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Ein Mann und sein Markenzeichen: Regisseur Dietl 1983 mit Zigarette in seiner Lieblingsstadt.
Ein Mann und sein Markenzeichen: Regisseur Dietl 1983 mit Zigarette in seiner Lieblingsstadt.(Foto: imago/Rolf Hayo)

Zum Tod von Helmut Dietl: Ein bisschen was geht eben nicht immer

Von Sabine Oelmann

Helmut Dietl ist tot. Das ist traurig, auch wenn leider gar nicht so überraschend. Er hat auf elegante, humorvolle und manchmal auch bissige Art und Weise den Deutschen gezeigt, in welchem Abschnitt des Medienzeitalters wir uns gerade befinden.

Ein Grantler war er, ein Schlawiner, ein Stenz, ein Hallodri, der wie viele seiner Rollen war, die er unvergessenen Männern auf die lustigen Leiber geschrieben hat. Nun starb er mit 70 Jahren an Lungenkrebs und auch wenn er selbst sich bereits 2007 darüber wunderte, dass er noch lebte ("So viel wie ich geraucht habe, ist es ein Wunder, dass ich überhaupt noch da bin"), werden seine Kollegen ihn schrecklich vermissen. Einer wird sich freuen - der Monaco Franze alias Helmut Fischer. Der sitzt schon auf Wolke sieben und hat ein paar Bräute klargemacht. Denn darum ging es vor allem: dem Leben eine Harke schlagen, trotzdem gut dabei aussehen und Mädels anquatschen.

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Vor Kurzem habe ich mir aus purer Sentimentalität und weil es solche Serien nicht mehr gibt, ein paar Folgen "Monaco Franze" von 1983 angeschaut. Wie langsam das alles ging, wie wenig bösartig das alles war und wie natürlich die Leute noch aussahen, selbst wenn sie aufgebrezelt bis unter den Hut waren. Der Monaco selbst, ein schlaksiger Typ und nach heutigen Maßstäben eigentlich kein besonders gut aussehender Mann, konnte dieses Manko nicht mal kompensieren durch ein helles Loft oder ein besonders großartiges Auto oder ein dickes Bankkonto oder einen angesagten Job. Dieser stenzige Detektiv Monaco lebte bei seinem Spatzl, einer wohlhabenden, in jeder Hinsicht großzügigen Frau, die über die Fehler ihres Mannes hinwegsah wie Mütter über die Jugendsünden ihrer Jungs.

Wir sehen das schicke München von damals und lachen uns insgeheim ein bisschen schlapp über Christine Kaufmann mit Zahnspange, über Ruth Maria Kubitschek, eben jenes Spatzl, das so viel Geld und Noblesse hat, dass ihr Selbstvertrauen durch nichts zu erschüttern ist, nicht mal durch ihren notorisch untreuen Mann. Aber wir bewundern sie auch, diese Leute, für ihre natürliche Coolness, ihren Witz und ihren Charme. Damals takelte man sich noch richtig auf, wenn man ins Theater oder ins Konzert ging, man aß und trank zu später Stunde viel und gut, man rauchte und man wagte den Versuch, sich hochgeistig zu unterhalten. Das war lustig zu beobachten. Und das macht ein bisschen sehnsüchtig nach damals, als man sich für vieles noch so viel Zeit nahm.

Mehr seelisch, verstehen's?

Helmut Dietl hat sich immer wieder Zeit genommen. Er drehte Filme, die unvergessen bleiben werden und er drehte mit Schauspielern, die durch ihn (noch mehr) ins Licht katapultiert wurden: Es waren nicht nur Helmut Fischer und Wolfgang  Fierek (Tierpark-Toni!), sondern auch Gisela Schneeberger, Ernie Singerl, Walter Sedlmeyr, Karl Obermayr, Gustl Bayrhammer, Ruth Drexel, Moritz Bleibtreu, Veronika Ferres, Günther Maria Halmer und Mario Adorf, um nur einige zu nennen.

Mit seiner Frau Tamara Duve.
Mit seiner Frau Tamara Duve.(Foto: dpa)

Sätze wie: "Ein bisschen was geht immer"oder: "Weißt, Spatzl, ich müsst' jetzt nochmal los ..." sind Sätze, die einem noch lange nachklingen in diesem typischen Monace-Franze-Sing-Sang-Münchnerisch, das so leicht verständlich war auch für die Nicht-Bajuwaren und das so sympathisch und nach Ferien klang. Damals musste man eine Woche warten, um die nächste Folge zu sehen und wenn man das wollte, verabredete man sich an dem Abend eben nicht. Weit weg von DVDs und Mediatheken war das eine ruhige Angelegenheit und man wünschte sich, ein wenig von dieser Lässigkeit, mit der die Protagonisten dort durchs Leben gingen, in seinen eigenen Alltag hineinzuziehen.

Mit Veronika Ferres in den Neunzigern.
Mit Veronika Ferres in den Neunzigern.(Foto: dpa)

Dabei war es für Helmut Dietl, der in ärmlichen Verhältnissen in München-Laim aufwuchs, durchaus nicht immer beschwingt und leicht - und damit meinen wir jetzt nicht die Zeit zwischen 1990 und 1999, in der er mit Veronika Ferres liiert war. Kleiner Scherz. Er war ein Besessener in seiner Arbeit und wenn einem Kritiker einer seiner Filme nicht gefiel, dann litt er wie ein Hund. Das hat er jahrelang ja gar nicht nicht zu spüren bekommen, denn seine Gesellschafts-Komödien, die gleichzeitig auch immer eine Doku und ein Drama waren, liefen wie verrückt.

Baby Schimmerlos und Mona ...
Baby Schimmerlos und Mona ...(Foto: dpa)

1986 dann "Kir Royal" mit dem unglaublichen Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz), Senta Berger und Dieter Hildebrandt. "Aus dem Leben eines Klatschreporters" hieß der volle Titel - davon konnte Dietl ein Lied singen, sein Privatleben gab schließlich auch immer genug Anlass zum Klatsch und Tratsch. Vier Mal war er verheiratet, unter anderem mit Barbara Valentin. Er hinterlässt zwei erwachsene Kinder und eines, das er mit der Journalistin Tamara Duve hat.

Blödheit und Eleganz gepaart

In "Schtonk", in dem er 1992 die deutsche Filmelite, unter anderem Götz George, Uwe Ochsenknecht, Harald Juhnke und Christiane Hörbiger zusammentrommelt, legte er den Finger in einer unvergleichlichen Art auf die noch immer nässende Nachkriegswunde und ihre mangelhafte Heilung, dass man nach diesem Film über die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher quasi von einer Wunderheilung sprechen konnte: Hitler war endlich ein Witz und dass man auf ihn und alles, was mit ihm zu tun hatte, noch immer reinfallen konnte, war der größte Witz. In "Schtonk" durften wir lachen über die eigene Blödheit.

Heiner Lauterbach und Frau Ferres in "Rossini".
Heiner Lauterbach und Frau Ferres in "Rossini".(Foto: dpa)

1997 dann "Rossini" mit George, Adorf, Ferres, Hannelore Hoger, Jan Josef Liefers, Heiner Lauterbach und Joachim Krol wird ebenfalls unvergessen bleiben: Das Restaurant, das nach einem wahren Vorbild die Medienszene der Stadt mit Leckereien versorgt, ist die Kommandozentrale aller Macher und derer, die sich dafür halten. Und Dietls Eleganz, mit der er seine eigenen Kollegen und Freunde auf die Schippe nimmt, ist unvergleichlich.

"Vom Suchen und Finden der Liebe" mit Harald Schmidt und Anke Engelke ist 2005 schon ein bisschen abgeklärter, auch wenn die Vorlage keine geringere ist als die Sage des Orpheus und seines Abstiegs in die Unterwelt.

In der Welt der Hallodris

Mario Adorf, in Kir Royal, zu "Baby Schimmerlos": "Ich scheiß dich zu mit meinem Geld."
Mario Adorf, in Kir Royal, zu "Baby Schimmerlos": "Ich scheiß dich zu mit meinem Geld."(Foto: dpa)

Ein Wunderheiler war Helmut Dietls schon deswegen, weil er es immer schaffte, die Probleme so anzupacken, dass sie nicht allzu weh taten: Mit Monaco Franze setzte er der grauen Welt der Siebziger, in der jeder noch immer an seinem Aufstieg bastelte, ein Leben in der Münchener Schickeria entgegen, für die man nicht unbedingt reich sein musste, aber einen Scherz sollte man vertragen – und machen - können. All diese Menschen hatten ständig etwas zu tun, waren Mittagessen, Abendessen, hatten Pläne, aber es hieß eben noch nicht Lunch, Dinner oder Meeting, und wenn man scheiterte, dann dachte man sich eben was Neues aus. Es war die Zeit, in der man noch spinnen durfte ohne Businessplan.

Ganz anders sah das aus in seinem letzten Film "Zettl", der gnadenlos verrissen wurde. Es ist schade, dass dies sein letzter Film sein sollte, denn so sehr er sich über die schlechten Kritiken geärgert hat, so sehr hat er bestimmt auch seine Schlüsse daraus gezogen. Im Jahr 2014 bekam Helmut Dietl zwei Ehrenpreise für sein Lebenswerk: den Deutschen Filmpreis und den Bambi.

Ein paar mehr "Münch'ner Geschichten" hätten es schon noch werden dürfen! Denn: "Ein bisschen was geht immer!"

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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