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Resolut, durchsetzungsstark - und die Frisur sitzt: Meryl Streep in der Rolle der " Eisernen Lady".
Resolut, durchsetzungsstark - und die Frisur sitzt: Meryl Streep in der Rolle der " Eisernen Lady".(Foto: Concorde)

Die Eiserne Lady: Von der Krämerstochter zur Staatschefin

Von Andrea Beu

Margaret Thatcher ist die erste und bislang einzige Frau, die in 10 Downing Street einzog. Für ihre Politik, die Großbritannien verändert, wird sie geliebt und gehasst. In der Verfilmung ihres Lebens brilliert Meryl Streep, die dafür mit ihrem dritten Oscar belohnt wird - verdient!

Auf die Perlenkette wollte sie auf keinen Fall verzichten, ...
Auf die Perlenkette wollte sie auf keinen Fall verzichten, ...(Foto: Concorde)

Eine alte Frau schlurft durch den Supermarkt, kauft eine Tüte Milch, an der Kasse ist sie schockiert vom hohen Preis und wird von einem kopfhörerbestückten jungen Mann unsanft zur Seite gedrängelt. Spätesten als sie wieder zu Hause ankommt, scharf bewacht von Sicherheitspersonal, umgeben von dienstbaren Geistern, merkt der Zuschauer: das ist Margaret Thatcher! Die eisenharte, unnachgiebige Politikerin, geliebt und gehasst – heute eine alte Dame, die Hilfe benötigt.

Und wenn man es nicht schon vorher gewusst hat, muss man in dem Gesicht der alten Dame schon länger suchen, um darin Meryl Streep zu entdecken – die Maske hat Großartiges geleistet (und dafür zu Recht einen Oscar bekommen). Zusammen mit der Frisur – natürlich! Die typische Frisur! - der stets akkuraten Kleidung und der stets präsenten Handtasche ersteht vor den Augen der Zuschauer glaubhaft Maggie Thatcher, die "Eiserne Lady".

Und natürlich durch die Schauspielkunst der Streep. Sie kann einfach alles – sie kann strahlend und schön sein, aber hat auch Mut zur Hässlichkeit. Sie kann lustige Rollen verkörpern und tragische, sie ist zart und zerbrechlich und dann wieder zackig und zielstrebig, auch hart – so wie zuletzt sehr überzeugend in "Der Teufel trägt Prada". Und nun die Rolle als Margaret Thatcher – ebenso eine Frau mit vielen Facetten, von denen die meisten Menschen aber nur die "eiserne" kennengelernt haben.

Geliebt und gehasst

... den Hut legte sie auf Anraten von "Stylingberatern" allerdings später ab.
... den Hut legte sie auf Anraten von "Stylingberatern" allerdings später ab.(Foto: Concorde)

An Maggie Thatcher scheiden sich bis heute die Geister, sie wurde und wird geliebt und gehasst – die einen schätzen ihre Politik der starken, harten Hand, die das Land schließlich wirtschaftlich wieder vorangebracht habe, andere sehen ihre Regierungszeit als eine Epoche der sozialen Kälte in Großbritannien an, in der sie mit einer Härte und Unnachgiebigkeit ihren Kurs verfolgte, den ihr ebenjenen wenig schmeichelhaften Spitznamen "Eiserne Lady" eingebracht hat.

Der Film über ihr Leben beginnt mit Thatcher heute, mittlerweile weit über 80 (geboren 1925) - immer noch geachtet und geehrt. Sie bekommt Einladungen zu Abendessen, zu Veranstaltungen und zur Enthüllung ihres Bildnisses in 10 Downing Street – worauf sie sehr stolz ist. Aber "MT", wie sie ihr Ehemann kurz, knapp und liebevoll nennt, leidet seit einigen Jahren an Demenz: Sie erinnert sich an manches nicht mehr so gut und bespricht immer noch vieles, was sie beschäftigt, mit Ehemann Denis (Jim Broadbent) - der ist allerdings schon lange tot. Aber er erscheint im Film – in Margret Thatchers Kopfkino - so präsent, dass man meint, er lebte noch. Sie tanzen, sie lachen, er rügt sie, wenn sie zu viel trinkt ...

Haus voller Erinnerungen

Die gemeinsame Wohnung steckt voller Erinnerungen – da sind nicht nur alte Fotos, sondern auch Schränke mit ehemals sehr teuren Anzügen und Schuhen von Denis. Die sollen endlich weg – die Tochter drängt darauf, das lange Verschobene endlich hinter sich zu bringen. Während also "MT" die Sachen ihres Mannes aussortiert, steigt die Vergangenheit mit aller Macht in der Gegenwart hoch. Sie denkt sie an ihre gemeinsamen Jahre, an ihr Kennenlernen – ihr gesamtes Leben breitet sich in Rückblenden vor dem Zuschauer aus.

Der Mann an ihrer Seite: Denis Thatcher feiert mit Margaret ihren Wahlerfolg.
Der Mann an ihrer Seite: Denis Thatcher feiert mit Margaret ihren Wahlerfolg.(Foto: dapd)

Und was für ein Leben! Von der Krämerstochter zur ersten Premierministerin von Großbritannien - eine beachtliche und beileibe nicht alltägliche Karriere. Auf ihre Herkunft - ein immer wieder gern von politischen Gegnern und innerparteilichen Rivalen genommener Anlass, um sich über sie lustig zu machen - ist sie stolz. Zwar war ihr Vater Kolonialwarenhändler, aber auch Bürgermeister ihrer Geburtsstadt Grantham – das politische (und konservative) Blut hat sie also von ihm, hört ihm schon als Jugendliche begeistert zu.

"Das Leben muss etwas bedeuten"

Und noch ein Grund, stolz zu sein: Sie bekommt einen Studienplatz in Oxford. Natürlich sagt der Vater: "Kind, enttäusche mich nicht!" Und natürlich tut sie das nicht und schafft den Abschluss – in Chemie, arbeitet sogar einige Jahre als Chemikerin, bevor sie ihre politische Karriere beginnt. Erstmals kandidiert sie 1950 für die Tories bei den Unterhauswahlen. Dabei begegnet sie der Liebe ihres Lebens, dem Unternehmer Denis Thatcher. Als er ihr einen Heiratsantrag macht, stellt sie sogleich klar: Sie wird ihren Weg weiter verfolgen, sie wird kein Hausmuttchen: "Ich werde nicht sterben, während ich eine Tasse Tee spüle!" Das müsse Denis akzeptieren – für ihn kein Problem, denn genau deswegen heiratet er sie ja. Aus heutiger Sicht eine erstaunlich fortschrittliche, liberale Einstellung für das England der 50er Jahre. Aber, so Margrets feste Überzeugung, ja ihr Motto: "Das Leben muss etwas bedeuten".

Geliebt und gehasst: Thatcher hatte viele Anhänger hinter sich, ...
Geliebt und gehasst: Thatcher hatte viele Anhänger hinter sich, ...(Foto: dapd)

Sie bekommt zwar dennoch Kinder – die Zwillinge Carol und Mark werden 1953 geboren -, geht aber unbeirrt weiter ihren Weg die Karriereleiter hinauf. Mit allen Schwierigkeiten als Frau in dieser damals noch reinen Männerwelt – angefangen von der stimmlichen Durchsetzung im Unterhaus, wo alle durcheinanderbrüllen ("Sie kreischen, Mrs Thatcher!") bis hin zur herablassenden Unterstellung, sie solle nur von etwas reden, von dem sie Ahnung habe.

Aber Thatcher beißt sich durch, ist immer gut vorbereitet und kann so nicht nur bei den "Frauenthemen" wie Gesundheitspolitik, Soziales und Bildung mitreden. Gegen alle Ignoranz der Kabinettskollegen, gegen alle Anfeindungen setzt sie sich durch und schafft es schließlich bis ganz nach oben: 1979 wird Margret Thatcher zur ersten Premierministerin von Großbritannien und damit als erste Frau an die Spitze einer westlichen Industrienation gewählt.

"Lieber in der Gesellschaft von Männern"

Zur Feministin taugt sie dennoch nicht – sie sagt später sogar: "Ich war schon immer lieber in der Gesellschaft von Männern". Den meisten Frauenrechtlerinnen war sie zu rechts, zu konservativ - als Thatcher Premierministerin geworden war, stand vor ihrem Wahlkreisbüro in London eine protestierende Frauengruppe mit dem Slogan: "Wir wollen Frauenrechte, keine rechtslastige Frau."

... aber auch gegen viele Gegner zu bestehen.
... aber auch gegen viele Gegner zu bestehen.(Foto: picture alliance / dpa)

Zudem wird sie Premierministerin in einer wirtschaftlich schweren Zeit - sie reagiert auf die Krise mit der bekannten Härte, sie will das Land gesunden lassen mit weniger Staat, geringerem Einfluss der Gewerkschaften: mit radikalen Reformen hin zu einem "schlanken Staat". Millionen von Arbeitsplätzen gehen dadurch in ihrer Regierungszeit verloren, sie macht sich viele Feinde, ist unbeliebt in der Arbeiterschaft. Der Kampf erstreckt sich auch an anderen Fronten: 1982 der Falklandkrieg gegen Argentinien, dann überlebt sie 1984 einen Bombenanschlag der IRA – so mancher hätte hingeworfen, sie hält eisern durch.

Und dann ist ja noch die Familie – die Kinder, die die Mutter anfangs sehr vermissen, der Mann, der ihr immer zur Seite steht und sie unterstützt. Im Hintergrund, aber immer da. Aber was ihre größte Stärke ist und ihr am meisten hilft, durchzuhalten: ihr unerschütterlicher Glaube, das Richtige, das Wichtige zu tun. Nach Jahren des Kampfes ist sie damit zuerst auch erfolgreich – der Aufschwung beflügelt Großbritanniens Wirtschaft, es geht aufwärts, die Zeitungen titeln: "Maggies Millionäre". Aber genau ihr starkes Selbstbewusstsein, ihre Rechthaberei, die oft arrogante Bevormundung von Untergebenen und Mitarbeitern, ihr "Basta!" - all das rächt sich später. Sie wird von eigenen Parteigenossen gestürzt, 1990 tritt sie zurück.

Mehr Privates als Politisches

And the Oscar goes to: Meryl Streep!
And the Oscar goes to: Meryl Streep!(Foto: REUTERS)

Regisseurin Phyllida Lloyd zeichnet ein intimes Porträt einer wenn auch nicht sympathischen, so doch außergewöhnlichen Frau, die noch heute polarisiert. Ihr Film bemüht sich um eine neutrale, wertungsfreie Darstellung, lässt aber Kritik nicht aus. Er zeigt Thatchers Erfolge, aber auch ihr Scheitern. Das war der Thatcher-Familie wohl nicht schmeichelhaft genug – sie distanzierte sich von dem Film-Projekt und nahm auch die Einladung zur Filmpremiere nicht an.

Ehemalige Mitstreiter Thatchers sind gespalten in ihrer Meinung zum Film – die einen meinen, sie sei zu hysterisch dargestellt, andere wiederum finden sie sehr gut getroffen. Vielen ist der Film zu unpolitisch, zu persönlich – was daran liegen könnte, dass die Regisseurin nach eigener Aussage nicht hauptsächlich Thatchers Politik darstellen wollte, sondern, welchen Preis Menschen für Macht zu zahlen bereit sind. Zudem wollte sie die Position von Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft zeigen.

Überraschende Erkenntnisse

Auch Streep war mehr an der Person Thatcher interessiert. Als links denkende Schauspielerin habe sie viel Überraschendes über die konservative Politikerin erfahren - etwa, dass diese keine Abtreibungsgegnerin gewesen sei. Sie habe "habe viele Dinge über sie gelernt", sagte Streep, die einige Sympathien für die "Eiserne Lady" erkennen ließ, in einem Interview. Und ob es Thatcher gefalle oder nicht: "Sie war eine Feministin." Dass sich die Situation für Frauen verändert habe, sei auch Thatcher zu verdanken. Und obwohl sie sich eher als Liberale sehe, bewundere sie Thatcher, seitdem sie den Film gemacht habe.

Während der Dreharbeiten sagte Streep: "Ich versuche, mich der Figur mit genauso viel Eifer, Leidenschaft und Aufmerksamkeit zum Detail zu nähern, wie es auch Lady Thatcher mit den ihr gestellten Aufgaben getan hat." Und das ist ihr grandios gelungen! Streep bereitete sich akribisch vor auf ihre Rolle, sie besuchte das britische Unterhaus als Zuschauerin, machte sich die Aussprache, die Gesten und Gesichtsausdrücke der Thatcher zu eigen. So gut zu eigen, dass der Zuschauer fast vergisst, nicht das Original zu sehen.

Preisgekrönt und wertvoll

Streeps große Schauspielkunst wurde so auch vielfach geehrt – sie bekam 2011 den Oscar in der Kategorie "Beste Hauptdarstellerin", auch das Make-up wurde mit einem Oscar gewürdigt. Der Golden Globe wurde Streep ebenso verliehen wie der BAFTA Film Award. Und die Filmbewertungsstelle Wiesbaden gab der "Iron Lady" das Prädikat "besonders wertvoll".

Wer den Film im Kino verpasst haben sollte, kann ihn nun auf DVD ansehen – sie ist seit dem 19. Juli 2012 im Handel.

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Quelle: n-tv.de