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Buck verfilmt Kehlmann - und scheitert: Die Vermessung des Mittelmaßes

Von Markus Lippold

Wo es einen Bestseller gibt, ist die Verfilmung nicht weit. So ergeht es auch Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt". Doch statt subtilen Witz und ironische Zuspitzung der Vorlage einzufangen, setzt Regisseur Detlev Buck auf Kalauer und Klischees. Auch schöne 3D-Bilder aus Südamerika reißen die Literaturverfilmung nicht raus.

Fiktiv ist die Begegnung der gealterten Wissenschaftler Gauß (Fitz, l.) und Humboldt (Schuch) 1828 in Berlin.
Fiktiv ist die Begegnung der gealterten Wissenschaftler Gauß (Fitz, l.) und Humboldt (Schuch) 1828 in Berlin.(Foto: 2012 Warner Bros. Ent.)

Mit "Die Vermessung der Welt" eroberte Daniel Kehlmann 2005 die Bestsellerlisten - und hielt sich wochenlang auf den vordersten Plätzen. Doch nicht nur in Deutschland wurde der aus Fiktion und historischen Fakten gemischte Roman des Deutsch-Österreichers ein großer Erfolg, auch international wurde er als Sensation gefeiert. Die lakonische Sprache, der stille Humor, aber auch die subtile Kritik an der Verehrung deutscher Denker machten den Autor zum Star, das Buch zum Dauerbrenner und schließlich zur Schullektüre.

So selten es ist, dass ein deutschsprachiger Roman auf der ganzen Welt Erfolge feiert, so sicher ist, dass er irgendwann verfilmt wird. Wenn der Autor das will. Patrick Süskind etwa gab seinen Welterfolg "Das Parfum" erst 20 Jahre nach Erscheinen zur Verfilmung frei. Daniel Kehlmann ist da schneller: "Die Vermessung der Welt" kommt nach nur sieben Jahren ins Kino. Darüber hinaus schrieb Kehlmann selbst - zusammen mit Regisseur Detlev Buck - das Drehbuch und war auch sonst eng in die Dreharbeiten eingebunden, bis hin zum Schnitt und einer kleinen Sprechrolle.

Humboldt bereist Südamerika - seine Entdeckungen machen ihn weltberühmt.
Humboldt bereist Südamerika - seine Entdeckungen machen ihn weltberühmt.(Foto: 2012 Warner Bros. Ent.)

Dass der Film trotz der Mitarbeit des Autors in eine ganz andere Richtung als die Vorlage geht, ist an sich nicht schlimm. Schließlich hat eine Verfilmung das Recht, ein Buch auf ganz eigene Weise zu interpretieren. Das gebietet nicht nur die visuelle Form des Films (zumal wie hier in 3D), sondern auch der aus der begrenzten Zeit entstehende Zwang zur Auslassung wesentlicher Aspekte des Buches. Das eigentliche Problem ist jedoch, dass Bucks Verfilmung viel zu oft ins Gegenteil abdriftet: Statt Unterhaltung herrscht Langeweile, statt subtilem Witz setzen Autor und Regisseur zu oft auf platte Sprüche und Kalauer, statt ironischer Zuspitzung gibt es Klischees zu bestaunen. Zu selten trifft der Film den lakonischen Ton und den Humor der Vorlage.

Tiefe des Dschungels und Weite der Steppe

Gauß bleibt seiner Heimat treu - weltberühmt wird er trotzdem. Und er erobert das Herz von Johanna Krieps.
Gauß bleibt seiner Heimat treu - weltberühmt wird er trotzdem. Und er erobert das Herz von Johanna Krieps.(Foto: 2012 Warner Bros. Ent.)

Als eines der Probleme erweist sich dabei ausgerechnet der Aufhänger des Buches, die parallel erzählte Doppelbiografie zweier deutscher Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts: Auf der einen Seite steht Alexander von Humboldt (dargestellt von Albrecht Abraham Schuch), der Erforscher Südamerikas, auf der anderen der bedeutende Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß (Florian David Fitz). Aus dem Aufeinandertreffen des durch die Welt reisenden Forschers und des im stillen Kämmerlein sitzenden Theoretikers zieht der Roman seine Spannung.

Der Film dagegen hat seine schönsten Momente fast allesamt in der Darstellung der Entdeckungen Humboldts und seines französischen Begleiters Aimé Bonpland (Jérémy Kapone). Die Reise durch Südamerika und die kurzen Szenen in Asien sind bildgewaltig, farbenfroh und zeigen immer wieder ungewöhnliche Blickwinkel auf. Überzeugend erlaubt die 3D-Technik hier Einblicke in die unheimliche Tiefe des Dschungels oder in die endlosen Weiten der Steppe und zeigt eindrücklich das Verhältnis zwischen menschlichem Forscherdrang und natürlicher Erhabenheit.

Tiefer Einblick in 3D: Gauß vergnügt sich mit der Prostituierten Nina (Anastasiia Dmitrievna Kyryliuk).
Tiefer Einblick in 3D: Gauß vergnügt sich mit der Prostituierten Nina (Anastasiia Dmitrievna Kyryliuk).(Foto: 2012 Warner Bros. Ent.)

Doch erweisen sich diese beeindruckenden Bilder leider als zu oberflächlich. Die wissenschaftliche Revolution, die Humboldt mit seiner Reise auslöste, wird zu wenig thematisiert: Die Entdeckung der Verbindung zwischen Orinoco und Amazonas, die Fast-Besteigung des Chimborazo (damals ein Höhenrekord), die Auseinandersetzung mit der Sklaverei und der Rolle der katholischen Kirche, die ständige Sorge Humboldts um die Messinstrumente bei gleichzeitiger Ignoranz des schlechten Gesundheitszustands seines Begleiters, schließlich der permanente Kampf gegen die Naturgewalten - was im Buch ein stimmiges Gesamtbild ergibt, ist im Film eine stichpunktartige Abhandlung.

Der durchtrainierte Stubenhocker

Diese inhaltliche Schwäche verstärkt sich bei der Darstellung von Gauß' komplexen Gedankengebäuden. Nur einmal schöpft der Film hier seine visuelle Kraft voll aus: Eine Szene zeigt den jungen Gauß in seiner Klasse, die von ihrem Lehrer eine schwierige Rechenaufgabe gestellt bekommt. Aus dem im Klassenraum schwebenden Kreidestaub formt sich dabei die Lösung, die Gauß in seinem Kopf errechnet. Warum diese großartige Form der Visualisierung nicht öfter eingesetzt wurde, bleibt ein Rätsel. Zumal sich Gauß' astronomische, geometrische und vermessungstechnische Entdeckungen perfekt für räumliche Umsetzungen in 3D geeignet hätten.

Fast gelungen: Humboldt (l.) und Bonpland besteigen den Chimborazo.
Fast gelungen: Humboldt (l.) und Bonpland besteigen den Chimborazo.(Foto: 2012 Warner Bros. Ent.)

Doch auch sonst zeigen die Szenen, die Gauß' Leben beschreiben, Schwächen. Der charmante, durchtrainierte Fitz ist nun mal das Gegenteil eines misanthropischen, stubenhockenden Mathematikers, der viel Wert auf "Haus, Frau, Mütze" legt - die mürrische Figur des Buches ist kaum noch zu erkennen. Die Beziehung zu seiner Frau Johanna (Vicky Krieps) und das zerrüttete Verhältnis zu seinem Sohn (kurzer und guter Auftritt: David Kross) sind im Roman wesentlich ambivalenter, wirken im Film aber aufgesetzt. Auch die Neigung zum Klischee etwa in der debil-kalauernden Darstellung des Herzogs von Braunschweig und der eines motzenden preußischen Offiziers stößt bitter auf. Ein Lichtblick ist dagegen Katharina Thalbach als Gauß' Mutter, die deren intellektuelle Unterlegenheit und gleichzeitige Sorge um den genialen Sohn überzeugend einfängt.

Nicht die Tiefe der Vorlage

Trotz fast schon opulenter Bilder und interessanter Perspektiven, gelungener Ausstattung und einigen guten Szenen (etwa die toll animierte Atlantiküberquerung Humboldts) erreicht die Verfilmung von "Die Vermessung der Welt" an keiner Stelle die Tiefe der Vorlage. Fast hat man das Gefühl, dass Drehbuchautor Kehlmann seinem Roman nicht zutraut, auch ohne Kalauer und Klischees ein unterhaltsamer Film zu sein. Dass es Humboldt und Gauß trotz ihrer so unterschiedlichen Herangehensweisen um die Eroberung von Räumen geht, kann der Film nicht überzeugend umsetzen.

Dass ausgerechnet ein 3D-Film an diesem Thema scheitert, ist symptomatisch für den nicht nur hier zu sehenden unausgereiften Umgang mit der neuen Technik. Sein Publikum wird der von WDR, ARD Degeto, BR, NDR und SWR aus öffentlich-rechtlichen Mitteln mitfinanzierte Film trotzdem finden, und sei es im Unterricht zur Begleitung der Romanlektüre.

Der Film "Die Vermessung der Welt" startet am 25. Oktober 2012 in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de