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Brennende Wasserhähne haben nichts mit "Fracking" zu tun, beharrt die Industrie.
Brennende Wasserhähne haben nichts mit "Fracking" zu tun, beharrt die Industrie.

Feuer aus Wasserhähnen: "Gasland": Was kostet die Natur?

von Samira Lazarovic

Der US-Erdgas-Boom erreicht eines Tages auch Josh Fox. Er erhält ein Angebot für sein Grundstück, unter dem Erdgas ist. Der Filmemacher macht sich auf den Weg, um mehr über die Methoden der Energiekonzerne zu erfahren - und fördert Erschreckendes zu Tage.

100.000 US-Dollar als Pachtgebühr für sein Land. Das ist das Angebot, das Dokumentarfilmer Josh Fox in seinem Briefkasten findet. 100.000 Dollar für das Grundstück in Pennsylvania, auf dem seine Hippie-Eltern in den 1970ern das rote Holzhaus bauten, in dem er und seine Geschwister aufwuchsen. 100.000 Dollar Pacht für den Wald, die Wiesen und den Fluss, von dem er jede Biegung kennt. Was gibt es dort, das dem Absender, einem Energiekonzern, so viel Geld wert ist? Die Antwort: Erdgas.

Fox’ Grundstück liegt auf der sogenannten "Marcellus Shale", einer Naturformation, die enorme Erdgasvorkommen und damit ein milliardenschweres Geschäft birgt - "das Saudi-Arabien des Erdgases". Mit Hilfe einer unter anderem von der US-Firma Halliburton entwickelten Methode namens "Fracking" pressen die Firmen das Erdgas aus dem Boden - "keine sehr invasive Methode, kein großes Problem, und Sie werden all das Geld haben". Ist es wirklich so einfach, an 100.000 Dollar zu kommen?, fragt sich Fox. Und: Ist "Fracking" wirklich sicher? Der Filmemacher und Grundstücksbesitzer legt den Scheck beiseite und macht sich mit seiner Kamera auf die Suche nach Antworten.

Das Halliburton-Schlupfloch

Als erstes will er wissen, was "Fracking" überhaupt ist. Nicht nur in den USA wird Erdgas gerne als saubere Energie gepriesen, die nicht nur billiger als Öl ist, sondern auch Unabhängigkeit von den erdölproduzierenden Ländern verspricht. Was Josh Fox beim genaueren Hinschauen sieht, ist ein weitaus schmutzigeres und riskanteres Geschäft. Beim "Hydraulic Fracking" wird mittels einer Sonde eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien in das öl- oder gashaltige Gestein gepumpt, die eine Art Mini-Erdbeben auslöst und so die Rohstoffe freisetzt.

Mit dieser Methode lassen sich Reserven erschließen, die bisher unerreichbar waren. 2005 sorgte der damalige US-Vizepräsident und einstige Halliburton-Chef Dick Cheney im Kongress dafür, dass den Energiekonzernen dieses Milliardengeschäft nicht entgeht. Auf Betreiben von Cheney wurde im "Energy Policy Act" das "Fracking" als Ausnahme zum "Clean Water Act" rechtlich festgeschrieben, ein Deal, der seither inoffiziell als "Halliburton Loophole" (etwa: "Halliburton Schlupfloch") bekannt ist.

Schwer fassbare Antworten vor dem Kongress ...
Schwer fassbare Antworten vor dem Kongress ...

Aber nicht nur, dass die beim "Fracking" verwendeten Chemikalien zum Teil in die umgebenden Felder und Bäche abgelassen werden - eine Untersuchung des US-Kongresses vom April 2011 summiert die 2005 bis 2009 eingesetzten Mengen an Frac-Hilfsstoffen, die krebserregende Verbindungen erhalten, auf über 43 Millionen Liter - der ganze Vorgang an sich verschlingt zudem weitere Millionen Liter Wasser.

Die Energiekonzernen wimmeln Josh Fox bei seiner Recherche ab, es gibt weder Aussagen zu den geplanten Bohrungen, noch zu der genauen Zusammensetzung der verwendeten Chemikalien, dieses Geheimnis wird besser gehütet als die Rezeptur für Coca Cola. Staatliche Umweltorganisationen reagieren defensiv bis aggressiv auf seine Fragen, hinter einer Kamera sei es schließlich immer leichter, Vorwürfe zu erheben, heißt es.

Brennende Wasserhähne

Also reist Fox dorthin, wo bereits nach Gas gebohrt wird, um sich selbst ein Bild zu machen. In Colorado, Wyoming, Utah und Texas hört er erschreckende Geschichten. Vielerorts veränderte das Trinkwasser bereits nach den ersten Bohrungen in der Nachbarschaft Farbe und Geschmack. Haus- und Nutztieren fallen Haare aus, Asthma- und andere Erkrankungen häufen sich, einige Menschen leiden unter schweren Vergiftungserscheinungen. Da sind brennende Wasserhähne, aus denen das Gas strömt, fast schon ein willkommener Grund für Galgenhumor.

Erschreckende Bilder, aber keine Seltenheit.
Erschreckende Bilder, aber keine Seltenheit.

Allen Betroffenen gemeinsam ist die große Hilflosigkeit. Die Firmen behaupten, dass ihr Wasser trinkbar sei, lehnen aber einen Probeschluck ab. Wer es schafft, vor Gericht eine Entschädigung einzuklagen, wird mit Verschwiegenheitsklauseln mundtot gemacht. Entlang an Straßen, wo kilometerlang ein Bohrturm neben den anderen steht, vorbei an Sprinkleranlagen, die chemisch verseuchtes Wasser in die Luft pusten, oder an wunderschönen Landschaften, in denen Kinder nicht draußen spielen dürfen, trifft Fox auf unzählige Familien, die das Gefühl haben, betrogen worden zu sein, ohne das auch beweisen zu können.

Etwas geht hier fürchterlich schief. Dieses Gefühl bestätigt sich für Fox, je weiter er reist. Sein Weg führt ihn schließlich vor den Kongress in Washington zu einer Anhörung zum Thema "Fracking". Die dort von Lobbyisten und Industrievertretern gegebenen Antworten lassen nicht nur Josh Fox, sondern auch den Zuschauer an der Menschheit verzweifeln.

Bilder, die sich einbrennen

Dokumentarfilme, die mit einfachen Mitteln Unternehmen und Regierungen entlarven und Menschen aufrütteln, haben spätestens seit Michael Moore Hochkonjunktur. Josh Fox machte sich zunächst alleine mit seiner Kamera auf den Weg, erst später kamen Helfer dazu. In 18 Monaten ist dabei ein erschreckender, aber streckenweise auch poetischer Dokumentarfilm entstanden, der beim Sundance Festival 2010 ausgezeichnet wurde und für den Oscar 2011 nominiert ist.

Mit Gasmaske und Banjo auf der Suche nach Antworten.
Mit Gasmaske und Banjo auf der Suche nach Antworten.

Anders als Michael Moore ist Fox ein ruhiger Erzähler. Er ist der einfache Junge aus Pennsylvania, der im Grunde nur Banjo spielend am Fluss seiner Kindheit sitzen will und staunend auf sein Land blickt. Ein Land, das Unternehmen erlaubt, binnen Stunden das zu zerstören, was Mutter Natur in Millionen von Jahren geschaffen hat. Das mag zum Teil auch eine Pose sein, schließlich hat Fox schon mehrere Filme produziert sowie mit der International WOW Company eine Theatergruppe mit über 100 Schauspielern, Tänzern und Musikern gegründet, ist also mitnichten ganz neu im Geschäft. Dennoch ist sein Film wahrhaftig, denn auch er hat diesen Brief von den Energiekonzernen bekommen und redet mit den anderen Betroffenen auf Augenhöhe. Und sollten wir nicht alle staunen und entsetzt darüber sein, welchen Preis wir für unseren energiefressenden Lebensstil zu zahlen bereit sind?

Gekauft und vergiftet

Die Menschen in der Dokumentation haben in jeden Fall einen zu hohen Preis gezahlt. Meist aus einfachen Verhältnissen stehen sie der Industrie und den Lobbyisten machtlos gegenüber. "Es ist eine alte Tradition, dass die Unternehmen diejenigen kaufen, die sie vergiften", heißt es in "Gasland" . Das mag richtig sein, doch spricht es die Unternehmen nicht frei. Ganz abgesehen von denjenigen, die sich nicht kaufen ließen, die aber irgendwann von Gasbohrtürmen eingekreist wurden.

Was kann dieser Fluss den Energiekonzernen bedeuten?
Was kann dieser Fluss den Energiekonzernen bedeuten?

Den Nerv der Gasindustrie hat Josh Fox in jedem Fall getroffen, so gab es mehrfach Einsprüche gegen den Film. Mehrere industrienahe Organisationen werfen Fox eine schlampige Faktenrecherche vor. Im englischen Wikipedia-Eintrag zum Film gibt es etwa Gegendarstellungen zu den Vorfällen mit den brennenden Wasserhähnen - die keinesfalls auf die Erdgasbohrungen, sondern vielmehr auf ein natürliches Bio-Methangas-Vorkommen zurückzuführen seien.

Josh Fox hat mit Gasland sein Thema gefunden und arbeitet bereits an "Gasland 2". Das Thema: die Ölsandgewinnung in Kanada. Die 100.000 Dollar hat Fox nicht genommen, aber er hat die Chance ergriffen, sich und anderen die Augen zu öffnen, und wenn er sich dafür auch mal bei Protesten verhaften lassen muss. Die Zahl seiner Anhänger, der "Fracktivists" wird immer größer.

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Quelle: n-tv.de