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Dienstag, 18. Juli 2017

Naomi Watts von Lust geleitet: "Begehrenswert - sogar in meinem Alter!"

Kevin Bacon hat's gemacht, Winona Ryder auch und sogar Anthony Hopkins. Vom Film zum Fernsehen zu gehen, hat früher einmal einen Karriereknick bedeutet. Heute kann man mit so einem Langformat Eindruck schinden. Naomi Watts hat sich in Netflix' Obhut begeben. In "Gypsy" spielt die 48-Jährige eine Psychologin, die ihre Bilderbuchexistenz mit Mann, Kind und Wohlstandszirkus riskiert, um sich ihrer Begierde hinzugeben. Mit n-tv.de hat Watts über Lügen und Ehrlichkeit gesprochen - und über Sexappeal mit fast 50.

Als Schauspielerin sind Sie selbstverständlich gut darin, etwas vorzugeben, aber sind Sie auch gut darin, eine Täuschung zu erkennen?

Oh, ich denke, ich habe ein ganz gutes Bauchgefühl dafür, ob Menschen authentisch sind oder nicht. In der Regel liege ich mit meinem Instinkt richtig.

Ich frage das, weil Ihre Figur in "Gypsy", Jean, nur schwer zu lesen ist. Was hat Sie an ihr gereizt?

Man ist ja immer auf der Suche nach kantigen, komplexen Charakteren. Jean entspricht keinem Stereotyp. In Dramen mit weiblicher Hauptrolle gibt es immer die perfekte Mutter, die perfekte Ehefrau, sehr feminin, hübsch - oder eben das genaue Gegenteil: die Böse, die Wahnsinnige. Mir gefällt, dass Jean Teil beider Welten ist. Das zu spielen, fand ich interessant und wichtig. Schließlich habe ich mich zu fünfeinhalb Monaten Arbeit verpflichtet.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Sie spielen eine Psychotherapeutin …

Sie wollen wissen, ob ich zur Therapie gegangen bin? (lacht) Ich habe tatsächlich die eine oder andere Therapiesitzung hinter mir. Über Kognitive Verhaltenstherapie wusste ich allerdings nicht viel. Ich habe mich an einen Experten auf dem Gebiet gewandt und zum Beispiel gelernt, wie gravierend die Auswirkungen eines negativen Selbstbilds sein können. Diese Gedanken zeigen sich im Verhalten einer Person. Indem man lernt, negative Denkmuster unter Kontrolle zu bringen, kann man sein Verhalten verändern. Die Schwester von Lisa Rubin, der Schöpferin der Serie, arbeitet auf dem Gebiet als Therapeutin. Sie hat uns beratend begleitet.

Jean ist eine Frau, die sich von ihrer Lust leiten lässt. In der Serie geht es schnell zur Sache. Hat es Ihnen Spaß gemacht, das Publikum anzuturnen?

Ich liebe es, dass diese Frau kein Opfer ist. Sie behält die Kontrolle. Sie gibt ihrer Begierde nach - und sie ist noch begehrenswert. Sogar in meinem Alter! (lacht) Das Leben endet ja nicht einfach irgendwann. Und auch unsere Fantasien bleiben weiter bestehen. Ich habe die Serie immer als eine Art Lehrstück begriffen. Man kann ein ganz schönes Chaos produzieren, wenn man all seine Gelüste auslebt - und Jean ist da sicherlich auf dem Kriegspfad. Wenn man sich ihre Reise so anschaut, weiß man danach, dass man besser auf Nummer sicher geht und nicht jedem Impuls nachgibt.

Als ich mir "Gypsy" angesehen habe, musste ich oft daran denken, wie viel Menschen preisgeben, ohne es zu merken. Achten Sie jetzt mehr darauf, wie andere Sie wahrnehmen? Schließlich kennen Sie ja nun auch die psychologischen Kniffe, jemanden zu durchschauen …

Ich möchte, dass mir Menschen ehrlich begegnen. Deswegen sage ich die Wahrheit, soweit es mir möglich ist. Es gibt ja immer Bereiche, in denen man vorsichtiger sein muss. In der Hinsicht kann ich mich gut in Jean einfühlen. Sie hat verschiedene Persönlichkeiten - je nachdem mit wem sie sich gerade umgibt. Allerdings wandelt sie da natürlich auf dem schmalen Grad geistiger Gesundheit.

Mit Naomi Watts sprach Anna Meinecke.

"Gypsy" ist abrufbar über Netflix.

Quelle: n-tv.de

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