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Durchdrehende Räder sprechen beim Q7 meist für ausgeschaltete Regelsysteme.
Durchdrehende Räder sprechen beim Q7 meist für ausgeschaltete Regelsysteme.(Foto: Textfabrik/Busse)

Praxistest mit dem Audi Q7 V12 TDI: Zwölfender im Schnee

Axel F. Busse

Zwölfzylinder sind alles andere als zeitgemäß. Da ist auch der Q7 V12 keine Ausnahme. Doch dass automobile Unvernunft auch Spaß machen kann, zeigt der Audi auf jeden Fall.

Wenn Schnee und Eis das Land fest im Griff haben, ist ein Allradantrieb auf alle Fälle von Vorteil. Es müssen je nicht gleich 500 PS dahinter stecken. Der Audi Q7 V12 TDI hat sie aber, auch wenn der weltweit stärkste Pkw-Dieselmotor nicht mehr so recht in die Zeit zu passen scheint. Zum Winter passt er allemal und wie zur Lust werden kann, was anderen eine Qual ist, zeigte der Praxistest.

Die gewaltige Kraft von 1000 Newtonmetern Drehmoment wird von der Elektronik auch auf rutschigem Untergrund kontrolliert.
Die gewaltige Kraft von 1000 Newtonmetern Drehmoment wird von der Elektronik auch auf rutschigem Untergrund kontrolliert.(Foto: Textfabrik/Busse)

Nicht nur Begeisterung entfachte die Audi AG, als sie im Herbst 2008 ein ohnehin schon als monströs geltendes Auto mit einem noch gewaltigeren Motor vorstellte. Inzwischen sind davon überschaubare 1034 Exemplare produziert und es bewahrheitet sich, dass Audi-Chef Rupert Stadler das Projekt mit dem "Mut zu einem faszinierenden Nischenmodell" charakterisierte. Doch anderswo, zum Beispiel in Märkten wie Russland, China oder dem Mittleren Osten ist die Umweltsensibilität nicht so ausgeprägt wie in Mitteleuropa und global aufgestellte Anbieter wollen möglichst jede Nische besetzen. Eine Debatte um Stickoxide findet in Russland allenfalls im Chemie-Unterricht der Oberstufe statt, weshalb der Q7 V12 TDI dort mit Rücksicht auf die schwankende Kraftstoffqualität sogar ohne seine beiden Partikelfilter an den Start geht.

Ein Zucken fährt durch die gewaltige Karosse, wenn der Anlasser das Sechsliter-Kraftwerk weckt. Mehr als 300 Kilogramm ist das Aggregat schwer und es faucht kurz auf, um anschließend in bedrohlich klingendes Grollen zu verfallen. Kein Zweifel, hier ist die automobile Urgewalt am Werk. Seine Einzigartigkeit macht den Q7 V12 TDI aber so einsam wie einen Dinosaurier nach dem Meteoriteneinschlag.

Einsam in der Premium-Liga

BMW und Mercedes haben dem Wettrüsten unter den Selbstzünder-Motoren bereits eine Absage erteilt. Gerade hat BMW seinen vormaligen Achtzylinder-Diesel in der 7er-Limousine durch einen doppelt aufgeladenen Sechszylinder ersetzt. Einsam ist es für den Zwölfender auch in der Audi-Modellfamilie. Dass aus dem R8 V12-Prototypen eine Serienfertigung folgt, gilt als höchst unwahrscheinlich. Gerade wird die neue A8-Generation vorgestellt, doch auch dort ist von einer V12 TDI-Motorisierung nicht die Rede. So bleibt den Mutigen, die sich zum Überfluss bekennen, ein exklusives Erlebnis: Unwiderstehlich im Antritt, souverän in der Kraftentfaltung, auf Wunsch auch leise und bequem – die Vorzüge des neuen Autos sind schwer zu bestreiten.

Fünfmeter-Karosse und 20-Zoll-Räder ergeben zusammen eine harmonische Optik.
Fünfmeter-Karosse und 20-Zoll-Räder ergeben zusammen eine harmonische Optik.(Foto: Textfabrik/Busse)

Für die stolze Summe von aktuell 132.400 Euro bekommt der Kunde mehr als 2600 Kilo Luxusauto und ein Leistungspotenzial, für das es kein Vorbild gibt: 500 PS, 1000 Newtonmeter Drehmoment, dazu  ein Beschleunigungsvermögen, das mancher halb so schwere Sportwagen gerne hätte. Es sind auch Ausstattungsdetails enthalten, die anderswo heftige Aufpreise verursachen wie zum Beispiel Lackierung in Perleffekt, Keramik-Bremsanlage und 20-Zoll-Alufelgen.

Serienmäßig gehört auch die so genannte Adaptive Air Suspension zum Lieferumfang, das ist eine elektronisch geregelte Luftfederung mit stufenlos adaptivem Dämpfungssystem an allen vier Rädern. Sie regelt automatisch Fahrzeugniveau und -dämpfung in fünf Modi. Die Niveauregulierung je nach Beladungsniveau oder Anhängerbetrieb erfolgt ebenso automatisch. Dafür muss man zu Beispiel bei den Sechs- und Achtzylinder-Modellen des Q7 genau 2575 Euro zusätzlich veranschlagen. Das niveauvolle Fahren wird da freilich am vergnüglichsten, wo andere ihr Fahrzeug lieber stehen lassen. In knöcheltiefem Schnee zum Beispiel.

Da gräbt sich die Wuchtbrumme wie an der Schnur gezogen eine Spur, die Assistenzsysteme laufen langsam warm, aber Spur- oder Traktionsprobleme gibt es nicht. Bei zuviel Schlupf regeln sie aber auch gern mal die ungestüme Kraft weg. Wenn aber genügend Platz ist, zum Beispiel auf der schneebedeckten Lichtung oder dem ungeräumten Supermarkt-Parkplatz, kann man es gern mal krachen lassen. Wie feinfühlig so ein Zweieinhalbtonner zu dirigieren ist, ist dort am am besten zu erleben.

Genügsamer Testverbrauch

Karussell-Fahren auf dem Jahrmarkt ist billiger, sagt die Verbrauchsanzeige, die bei solchem Schabernack leicht mal die 20-Liter-Marke knacken kann. Insgesamt erwies sich der Zwölfzylinder bei der Testfahrt jedoch als recht genügsam, denn mit 12 Litern im Testdurchschnitt übertraf das Auto den EU-Normverbrauch nur um 0,7 Liter. Halbierte man rechnerisch Hubraum und Praxis-Konsum, kämen sechs Liter für einen Dreiliter-Motor heraus. Wo gibt’s denn sowas? Fast 300 Gramm CO2 (laut Norm) sind allerdings ein Wert, mit dem man in ökologischen Gruppen-Gesprächskreisen keine neuen Freunde gewinnt.

Der große Kühlbedarf des Zwölfzylinders macht ebensolche Lufteinlässe an der Front nötig.
Der große Kühlbedarf des Zwölfzylinders macht ebensolche Lufteinlässe an der Front nötig.(Foto: Textfabrik/Busse)

Der großzügige Innenraum verströmt die bekannte Audi-Wohlfühlatmosphäre und man muss lange suchen, um auf Ungereimtheiten zu stoßen. Eine davon ist die schicke, aber unpraktische Alueinfassung der äußeren Lüftungsklappen. Der edle Glanz führt zu Reflexionen in der Seitenscheiben, was beim Blick in den Außenspiegel als störend empfunden werden kann.

Eine Ausgabe, die man keinesfalls scheuen sollte, wenn man schon den Entschluss gefasst hat, sich ein teures, großes und nicht eben dem Zeitgeist entsprechendes Auto zu kaufen, sind die rund 5500 Euro für ein Bang&Olufsen-Soundsystem. Aus 14 Lautsprechern und mit 1000 Watt Gesamtleistung überschwemmt einen kristallklare Höhen und zwerchfellerschütternde Bässe. Es ist ein Entscheidungsnotstand, der nur in sehr wenigen Autos erlebt werden kann, ob man nun das erhaben mahlende Laufgeräusch eines Zwölfzylinders oder das Finale Furioso der Philharmoniker genießen möchte.

Zurück in den Niederungen der täglichen Fahrpraxis: Eine Norm-Garage aus Fertigteilen sollte es keinesfalls sein, worin das Fahrzeug aufbewahrt wird. Das könnte eng werden. Der Freiluft-Parkplatz ist auch nicht zu empfehlen. Im Winter werden die fast 1,74 Metern Fahrzeughöhe schnell zum Problem, denn beim morgendlichen Enteisen liegen Teile der Frontscheibe für Normalwüchsige schon außer Reichweite.  Vor derartigen Erfahrungen schützt die Standheizung mit Timer und Funkfernbedienung für 1435 Euro extra.

Fazit

Bilderserie

Die Welt würde nicht ärmer, gäbe es den Q7 V12 TDI nicht. Aber er hat das Autofahren um eine exotische Facette bereichert. Warum Audi so ein Monstrum baut und anbietet? Weil sie es können. Es ist ein technisches Statement und bekräftigt das Selbstbewusstsein der Ingolstädter. Zwölf Liter Diesel je 100 Kilometer werden von wer weiß wie vielen Euro2-Saug-Selbstzünder verheizt, deren Besitzer die Abwrackprämie verpasst haben. Warum also denen, die es sich leisten können und wollen, den Spaß an einem Auto verleiden, das keiner braucht.

 

Datenblatt

 
Abmessungen LxBxH
5,06 / 2,0 / 1,74 Meter
Leergewicht

 

 2605 kg
Sitzplätze
5 / 7
Ladevolumen
775 Liter
Maximale Zuladung
670 kg
max. Anhängelast
(ungebremst/gebremst)
bis 750 / bis 3300 kg

 
Motor
12-Zyl-Dieselmotor
Antrieb und Getriebe
Allrad,
6-Gang-Tiptronic
max. Leistung
500 PS ( 368 kW) bei 3750 U/Min
Kraftstoffart
Diesel
Tankinhalt
100 Liter
Höchstgeschwindigkeit
250 km/h
max. Drehmoment
1000 Newtonmeter bei 1.750 bis 3250 U/Min
Beschleunigung 0 - 100 km/h
5,5 Sekunden
Verbrauch pro 100 Kilometer(Innerorts/Außerorts/Schnitt)
Testverbrauch
14,8/9,3/11,3 Liter/100 km
 
CO2-Emissionen
298 Gramm pro Kilometer
Schadstoffklasse / Feinstaubplakette
EURO 4 / Grün
Grundpreis
132.400 Euro
 

Quelle: n-tv.de

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