikaner.(Foto: Holger Preiss)
Dienstag, 11. Juli 2017

Auch was für Sportfreunde: Street Rod 750 - eine ganz andere Harley

Von Holger Preiss

Eine typische Harley Davidson ist die Street Rod 750 nicht. Aber sie ist ein Motorrad, das mehr Facetten hat als die Geschwister aus Milwaukee. Ihre Spezialdisziplin: sportliches Cruisen. Allerdings kann das nicht jeder, wie der Praxistest von n-tv.de beweist.

ABS und Diebstahlwarnanlage gibts bei der neuen Street Rod 750 ohne Aufpreis.
ABS und Diebstahlwarnanlage gibts bei der neuen Street Rod 750 ohne Aufpreis.(Foto: Holger Preiss)

In Motorrad-Fachblättern wäre an dieser Stelle wahrscheinlich von Federwegen, Fahrprogrammen und Reifenbreite die Rede, die die Kurvenstabilität ab einer Seitenneigung von soundsoviel Grad verhindert. All das will sich der Autor an dieser Stelle klemmen und versuchen, die neue Harley Davidson Street Rod XG750 A - so viel Zeit muss sein - als das zu beschreiben, was sie laut der Idee der US-amerikanischen Motorradschmiede ist: ein Einsteiger-Bike für Leute, die ihren Weg zur Arbeit zum "Abenteuer" machen wollen. Ja, abenteuerlich ist jede Fahrt auf einem motorisierten Zweirad, denn wer hier nicht immer auch für seine vierrädrigen Kollegen im Verkehr mitdenkt, hat schnell verloren.

Natürlich meinten die Jungs in Milwaukee, die die neue Street Rod ersonnen haben, etwas anderes. Das 240 Kilogramm schwere Gerät mit seinem wassergekühlten V2 ist keine Reisemaschine. Vielmehr ist sie eine Mischung aus Sportler und Cruiser für die Kurzstrecke, zum Beispiel für den eben erwähnten Weg zur Arbeit, der sich beim Autor one way auf 35 Kilometer erstreckt. Eine Distanz, die im ersten persönlichen Empfinden durchaus hätte länger sein können, denn mit 1,75 Metern Körperhöhe hat man auf der 76,5 Zentimeter hohen Sitzbank eine geradezu perfekte Position.

Wenn der Po etwas breiter wird

Der V2 leistet 71 PS und drückt 65 Newtonmeter aufs Hinterrad.
Der V2 leistet 71 PS und drückt 65 Newtonmeter aufs Hinterrad.(Foto: Holger Preiss)

Der Knieschluss am Tank ist bündig, an der Kreuzung stehen beide Füße stabil auf dem Boden und der Körper, der dank des Drag-Bar-Lenkers in Richtung Vorderrad gezogen wird, sorgt gefühlt für zusätzliche Dynamik bei der Kurvenfahrt. Allerdings darf man es mit der Neigung nicht übertreiben, denn der Winkel beträgt rechts 37,3 Grad, links sind es 40,2 Grad. Aber Achtung, das alles stimmt nur für kleine Fahrer. Wer ab circa 1,87 Meter auf die Street Rod steigt, wird über mangelnde Balance, einen zu spitzen Anstellwinkel der Knie und eine recht bucklige Haltung zum Lenker klagen. Auch die Abstellposition der Füße auf den Rasten dürfte hochaufgeschossenen Personen wenig entgegenkommen. Alle anderen sollten sich hier zügig zurechtfinden.

Obgleich die Fußstellung auf der rechten Seite zum Bremspedal hin schon gewöhnungsbedürftig ist. So ganz ideal ist der Abstand für keinen Fahrer und selbst der Autor suchte während der Fahrt häufiger nach der besten Position. Die sucht der Fahrer übrigens auch, wenn er sich doch mal über die 100-Kilometer-Distanz mit der Street Rod wagt, denn über eine solche Strecke wird der Po auf dem Polster ganz schön breit. Das Gefühl kann so drückend werden, dass man sich mit zunehmender Zeit ab und an aus dem Sattel heben muss, um sich neu zu positionieren. Aber noch mal: Die Einsteiger-Harley ist kein Tourer und wer mit ihr Strecke machen will, der muss halt öfter eine Kaffeepause einschieben.

Druck nach vorne

Spartanisch ist das Rundinstrument der Street Rod 750 und dennoch sind alle notwendigen Informationen da.
Spartanisch ist das Rundinstrument der Street Rod 750 und dennoch sind alle notwendigen Informationen da.(Foto: Holger Preiss)

Ansprechend hingegen ist das Fahrverhalten. Der kleine High Output Revolution X V-Twin schiebt mit 71 PS und einem maximalen Drehmoment von 65 Newtonmeter ordentlich an. Allerdings stehen alle Pferde erst ab 9000 Kurbelwellenumdrehungen auf der Koppel. Dazu ist es während des Tests übrigens nicht gekommen, denn am besten fährt sich die Street untertourig. Wer ab 3000 Umdrehungen schaltet, hat ausreichend Schub, um im Verkehr gut voranzukommen. Und wer es tatsächlich krachen lassen will, der zieht den Gashahn mal richtig auf, bekommt bei 4000 Umdrehungen das maximale Drehmoment und hämmert, wenn der digitale Drehzahlmesser die 6000 streift, den nächsthöheren Gang rein.

Wer so fährt, gewinnt nicht nur den Ampelstart, sondern ist in wenigen Sekunden auf Tempo 140 gesprintet. Die erfahrene Höchstgeschwindigkeit liegt bei 180. Aber Achtung: Wenn man sonst recht lässig auf dem in Indien gebauten Ami reiten kann, muss das Körpergewicht ab 120 km/h immer weiter nach vorne verlagert werden. Zum einen, um dem drückenden Fahrtwind entgegenzuwirken, zum anderen, um mehr Gewicht auf das Vorderrad der 2,13 Meter langen Street Rod zu bringen.

Spaß am Klang

Typisch Harley, der Luftfilter der Street Rod 750.
Typisch Harley, der Luftfilter der Street Rod 750.(Foto: Holger Preiss)

Mehr Spaß am Fahren und vor allem am Klang des V2 hat man beim gepflegten Gang über Landstraßen, durch Innenstädte und unter Brücken, wenn sich das martialische Brummen und Brabbeln vervielfacht. Freunde behaupteten jedenfalls, dass man deutlich hören würde, um welche Motorrad-Schmiede es sich hier handelt. Dennoch, die kleine Street Rod 750, die im Übrigen wesentlich erwachsener geworden ist als ihre Vorgängerin, klingt lange nicht so wuchtig wie die großen Brüder. Das ist auch gut so, denn eigentlich fällt der Sport-Cruiser deutlich aus dem Portfolio heraus. Und von der Harley-Fahrer-Gemeinde wird man, wenn man mit dem Einsteiger vorfährt, eher belächelt als zum Bier eingeladen.

Aber bei den restlichen Zweiradfreunden kommt die "kleine Harley" gut an. Grüße von denen, die vorbeifahren und gehobene Daumen am Straßenrand waren schon ein erhebendes Gefühl. Optisch liegt das wohl auch an den schwarzen 17-Zoll-Leichtmetallrädern mit 120er Pneus vorn und 160er Gummis hinten. Schick auch die Blinker und das Rücklicht, die beide mit LED-Licht strahlen. Wichtig auch, dass die US-Amerikaner bei ihrem Einsteiger technisch aufgerüstet haben. Vorne beißen die Zweikolben-Schwimmsattel in zwei Scheiben, hinten in eine. Das serienmäßige ABS verhindert, dass bei eingeschlagenem Lenker und festem Bremseingriff über die Handbremse das Vorderrad blockiert. Wichtig vor allem dann, wann sich der Fahrer auf sandige, abschüssige Wege verirrt, die für den kleinen Sport-Brocken eigentlich nicht geschaffen sind.

Ein echter Feuerstuhl

Rücklicht und Blinker strahlen mit LED-Licht.
Rücklicht und Blinker strahlen mit LED-Licht.(Foto: Holger Preiss)

Was die Street Rod und damit der Fahrer auch gar nicht mögen, ist grobes Kopfsteinpflaster. Obgleich auch hier im Vergleich zum Vorgänger ordentlich nachjustiert wurde ruckelt einen die Amerikanerin immer noch ordentlich durch. Das geht so weit, dass sich die Vibration in die Gashand überträgt und ordentliche Schläge über die Gabel für ein ruckeliges Gefahre sorgen, das vor allem nach außen furchtbar albern aussehen muss. Auf glatter Straße liegt die Street Rod hingegen fast schon feinnervig auf dem Asphalt, gibt sich ruhig und spurstabil, lässt sich sanft in die Kurve legen und richtet sich problemlos wieder auf. Was nicht so ihr Ding ist, sind Kreisverkehre, also enge Radien. Hier will sie durch den Fahrer streng geführt werden.

Was der Pilot aber wirklich gar nicht mag, ist der Umstand, dass der Feuerstuhl an diversen Stellen echt Hitze entwickelt. Auf langer Tour wird der Lufteinlass auf der rechten Seite recht warm, im Stand an der Kreuzung strahlt der V2 ordentlich nach oben ab, rechts muss der Fahrer aufpassen, dass er sich die Wade nicht am höllisch heißen Auspuff versengt und links den Oberschenkel am hinteren Zylinderblock. Wer das weiß, kann sich darauf einstellen und sich beim Stillstand entsprechend zurechtrücken. Aber eigentlich sollte das nicht Ziel der Übung eines Motorradfahrers sein.

Fazit: Ab 8465 Euro ist die Harley Davidson Street Rod 750 preislich ein super Einstieg in die Welt einer legendären Marke und gleichzeitig ein echtes Angebot im Vergleich mit anderen Herstellern. Und das einmal mehr, weil sie ob ihrer Sportlichkeit eigentlich keine typische Harley ist. Deshalb verzeiht man ihr auch, dass die Qualität der verarbeiteten Materialien an einigen Stellen nicht an die der größeren Geschwister heranreicht.

DATENBLATTHarley Davidson Street Rod 750
Abmessungen (Länge)2,13 m
Radstand1,51 m
Sitzhöhe765 mm
Trockengewicht (DIN)229 kg
Gewicht fahrbereit238 kg
Bodenfreiheit205 mm
MotorHigh Output Revolution X V-Twin mit 749 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang manuell
Systemleistung52 kW / 71 PS
KraftstoffartBenzin
Höchstgeschwindigkeit180 km/h
Tankvolumen13, 1 Liter
max. Drehmoment65 Nm / bei 4000 U/min
Normverbrauch (kombiniert)4,3 Liter
Testverbrauch4,6 Liter
CO2-Emission103 g/km
Grundpreis8465 Euro
Preis des Testmotorrades8735 Euro

Quelle: n-tv.de

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