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Anne Hathaway gehört zu den großen Stars dieser Berlinale.
Anne Hathaway gehört zu den großen Stars dieser Berlinale.(Foto: dapd)

Hathaway, Knochensäge und Porno: Es kommt nicht auf die Länge an

Von Markus Lippold

Erst muss man ewig anstehen, danach um einen guten Sitzplatz kämpfen und dann das: Man wird Zeuge einer Beinamputation in der Wildnis. Ritsch-ratsch - das Publikum stöhnt. Aber auch auf der Leinwand wird gestöhnt. Nur Anne Hathaway singt. Die Berlinale hat eben so ihre Momente.

Regen

Man kann sich die Berlinale ohne Niederschlag eigentlich nicht mehr vorstellen.
Man kann sich die Berlinale ohne Niederschlag eigentlich nicht mehr vorstellen.(Foto: REUTERS)

Dass der Berliner Februar nicht mit dem Strand von Venedig oder der Sonne von Cannes konkurrieren kann, ist schon länger bekannt. Folglich war es nicht verwunderlich, dass die ersten Berlinale-Tage von eisigem Wind und Schneeregen geprägt waren. Allerdings regnet es jetzt auch schon regelmäßig auf der Leinwand. Der Eröffnungsfilm von Wong Kar Wai, "The Grandmaster" über den legendären Kung-Fu-Kämpfer Ip Man beginnt mit einem Kampf im strömenden Regen. Andere Filme stehen dem in nichts nach. Immerhin: In den Kinosälen ist es trocken. Aber vermutlich ändert sich das auch bald - mittendrin statt nur dabei, dürfte nach 3D der nächste Trend sein.

In der Kürze liegt die Würze?

Festivalfilme können mitunter eine Geduldsprobe sein. Kontemplative Studien, die sich über mehrere Stunden ziehen, fordern selbst erfahrene Zuschauer heraus. Nicht so in diesem Berlinale-Jahr. Abgesehen vom Eröffnungsfilm, der außer Konkurrenz läuft, erreicht keiner der Wettbewerbsfilme die magische Zwei-Stunden-Grenze. Zwei Filme bleiben sogar unter 80 Minuten. Was ist da los? Sind das Auswirkungen der Finanzkrise? Haben die Filmemacher keine Ideen mehr? Oder erzählen sie einfach stringenter? Für ein gemütliches Schläfchen im Kinosessel - irgendwann muss man sich ja vom Festival-Stress  erholen - ist da jedenfalls keine Zeit mehr.

Sex I: Porno

Joseph Gordon-Levitt und Scarlett Johansson in "Don Jon's Addiction".
Joseph Gordon-Levitt und Scarlett Johansson in "Don Jon's Addiction".(Foto: 2013 Ascot Elite Filmverleih GmbH)

Allerdings gibt es auch Filme, bei denen man gar nicht schlafen kann, weil sie so unterhaltsam sind. In diese Kategorie gehört "Don Jon's Addiction", der das Panorama-Programm der Berlinale eröffnet hat. Es ist das Regiedebüt von Schauspieler Joseph Gordon-Levitt, den man aus "Inception", "The Dark Knight Rises" (als Batmans Gehilfe Robin) und "Lincoln" kennt. Um es kurz zu machen: Es geht um Pornos. Der moderne Don Juan reißt zwar eine Frau nach der anderen auf, aber seine wahre Leidenschaft gehört den Sexfilmen im Internet - wenn er nicht gerade in Fitnessstudio oder Kirche Körper und Geist stärkt. Kann Barbara (Scarlett Johansson als die Mutter aller Tussis) ihn von seiner Sucht abbringen? Schnelle Schnitte, massige Beats und nur für den Film gedrehte Sexfilmchen: "Don Jon's Addiction", der im Oktober in den deutschen Kinos startet, macht trotz einer gewissen Oberflächlichkeit viel Spaß. Nicht zuletzt wegen der gut aufgelegten Hauptdarsteller. Als Don Jons Vater gibt es übrigens ein lustiges Wiedersehen mit Tony "Wer ist hier der Boss" Danza.

Waffen und mehr

Video

Die US-amerikanische Provinz ist für Europäer nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln. Das zeigt sich auch wieder in "Promised Land" von Gus van Sant. In dem Film versucht Matt Damon als Vertreter eines Energie-Konzerns, Bauern Land abzukaufen, um dann durch das nicht ungefährliche Fracking Erdgas zu fördern. Um die Bauern von sich zu überzeugen, geht er aber zunächst einkaufen: Flanellhemden und Stiefel, schlägt seine Kollegin (Frances McDormand) vor. Man will schließlich als Einheimischer durchgehen. Der Name des Ladens: "Guns, Guitars & Gas" - was braucht man in der US-Provinz mehr als Waffen, Gitarren und Benzin?

Traubenbildung und Ellenbogen

Berlinale bedeutet anstehen - und die schönsten und längsten Schlangen kann man vor dem Friedrichstadtpalast bewundern. Wobei der Begriff Schlange relativ gesehen werden muss, denn der Berlinale-Zuschauer neigt vor Eingängen zu Kinosälen zur Traubenbildung. Das gilt vor allem für den Friedrichstadtpalast, in dem bis zu 1900 Menschen Platz finden. Man sollte meinen, dass man dann schon irgendwie rein kommt, doch weit gefehlt: Die Sitze sind - im Gegensatz zu normalen Kinos - dermaßen eng, dass jeder Zentimeter Beinfreiheit erkämpft werden will. Diese Sitze bekommt man aber nur, wenn man früh kommt oder etwas Körpereinsatz zeigt. Schlangestehen ist dagegen eher hinderlich, was wiederum die Bildung von Trauben erklärt. Ein Wunder, dass bei dem Gedrängel und Geschubse vor dem Einlass noch niemand verletzt wurde.

15 Minuten mit Catwoman und Wolverine

Anne Hathaway spielt die Fantine in "Les Misérables" - dafür musste sie tagelang hungern.
Anne Hathaway spielt die Fantine in "Les Misérables" - dafür musste sie tagelang hungern.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Batmans Gehilfe Robin hatten wir schon. Doch der ist nichts gegen den großen Liebling dieser Berlinale: Catwoman. Genauer gesagt: Anne Hathaway, die im letzten Batman-Film den Lederanzug überzog. Sie kam zur Deutschland-Premiere des Musicals "Les Misérables" nach Berlin und wurde im Friedrichstadtpalast gebührend gefeiert - wer behauptet schließlich nicht gern, mit Hathaway im Kino gewesen zu sein. Nicht weniger Applaus erhielt allerdings ihr Kollege Hugh Jackman, den man vor allem als "Wolverine" aus den X-Men-Filmen kennt. Superheldin trifft Superhelden - der glamouröseste Moment der Filmfestspiele. Nach 15 Minuten Film standen die Stars allerdings im Dunkeln auf und verschwanden hinter der Bühne. Schön war's trotzdem, mit Anne Hathaway im Kino. "Les Misérables" startet am 21. Februar in Deutschland im Kino. Wer Musicals mag, kommt an dem Film nicht vorbei, alle anderen erfreuen sich an den prächtigen, starken Bildern.

Berlinale-Grippe

Zu den größten Stars des deutschen Kinos gehört Nina Hoss. Im letzten Jahr radelte sie als "Barbara" per Drahtesel durch DDR-Kiefernwälder. In diesem Jahr nimmt sie in "Gold" das Pferd und kämpft sich mit sechs anderen Auswanderern durch die kanadische Wildnis - das Edelmetall am Klondike lockt. Bei der Premiere fehlte Hoss allerdings. Die Berlinale-Grippe soll sie erwischt haben. Jene sagenumwobene Krankheit, die in den Kinosälen ein dankbares Publikum findet. Denn das gilt während der Festspiele als licht- und frischluftscheu.

Die Knochensäge

Nina Hoss auf der Suche nach "Gold".
Nina Hoss auf der Suche nach "Gold".(Foto: dapd)

Allerdings liebt das Berlinale-Publikum das Kino. Da wird nicht gequatscht, da werden keine Süßigkeiten-Tüten aufgerissen und das Popcorn-Verbot von Festivalchef Dieter Kosslick verhindert alle anderen lauten Knuspergeräusche. Gelacht wird natürlich, auch ein Stoßseufzer ist ab und an zu hören. Und dann kam "Gold" von Thomas Arslan (startet im August im Kino). Sieben Auswanderer streifen in dem deutschen Western durch die kanadische Wildnis. Dann tritt einer in eine Bärenfalle - das Bein muss ab, mitten in der Wildnis, ohne Betäubung. Das Publikum? Ein lautes Aufstöhnen, als die Säge ergriffen wird. Ein lautes "Ohhhh", als das Sägeblatt ansetzt. Ein entsetztes "Ihhhh", als es losgeht: ritsch ratsch ritsch ratsch. Überraschend, wie lange es braucht, bis so ein Bein durch ist.

Sex II: Herrenmagazin

Was dem 21. Jahrhundert der Internet-Porno (siehe oben), ist den 1960er Jahren das Herrenmagazin. Paul Raymond ist mit ihnen reich geworden, wobei auch Nachtclubs und ein paar schlüpfrige Theaterstücke ihren Beitrag leisteten. Raymond wurde so reich, dass er bis zu seinem Tod 2008 zu den wohlhabendsten Männern Großbritanniens zählte. Grund genug für Michael Winterbottom, ihm einen Film zu widmen: "The Look of Love". Zwischen poppiger Ausstattung, mitreißender 60s-Mucke und frivolen Sprüchen zeigt Winterbottom vor allem eins: nackte Brüste. Die Schauspieler, darunter Hauptdarsteller Steve Coogan, kamen dann allerdings angezogen auf die Bühne.

Die Berlinale-Tasche

Die Berlinale wächst. Nahezu jedes Jahr gibt es neue Reihen, mehr Filme, und gefühlt werden auch die Schlangen vor den Kassen länger. Nur eine schrumpft: die Berlinale-Tasche. Sie wird an akkreditierte Festival-Besucher ausgegeben oder kann von Zuschauern gekauft werden. Die Tasche ist das Erkennungsmerkmal der Filmliebhaber, aber sie hat in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Abstieg erlebt. Noch vor einiger Zeit handelte es sich um eine stabile, geräumige, meist auch regenbeständige Umhängetasche aus Kunststoff. Dann wurde daraus eine Umhängetasche aus Baumwolle, die immerhin noch mit einem Reißverschluss ausgestattet war. Der wurde im Jahr darauf eingespart, aber man konnte die Tasche noch umhängen.

In diesem Jahr geht auch das nicht mehr. Die Berlinale-Tasche, einst das Prunkstück des Merchandising-Stands, wurde zu einem Beutel degradiert. Dafür kann man jetzt Serviettenringe, Notizblöcke und Babysocken mit dem Bären-Logo kaufen. Bleibt zu hoffen, dass im kommenden Jahr nicht Plastiktüten ausgegeben werden.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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