DeleteMe
Montag, 24. September 2007

Raimund Brichta: Schampus aus Abwasser

Was Jesus konnte, können unsere modernen Investmentbanken auch: Gemeinsam mit den Rating-Agenturen verwandeln sie Wasser in Wein. Das Prinzip funktioniert so: Zuerst suchen die Banken nach Krediten von weniger zahlungskräftigen Schuldnern, kaufen sie zu Tausenden auf und "schütten" sie in einen großen Pool. Jeder einzelne Kredit ist dabei mit einer relativ hohen Ausfallwahrscheinlichkeit behaftet, da diejenigen, die sich das Geld geliehen haben, - wie gesagt - nicht zu den kreditwürdigsten Leuten gehören. Von einer Rating-Agentur bewertet, bekämen diese Kredite also relativ schlechte Noten. Vorteil dagegen: Diese Schuldner zahlen - wegen des höheren Risikos - vergleichsweise hohe Zinsen.
 
Nachdem das Becken nun mit Tausenden solcher Kredite gefüllt wurde, werden "Anrechte" am Pool weiterverkauft, und zwar in verschiedenen "Schichten". Den Käufern der obersten Schicht wird gesagt: "Zahlungen, die von den Schuldnern aus dem Pool kommen, gehen zuerst an Euch." Erst wenn die oberste Schicht vollständig befriedigt ist, kommt die nächste an die Reihe. Und so geht es schichtweise weiter - bis zu den Käufern der untersten Schicht, die ihr Geld als Letzte bekommen. Umgekehrt werden sie natürlich die Ersten sein, die von Zahlungsausfällen betroffen sind.
 
Die Ausfallwahrscheinlichkeit jeder einzelnen Schicht wird von Rating-Agenturen nach komplizierten mathematischen Modellen berechnet. Am Ende steht aber - und das ist für den Käufer (sprich Anleger) entscheidend - eine "Note" für jede Schicht. Nach dieser Note treffen die Anleger ihre Entscheidungen, in welche Schicht sie investieren: In eine untere mit höherem Risiko, dafür auch höherer Verzinsung, oder in eine obere mit geringerem Risiko und entsprechend niedrigerem Zins.
 
Das Wunderbare dabei ist, dass der überwiegende Teil der Schichten (häufig 80-90% des gesamten Pools) die Note "ausreichend" und besser bekommt - die oberste Schicht sogar ein "sehr gut", also eine 1. Und das, obwohl der Pool nur aus Krediten minderwertiger Qualität besteht, die, würde man sie EINZELN bewerten, in den meisten Fällen nur eine 5 bekämen.
 
So machen Banker und Agenturen aus Wasser Wein und produzieren dabei sogar zahlreiche "edle Tropfen" mit Prädikat.
 
Aber es kommt noch besser: Was passiert, wenn man die untersten Schichten aus einem Pool gar nicht an "Endkunden" verkauft, sondern sie in ein weiteres Becken gießt? Wenn man dieses Becken dann mit den unteren Schichten anderer, ähnlicher Pools auffüllt? Genau: Aus all dieser minderwertigen Flüssigkeit entsteht natürlich nach demselben Prinzip wieder ein Gemisch, dessen Oberschicht von den Rating-Agenturen Bestnoten erhält und deshalb von den Investmentbanken als "Prädikatserzeugnis" verkauft werden kann. Das ist mehr, als Jesus vollbringen konnte. Denn damit wird aus Abwasser Champagner gemacht!
 
In den Verkauf gelangen solche Erzeugnisse, nachdem sie mit angelsächsischen Kürzeln versehen worden sind wie "RMBS" (Residential Mortgage Backed Securities) für den erstgenannten Beispiel-Pool oder "CDO" (Collateralized Debt Obligation) für einen Pool nach der zweiten Methode. Das Ganze geht so lange gut, wie sich die Ausfallraten solcher Kredite im "normalen" Rahmen der statistischen Wahrscheinlichkeiten bewegen. Wenn sich aber die Zahlungsschwierigkeiten solcher Leute "ungewöhnlich" häufen - so wie zuletzt in den USA nach dem Ende des Immobilienbooms -, dann kann das, was anfangs als "feines Tröpfchen" daherkam, schnell zur übelriechenden Brühe werden.
 
Raimund Brichta

Quelle: n-tv.de