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Riffe: Die Regenwälder der Meere

Bis zum Jahr 2030 könnten 60 Prozent aller Korallenriffe abgestorben sein, befürchten Wissenschaftler.

Denn die "Regenwälder der Meere" gehören zu den am meisten gefährdeten Ökosystemen der Erde.

Schon geringe Erhöhungen der Wassertemperatur und des Säuregehalts der Meere durch den globalen Klimawandel gefährden die sensiblen Riffe mit ihrer komplexen Lebenswelt.

Doch die Klimaveränderungen sind nur eine drohende Gefahr. Bei der Fischerei mit Schleppnetzen werden die Korallenstöcke einfach zerstört.

Andere Fischereimethoden, wie die Dynamit- oder Blausäurefischerei verwüsten die Riffe.

Durch die Überfischung fehlen die Fische, die die Algen abweiden. Das Riff wird zunehmend überwuchert.

Hinzu kommen Schäden durch Abwässer, durch die Düngemittel und Pestizide in die Riffe gelangen.

Eingriffe in die Natur, oft in weiter Ferne, wirken sich ebenfalls auf die Riffe aus.

Durch die Abholzung des Regenwaldes nimmt die Bodenerosion zu, der ausgewaschene Schlamm erstickt die Korallen regelrecht, wenn Strömungen ihn nicht wieder abwaschen.

Nicht zuletzt wird den Korallenbänken ihre oft atemberaubende Schönheit zum Verhängnis, immer mehr Menschen reisen zu den Riffen.

Der Schnorchelurlaub ist längst kein Luxus mehr, sondern oft genug schon als Pauschalreise zu bekommen.

Doch jedes Ausflugsboot, das Anker wirft, um Touristen zu den schönsten Schnorchelplätzen zu bringen, zerstört Korallen. Gerade unerfahrene Taucher brechen zudem Teile des Riffs ab.

Die weltweite Souvenirindustrie sorgt dafür, dass Muscheln und Schnecken direkt aus den Riffen gefischt werden, um sie zu Mitbringseln zu verarbeiten.

Auch korallenfressende Organismen, Krankheitsepidemien und tropische Stürme können Riffe schädigen.

Bei der verheerenden Korallenbleiche stoßen die Korallen wegen steigender Wassertemperaturen die mit ihnen in Gemeinschaft lebenden einzelligen Algen ab.

Doch ohne die pflanzlichen Partner können auch die Korallen nicht überleben.

Das Riffökosystem ist an solche natürlichen Bedrohungen jedoch angepasst und regeneriert sich in kurzer Zeit von selbst, sofern die generellen Riffbedingungen günstig sind.

Sind die Riffe jedoch bereits vorgeschädigt, kann etwa ein Sturm oder ein El Niño-Ereignis ein Riff definitiv zerstören.

So sind die Korallenriffe, die es seit 500 Millionen Jahren und in einfacheren Formen seit drei Milliarden Jahren gibt, inzwischen vom Aussterben bedroht.

Es gibt drei Arten von Riffen: so genannte Saumriffe, die nahe der Küste wachsen, ?

? Barriereriffe, die von der Küste durch tiefere Kanäle getrennt sind und mehrere Kilometer groß werden können ?

?. und schließlich die Atolle - ringförmige Riffe, die um Inseln herum wachsen und oft vulkanischen Ursprungs sind.

Riffe gehören zu den ältesten Ökosystemen der Erde.

Sie werden von Steinkorallen "erbaut", die durch Kalkeinlagerungen Skelette bilden, aus denen schließlich Korallenbänke und schließlich Riffe entstehen.

Lange Zeit wurden Korallen für Pflanzen gehalten, bis sie im 18. Jahrhundert erstmals als Nesseltiere beschrieben wurden.

Korallen gedeihen im temperaturempfindlichen Flachwasser der tropischen und subtropischen Meere. Sie wachsen nur wenige Millimeter im Jahr.

Die empfindlichen Korallen benötigen nährstoffreiches, sauberes Wasser. Sie leben in Symbiose mit einzelligen Algen, die für ihren Energiewechsel Sonnenlicht benötigt.

Rund eine Million Arten, so die Schätzungen der Wissenschaft, konzentrieren sich in den so entstandenen Unterwasser-Landschaften.

Nirgendwo anders in den Weiten der Ozeane erreicht die Fülle des Lebens eine solch verschwenderische Vielfalt und Komplexität.

Viele dieser Arten leben in einzigartigen Verbindungen miteinander.

Mangrovenwälder, Seegräser und Phytoplankton gehören dazu, ?

? aber auch Seesterne, ...

... Schwämme, Nesseltiere und Quallen, ?

? Gliederfüßer wie Krebse, Spinnen und Garnelen?

? Würmer, Muscheln und Meeresschnecken ?

? Moostierchen, Stachelhäuter und Manteltiere ?

? Korallen und Anemonen?

? Fische und Tintenfische

? und nicht zuletzt Haie, Rochen, ...

... Reptilien und Meeressäuger.

Primitive Einzeller sind hier ebenso wie hoch entwickelte Säugetiere an einem System beteiligt, dass Wissenschaftler mit dem komplizierten Funktionieren einer Großstadt vergleichen.

Bei hoher "Bevölkerungsdichte" und Platzmangel wird in die Höhe gebaut, ?

?Putzerfische bieten ihre Dienstleistungen an, verschiedene Arten nutzen zu verschiedenen Zeiten die gleiche Höhle.

Bestimmte Arten übernehmen die Verwertung der Kadaver, andere filtern das Wasser zur Nahrungsgewinnung.

Gleichzeitig bleibt es dadurch klar und sonnendurchlässig. Selbst die abgestorbenen Korallen werden zur Stabilisierung des Riffs weiter verarbeitet.

Das Riff bei Tag unterscheidet sich deutlich vom Riff bei Nacht. Einige Arten verlassen das Riff, um im offenen Meer Nahrung zu suchen und kehren erst zum Schlafen wieder zurück.

Viele Fische wechseln zwischen Tag- und Nachtfarbe, um so für Räuber unsichtbar zu werden.

Auf dem engen Lebensraum schließen sich nicht nur Artgenossen zu Gemeinschaften zusammen.

Anemone und Anemonenfisch, Pistolenkrebs und Wächtergrundel oder Seeigel und Kardinalsfische gehen einzigartigartige Symbiosen ein, von denen beide Arten durch Schutz, bessere Futtergewinnung oder durch mehr Lebensqualität profitieren.

Die ökologische Bedeutung der Riffe ist aber noch vielfältiger.

Das Riff bildet u.a. die Kinderstube vieler Fische. Hochseefische kommen zum Ablaichen hierher oder zur Futtersuche. Dieser Fischreichtum bildet wiederum die Ernährungsgrundlage für den Menschen.

25 Prozent des asiatischen Fischfangs ist von funktionierenden Riffen abhängig.

Fällt diese "Aufzuchtstation" weg, wird sich das auch weit entfernt an den Weltmeeren bemerkbar machen.

Riffe bilden zudem natürliche Schutzwälle vor starken Ozeanwellen, die sonst mit deutlich größerer Wucht auf Land treffen würden.

Ohne die vorgelagerten Riffe würde zudem mehr Land abgetragen werden, insofern sind gesunde Riffe eine der wirksamsten Hochwasserschutzmaßnahmen, die die Natur entwickelt hat.

Einige Reichtümer der Riffe sind erst dabei entdeckt zu werden.

Hauptsächlich Schwämme, Korallen und Algen stellen ein unschätzbares Reservoir medizinisch bedeutsamer Stoffe dar.

Seit den siebziger Jahren erforscht man die Wirkung verschiedener chemischer Substanzen, die die Meerestiere erzeugen.

Man hat so schon Medikamente gegen Tumore und gegen virale Erkrankungen gefunden.

Die Riffe haben sich auch als sensible Indikatoren für Umweltveränderungen erwiesen, die früher oder später auch die Menschen betreffen.

Erst vor 20 Jahren wurden auch Kaltwasserriffe entdeckt, zum Beispiel vor der norwegischen Küste.

Diese Riffe aus Kaltwasserkorallen sind ganz andere Ökosysteme, als die Warmwasserriffe.

Ihre Korallen leben nicht in Symbiose mit Algen, weil in die Tiefen von bis zu 700 Metern kein Sonnenlicht mehr vordringt.

Zum Internationalen Jahr des Riffs 2008 zeigt das Naturkundemuseum Berlin in einer Sonderausstellung die Schönheit, aber auch die Gefährdung dieser Ökosysteme.

Unter dem Titel "Abgetaucht" können Besucher bis zum 30. September in dunklen Räumen den farbenprächtigen Lebensraum von Korallen, Schnecken, Muscheln oder Fischen bewundern.

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