Die markanten Edelstahlblenden an den Auspuff-Endrohren sind zwar schick, bedürfen aber auch der Pflege, weil sich leicht dunkle Ablagerungen bilden.
Mittwoch, 28. Oktober 2009
Opel Insignia Sport Tourer: Volle Fracht voraus
Axel F. Busse
Sportliche Kombis besetzen nur eine winzige Nische im Markt, dennoch werden es immer mehr. Wo das Budget lediglich ein Fahrzeug im Haushalt erlaubt, sollen sie den klassischen Konflikt zwischen Fahrspaß und Familientauglichkeit auflösen. Praxistest mit dem Opel Insignia OPC Sports Tourer.
Die fetten Schlappen sagen "Achtung!". 20-Zoll-Felgen an einem Opel – wann hat es das schon mal gegeben? Und über 300 PS? Nur einmal – und das Auto war eigentlich mehr ein Lotus. Der Insignia OPC ist das Sahnehäubchen auf einer Modellreihe, mit dem der krisengeschüttelte Autobauer zielsicher in Richtung Zukunft fährt. Nur Investoren und Politiker stellen immer wieder neue Hütchen in den Slalomkurs.
Dank der ausgezeichneten Sportsitze lässt es sich im Insignia OPC auch auf langen Strecken entspannt reisen.
(Foto: Textfabrik)
Mit 4,90 Metern Länge ist der Sports Tourer, der durch den Verzicht auf den traditionellen Namen Caravan eine neue Weltläufigkeit demonstrieren möchte, rund sieben Zentimeter länger als die Limousine. Wer die gewaltige, bis in die Flanken hineinragende Heckklappe öffnet, stellt zweierlei fest: Trotz ihres hohen Gewichts ist diese kinderleicht zu bewegen und schwingt so weit auf, das Probleme mit der Stehhöhe nicht zu erwarten sind. Gleichzeitig offenbart sie aber auch, dass der Sports Tourer des Insignia niemals ein Ersatz für den Vectra Caravan sein kann. Zwar ist die Ladekante mit 60 Zentimetern erfreulich niedrig, aber der Laderaum ist an seiner flachsten Stelle nur 65 Zentimeter hoch, da stößt man mit sperrigem Gut schnell an die Grenzen bzw. an den Dachhimmel. 1530 Liter Ladevolumen bei umgeklappter Rückbank ist auch nicht eben viel. Beim Raumangebot des Gepäckabteils kann der Neue mit dem Alten zwar nicht mithalten.
Edle Note in Innern
Das gilt umgekehrt natürlich auch, was Komfort und Ausstattung angeht. Man riskiere nur mal einen Blick durch die geöffnete Fahrer- oder Beifahrertür. Die dunkle Innenausstattung des Testwagens erhielt ihre edle Note durch helle Kontrastnähte an den Polstern und Zierleisten im Klavierlack-Design, die den Cockpitbereich halbkreisförmig einfassen. Die polierten Flächen akzentuieren das stumpfe Schwarz der Mittelkonsole, alles macht einen qualitätvollen Eindruck. Beiden Oberflächen ist jedoch eine Schwäche gemein: sie sind empfindlich gegen Fingerspuren und Kratzer, da ist die Schönheit schnell dahin.
Ein wenig überfrachtet mit Schaltern zeigt sich die Mittelkonsole. Der Druck-Drehschalter in der Mitte ist ein Irrweg.
(Foto: Textfabrik)
Die Mittelkonsole würde noch gelungener wirken, wenn sie nicht so mit Schaltern und Tasten überfrachtet wäre. Der eigenartige Dreh-Druck-Knopf, der die zentralen Funktionen der Navigation steuert, wird hoffentlich der nächsten Modellpflege zum Opfer fallen, denn selbst Opel-Aufsichtsratsschef Carl-Peter Forster sagt von diesem Bedienelement: "Das ist uns durchgerutscht". Alle Funktionen von der Klimaanlage bis zur Audiosteuerung werden im zentralen Monitor dargestellt. Das ist sinnvoll und übersichtlich. Lediglich bei der Maßstabverstellung für die Navigation gibt es Frustmomente, da sie nur mit Verzögerung reagiert und man beim Drehen schnell über die Einstellung hinaus langen kann, die man eigentlich braucht.
Auffälligste Bauteile in vorderen Teil des Wagens sind die ergonomischen Vordersitze, auf die Opel besonders stolz ist. Sie wurden von dem Fahrzeugsitz-Spezialisten Recaro und Opel gemeinsam entwickelt und haben ein Qualitätsprädikat der Aktion Gesunder Rücken (AGR) bekommen. Jeder, der in diesem Sitz Platz nehmen kann - und sei es nur zur Probefahrt – merkt, dass dieses Gütesiegel zu Recht vergeben wurde. Die Verstellmöglichkeiten (65 Millimeter in der Höhe und 270 mm in der Länge) lassen fast jeden die ideale Sitzposition finden, für die Oberschenkel gibt es eine ausziehbare Auflage. Der Lendenwirbelbereich wird sauber abgestützt, seitlich und um die Schultern gibt es stabile Polster, die dazu einladen, die fahrdynamischen Möglichkeiten des Sport-Kombis auszukosten.
Gewicht hemmt das Temperament
Das Cockpit ist übersichtlich gestaltet und die indirekte Beleuchtung wird bei Aktivierung des Fahrwerksmodus "OPC" rot eingefärbt. Das feurige Schimmern kann der Fahrer auch als permanente Erinnerung werten, dass nun das Gaspedal schneller anspricht, die Drehzahlen höher sind und somit der Verbrauch nach oben geht. Härtere Dämpfung und direktere Lenkung sind jedenfalls dazu angetan, den sportlichen Charakter des OPC zu untermauern.
Immerhin hat man es ja mit 325 PS zu tun. Damit hat Opel den heißesten Insignia genau zwischen den beiden Allradkonkurrenten Passat (300 PS, 1716 Liter Laderaum) und Audi S4 Avant (333 PS, 1430 Liter) einsortiert. Der aufgeladene V6 hat 435 Newtonmeter Drehmoment, ein deutlicher Hinweis darauf, dass mit energischem Vortrieb zu rechnen ist. Sechs Sekunden, die laut Opel von null bis 100 km/h vergehen, sind ein durchaus konkurrenzfähiger Wert.
Was die gefühlte Leistungsentfaltung angeht, blieb der Sports Tourer hinter den Erwartungen zurück. Zügig zwar, aber nicht so explosiv, wie ein Kombi im Traininganzug es vermuten ließe, kam der Opel aus den Startlöchern. Eine Hauptursache für das gemäßigte Temperament dürfte das hohe Gewicht von 1940 Kilogramm sein. Das sind nicht nur 200 Kilo mehr als bei der OPC-Limousine, sondern auch deutlich mehr als bei der Konkurrenz. 1800 Kg gibt VW für den Passat an, 1720 Audi für den S4 Avant.
Kompromiss für Familienväter
Das manuelle Sechsganggetriebe der OPC ist der Kraft des Motors jederzeit gewachsen, die Schaltwege könnten allerdings etwas kürzer und das Gefühl im Hebel etwas griffiger sein. Als Soundkulisse zum Beschleunigen ließ der Testwagen ein durchaus ansprechendes Grollen und es fehlte erfreulicher Weise das Dröhnen im niedrigen Drehzahlbereich, das viele Tester noch bei der ersten Präsentation des Insignia OPC genervt hatte.
Um hohes Tempo zuverlässig zu kontrollieren, hat Opel des OPC-Modellen Bremsen von italienischen Spezialisten Brembo spendiert.
Das Fahrwerk kommt mit den unterschiedlichsten Straßenbelägen gut zurecht, der Federungskomfort ist solide. Im Tempobereich jenseits 200 km/h fielen die vergleichsweise geringen Windgeräusche auf. Das Fahrzeug liegt satt auf dem Asphalt und die erhöhte Reisegeschwindigkeit lässt sich entspannt erleben. Freude machen auch die Brembo-Bremsen, ihre Wirkung erinnert stärker ein einen Sportwagen als es die Vorwärtsbewegung tut. Sie sind auf der einen Seite gut dosierbar, packen aber auch unbarmherzig zu und vernichten zuverlässig kinetische Energie, sollte es mal eng werden. Mit einem Testverbrauch von 12,1 Litern lag der Insignia nur 0,4 Liter über dem nach EU-Norm ermittelten Wert.
Fazit: Der Insignia OPC Sports Tourer ist das Trostauto für Familienväter, die lieber einen Sportwagen hätten, dann aber den Kinderwagen auf dem Dachgepäckträger transportieren müssten. Bei einem Startpreis von 46.375 Euro bietet er gute Fahrleistungen, hohes Ausstattungsniveau und Platz für den großen Wochenendeinkauf. Der Kostenvorteil gegenüber Mitbewerbern wie dem Passat (mindestens 47.400 Euro) wird auf der Langstrecke leider durch höheren Verbrauch wieder aufgezehrt.
