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"Wendepunkt der Kirchengeschichte": Streit um Benedikt

 
Alles begann mit Johannes XXIII.: Der Papst, der 1958 als "Übergangslösung" gewählt worden war, berief das Zweite Vatikanische Konzil ein, das am 11. Oktober 1962 zusammentrat.

Alles begann mit Johannes XXIII.: Der Papst, der 1958 als "Übergangslösung" gewählt worden war, berief das Zweite Vatikanische Konzil ein, das am 11. Oktober 1962 zusammentrat.

Das Konzil tagte bis zum 8. Dezember 1965 - da saß bereits Paul VI. auf dem Stuhl Petri. Erklärtes Ziel des Konzils war die "Erneuerung" der katholischen Kirche.

Das Konzil sorgt für eine Öffnung der Kirche nach außen und innen: Sichtbarstes Zeichen in der Messe sind der Wechsel von der lateinischen Sprache zu den jeweiligen Landessprachen ...

... sowie die Drehung des Priesters: Der kehrt der Gemeinde nicht mehr den Rücken zu.

Die "Wandlung" von Brot und Wein kann seither von der Gemeinde verfolgt und verstanden werden.

Auch nach außen bringt das Konzil Veränderungen. Natürlich sieht sich die katholische Kirche weiterhin als Verwirklichung der "einzigen wahren Religion", doch bekennt sie sich jetzt zur Religionsfreiheit. (1986 besucht Johannes Paul II. als erster Papst eine Synagoge.)

Das Konzil verabschiedet zudem eine Erklärung, die Gemeinsamkeiten zu anderen Religionen betont. "Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes", heißt es darin, "trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen".

Diese Öffnung nach innen und außen geht vielen in der Kirche zu weit. Der konservative Erzbischof Marcel Lefebvre gründet 1970 die Priesterbruderschaft St. Pius X., eine Art Sammelbecken der "Traditionalisten" in der katholischen Kirche.

Der Konflikt wird zum offenen Streit. 1988 weiht Lefebvre ohne Erlaubnis des Papstes vier Bischöfe, darunter Bernard Fellay (Bild), der die Pius-Bruderschaft heute leitet; sowohl Lefebvre als auch die vier Bischöfe werden daraufhin exkommuniziert.

Das Verhältnis zwischen der Piusbruderschaft und dem Vatikan bleibt kompliziert; Mitglieder der Bruderschaft sind nicht automatisch aus der Kirche ausgeschlossen. Die Bruderschaft erkennt den Papst als Oberhaupt der Kirche an: "Die Bruderschaft handelt in der Annahme, ...

... daß Papst Benedikt XVI. Papst ist, und betet daher für ihn. Sie bemüht sich, ihn zur Rückkehr zur Tradition zu bewegen, indem sie für ihn betet, mit seiner Umgebung zusammenkommt und ihm schreibt", heißt es auf der Website der Pius-Brüder.

Mit anderen Worten: Einen Kompromiss zwischen der Bruderschaft und dem Vatikan wird es nicht geben, eine Einigung nur zu den Bedingungen der Bruderschaft.

Dennoch rehabilitiert Benedikt XVI. die vier Lefebvre-Bischöfe am 21. Januar 2009. Ein kurioser Vorgang: Die Rehabilitierung steht am Anfang eines "Dialogs", nicht am Ende.

Einer der vier Bischöfe, Bernard Tissier de Mallerais, hatte nur wenige Wochen zuvor gesagt, Benedikt XVI. sei ein "Modernist" - unter Traditionalisten ein Schimpfwort.

"Noch als Dozent Joseph Ratzinger lehrte er tatsächliche Häresien", also Irrlehren, so Mallerais weiter. Mit dem "besetzten Rom" könne es keine Versöhnung geben.

Ein anderer der vier Bischöfe, Richard Williamson, demonstriert, was "Traditionalismus" auch bedeuten kann. "Ich denke, dass zwei- bis dreihunderttausend Juden in den Konzentrationslagern gestorben sind, ...

... aber nicht ein einziger von ihnen in den Gaskammern", sagt Williamson in einem Interview mit dem schwedischen Fernsehsender SVT.

Das Interview wird in Deutschland aufgezeichnet, nahe Regensburg. "Sie könnten mich ins Gefängnis werfen lassen", sagt Williamson. "Ich hoffe, dass ist nicht Ihre Absicht."

Zwei Tage, nachdem die Rehabilitierung der Traditionalisten durch den Papst bekannt wird, distanziert sich die deutsche Bischofskonferenz von Williamson. Die Leugnung des Holocaust sei inakzeptabel, sagt ein Sprecher.

Im Vatikan betont Kurienkardinal Walter Kasper - zuständig für Ökumene und christlich-jüdischen Dialog -, den Holocaust zu leugnen sei "absolut nicht die Position der katholischen Kirche".

Weitaus schärfer äußert sich der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer. Die Laienvertretung habe "mit Entsetzen und Empörung" von der skandalösen Leugnung der Verbrechen durch Williamson erfahren.

"Wir haben immer gewusst: Zwischen der fortdauernden Ablehnung der Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils durch die Traditionalisten und ihrer tief reaktionären und freiheitsfeindlichen Haltung besteht ein enger Zusammenhang."

Es könne "nicht ernsthaft überraschen", dass aus dieser Gruppe nun auch noch der Holocaust geleugnet werde.

Kritik kommt auch aus den Reihen der deutschen Bischöfe. Aachens Bischof Heinrich Mussinghoff spricht von einem "übergroßen Entgegenkommen des Papstes" gegenüber den Traditionalisten. Jetzt müssten diese die Ergebnisse des Konzils anerkennen.

Aus jüdischer Sicht ist dieser Aspekt zweitrangig. Am 27. Januar fordert der Zentralrat der Juden, der Vatikan müsse die Rehabilitierung Williamsons zurücknehmen.

Die Piusbruderschaft entschuldigt sich für Williamson - und verpasst ihm einen Maulkorb. "Die Äußerungen von Herrn Williamson spiegeln in keiner Weise die Überzeugungen unserer Priesterbruderschaft wieder", erklärt deren Leiter Bernard Fellay.

Eine Woche nach der Rehabilitierung bekräftigt Benedikt XVI. seine Solidarität mit den Juden. Die Vernichtung der Juden sei "ein Mahnmal gegen jedes Vergessen und Leugnen", sagt er während der Generalaudienz am 28. Januar.

Dennoch friert das israelische Ober-Rabbinat den Kontakt zum Vatikan ein. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland bricht den offiziellen Dialog mit der katholischen Kirche ab.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, sagt, er könne verstehen, "dass unsere jüdischen Brüder betroffen sind". Die zeitliche Verknüpfung der Veröffentlichung aus dem Vatikan und der Nachricht über den Holocaust-Leugner sei "tragisch".

Häufig wird der Papst mit der Unfähigkeit seiner Mitarbeiter entschuldigt. "Wer die Schoa leugnet, kann nicht in seinem kirchlichen Amt rehabilitiert werden", sagt der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn. Hier hätten "Mitarbeiter nicht genügend hingeschaut".

Auch Kurienkardinal Kasper spricht von einem Fehler der Vatikanverwaltung. Es habe Missverständnisse und "Fehler im Management der Kurie" gegeben.

Am 30. Januar kritisieren fast alle katholischen Theologie-Professoren der Universitäten Münster, Tübingen und Freiburg die Rehabilitierung Williamsons. Sie befürchten einen "Wendepunkt der Kirchengeschichte".

Williamson, der dieses Priesterseminar in Argentinien leitet, äußert sich nun doch. Er entschuldigt sich - für die von ihm ausgelösten "unnötigen Verunsicherungen und Probleme". Für ihn habe nur die Wahrheit Bedeutung, schreibt er.

Sein weinerlicher Brief endet mit einem Zitat aus dem Alten Testament: "Jonas sagte: 'Werft mich ins Meer, dann wird es sich beruhigen. Ich weiß, dass dieser Sturm nur meinetwegen über euch gekommen ist'."

Am 31. Januar macht der Papst mit Gerhard Maria Wagner einen Mann zum Weihbischof von Linz, der in "Harry Potter" Satanismus sieht und den Hurrikan "Katrina" für eine gerechte Strafe für eine sündige Stadt hält.

Am selben Tag distanziert sich der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, von der Rehabilitierung der vier Traditionalisten. Religionsfreiheit, Ökumene, Dialog mit dem Judentum und die Liturgiereform gehörten zum unverzichtbaren Erbe des Konzils.

Der Hamburger Bischof Werner Thissen zieht nach: "Einen Holocaust-Leugner zu rehabilitieren, ist immer eine schlechte Entscheidung", sagt er. Da sei schlampig gearbeitet worden.

Lediglich der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner nimmt Benedikt in Schutz. Williamsons Äußerungen seien "unglaublich dumm und völlig indiskutabel". Aber dem Papst sei es darum gegangen, für die Einheit der Kirche zu sorgen.

Der kritische Theologe Hans Küng sieht Papst Benedikt mittlerweile als zweiten George W. Bush. "Wir brauchen einen Papst wie Obama", fordert Küng bei n-tv.

Der Dialog zwischen Juden und katholischer Kirche sei schwer beschädigt, sagt der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, ebenfalls bei n-tv. Die Piusbrüderschaft sei zutiefst fundamentalistisch, antisemitisch und reaktionär.

"Ich glaube, wer mit Schmutz werfende Hetzer umarmt, wird auf die Dauer selbst nicht sauber bleiben können", sagt Graumann. "Die Kirche muss wissen, wen sie sich da ins Boot holt."

Schließlich schaltet sich sogar die Bundeskanzlerin in die Affäre ein. "Es geht darum, dass von Seiten des Papstes und des Vatikans sehr eindeutig klargestellt wird, dass es hier keine Leugnung geben kann", sagt Angela Merkel.

Diese Klarstellung sei aus ihrer Sicht "noch nicht ausreichend erfolgt". Merkel ist die erste Regierungschefin, die sich in den Fall einschaltet.

Der Vatikan weist ihre Kritik zurück. Der Fall sei "abgeschlossen", sagt Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone.

Derweil fordert der Berliner Erzbischof, Georg Kardinal Sterzinsky, eine Korrektur der Williamson-Rehabilitierung. "Dass sie überprüft wird, das muss, glaube ich, sofort angekündigt werden."

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke kritisiert dagegen Merkel. Es sei "unbegreiflich und empörend", wenn die Bundeskanzlerin "vom Papst klare Worte fordert in einem Zusammenhang, in dem gerade Papst Benedikt es nie an Eindeutigkeit hat fehlen lassen".

Bei der Generalaudienz am 4. Februar gibt es vom Papst keinen Kommentar zum Streit um die Rehabilitierung.

Am selben Tag veröffentlicht der Vatikan eine Pressemitteilung. Um als katholischer Bischof vollständig rehabilitiert zu werden, "muss Williamson in unmissverständlicher Weise öffentlich Abstand nehmen von seinen Erklärungen zur Shoah".

"Die Äußerungen von Monsignore Williamson sind absolut inakzeptabel und werden vom Papst abgelehnt." Im Übrigen habe Papst Benedikt XVI. von der Holocaust-Leugnung Williamsons nichts gewusst. (Bilder: AP / rts / dpa)

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