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Rach und sein Sorgenkind vor dem Wiener Café.jpeg
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"Rach, der Restauranttester": Der Herr der Torten

Von Verena Maria Dittrich

Ein Café, in dem der Kaffee oll und bitter schmeckt und in dem es mäßige Kuchen und schlechte Schnitzel gibt, das ist: ein klarer Fall für Rach. Doch dann das: Ein Talent des Chefs haut ihn um.

Der Mann mit der Glatze und dem Dreitagebart setzt sich an den Tisch und hört aufmerksam zu. Im Hintergrund klappert Geschirr, draußen vor den Fenstern huschen Passanten vorbei, es herrscht reges Treiben, der Laden ist gut besucht.

Es sieht auf den ersten Blick gar nicht so verkehrt aus - mit ihm und dem Laden, in dem er selber vor vielen Jahren als Praktikant angefangen hat. Jetzt ist er es, der das Zepter schwingt. Auch die Geschwister sind mit von der Partie, ein Bruder hilft im Service, die Schwester versucht sich am Herd, von dem leider nur zwei Platten funktionieren, als Köchin. Sie sind eine große Familie - mit einem Klotz am Bein.

Der Laden, das ist das "Wiener Café" in Krefeld. Ein Café in einer Einkaufspassage, mit einer unübersichtlichen überladenen Karte, ein Café, dessen Besitzer sich nicht entscheiden kann, was es eigentlich sein soll. Vielleicht doch ein Restaurant? Oder beides? Warum nicht beides?

"Das Essen ist eine Katastrophe"

Christian Rach versucht das Konzept des "Wiener Cafés" zu verstehen, aber es ist schlicht - nicht vorhanden. Der ganz einfache, normale Kaffee, den er in einem Kaffeehaus selbstverständlich erwarten darf, schmeckt abgestanden und bitter wie von der Tanke. Mehr als eine halbe Stunde wartet der Restauranttester auf ein Tomatensüppchen, in dem alles Mögliche drin ist, nur anscheinend keine Tomaten.

Rach spricht Tacheles: "Das Essen ist eine Katastrophe. Ich glaube ehrlich, es macht mit dem "Wiener Café" keinen Sinn - die Idee ist tot."

Der Mann am Tisch, das ist Mohamed, einer, der anpackt, sich Mühe gibt und sich sorgt, einer, der auf "zwei Baustellen" gleichzeitig turnt - einer, dem "irgendwann alles aus der Hand geglitten ist." Er kann die Tränen jetzt nicht mehr zurückhalten. Selten war jemand, der Rach um Hilfe gebeten hat, so sympathisch und gleichzeitig so sensibel.

Das entgeht auch dem Spitzenkoch nicht, und so fällt seine Kritik dieses Mal tatsächlich fast milde, beinahe tröstend aus: "Du bräuchtest eigentlich ein paar Watschn", sagt er zu Mohamed schultertätschelnd.

Was Rach noch nicht weiß: Gleich neben dem "Wiener Café" hat Mohamed eine Konditorei. Das ist sein eigentliches Baby, seine Leidenschaft, hier steht er von früh bis spät und backt Torten. Riesig sind die, teilweise mehrstöckig, für Hochzeiten, Geburtstage, Mickey Mouse-Torten für die Kleinen, sogar eine Yves Saint Laurent-Torte hat er schon gebacken - und für berühmte Leute.

Du bist ja ein Künstler!

Rach schaut sich in der Konditorei um und kann kaum glauben, was Mohamed alles auf die Beine stellt. "Du bist ein Künstler! Ja, das ist eine Kunst! Kein Wunder, dass nebenan nix funktioniert, du kannst dich ja nicht um beide Läden kümmern!"

Rach schlägt Mohamed vor, was eigentlich auf der Hand liegt, aber manchmal sieht man den Wald eben vor lauter Torten nicht.

"Das Wiener Café" wird zum "Tortenboss". "Du musst deine Torten verkaufen, das ist es - ab jetzt gibt’s hier den Tortenboss eben zweimal, "drüben gebacken, hier verkauft" - und zusätzlich eine kleine Karte mit einfachen, frischen, täglich wechselnden Gerichten.

Vergessen die Unübersichtlichkeit des alten Cafés, vergessen, dass der Herd seit drei Jahren kaputt ist, vergessen das verstaubte Flair - das Ex-"Wiener Café" wird renoviert und zum "Tortenboss."

Am Ende der rach'schen Rettung "vor der drohenden Insolvenz" ist es zur Abwechslung aber der Retter selbst, dem kurz die Worte fehlen. Statt eines feuchten Händedrucks oder einer flüchtigen Umarmung überrascht der Tortenboss den Spitzenkoch mit einer persönlichen Torte, auf der er selbst als Schokoladenmann sitzt.

Sichtlich gerührt nimmt Rach das süße kalorische Kunstwerk in Empfang, dabei bedurfte es dieses Mal eigentlich nur ein paar Denkanstößen und kleiner Regeln wie: "Ein Café ist kein Restaurant mit einer großen Karte."

 

Quelle: n-tv.de

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