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So sieht das Model von Michalsky Couture in Wirklichkeit aus.
So sieht das Model von Michalsky Couture in Wirklichkeit aus.(Foto: picture alliance / dpa)

Vom Laufsteg in die Bäckerei: Fashion Week läuft gern abseits

Sie wollen in dieses weiße Zelt, das seit Tagen den Verkehr rund um das Brandenburger Tor blockiert? Vergessen Sie's! "In" ist, wer "drin" ist, schon klar, aber "drin" bedeutet im Berliner Fashion Week-Fall nicht Zelt, sondern: Galerie, Hotel, Bäckerei, U-Bahn.

Der klassische Catwalk ist ja sowas von out! Wer als Designer in Berlin punkten will, präsentiert seine neuesten Werke lieber in einer Galerie, einer Garage oder der U-Bahn. Selbst Models sind bei einigen Designern irgendwie out. Wie kann das sein?

Ein Beispiel: In Sandalen laufen die jungen Frauen durch eine Berliner Wohnung. Der Dielenboden ist weiß gestrichen, die Wände sind teils unverputzt. Einige Stühle sind aufgestellt. Darauf sitzen schöne Menschen und machen Handy-Fotos. Bei der Szene handelt es sich nicht um eine Wohnungsbesichtigung, sondern um die Modenschau der Jungdesignerin Louise Friedlaender auf der Fashion Week im vergangenen Sommer. Auch andere Modemacher präsentieren ihre Kreationen inzwischen nicht mehr auf dem klassischen Laufsteg - sondern suchen ausgefallenere Orte.

Mit Ostertag beim Bäcker

Unglaublich lebendig: ein 3D-Model.
Unglaublich lebendig: ein 3D-Model.(Foto: soe)

Der Designer Marcel Ostertag etwa zeigt seine Kollektion für den kommenden Herbst und Winter am Dienstag auf der aktuellen Berliner Modewoche nicht auf dem Laufsteg am Brandenburger Tor, sondern in der sogenannten Heeresbäckerei. Die einstige Bäckerei wird inzwischen als Kultureinrichtung mit Büros und Lofts genutzt. "Die Mode muss sich spätestens jede Saison neu erfinden", erklärt er. Seine letzte Show fand im Berliner Admiralspalast statt. "Warum sollte die Art der Präsentation sich nicht wandeln und vielfältiger werden?"

Experten sehen darin auch eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Couture. "Modenschauen in der Ära von Coco Chanel, Yves Saint Laurent und Hubert de Givenchy fanden damals noch in den Ateliers der Designer im ganz kleinen Kreis statt", erklärt Julia Schygulla, Fashion News Director beim Modemagazin "Instyle". "Eine Front Row, wie man sie heute kennt, gab es nicht - denn die auserwählten Gäste - Kundinnen und erlesene Journalisten - saßen meist nur in einer Stuhlreihe, die in den beengten Räumlichkeiten aufgestellt wurde." Ganz ähnlich also wie im Sommer bei Louise Friedlaender.

Michalsky in 3D für zu Hause - Kostenpunkt: 4000 Euro.
Michalsky in 3D für zu Hause - Kostenpunkt: 4000 Euro.(Foto: soe)

Designer sehen darin einige Vorteile. "Diese Tendenz ist weltweit zu spüren, auch in Paris werden Kollektionen in Garagen und in alten leerstehenden Gebäuden präsentiert", heißt es beim Label Steinrohner. "Es ist besonders für Jungdesigner sehr interessant, da dabei neue Plattformen geschaffen werden und ein Zusammenspiel verschiedener Künste gegeben ist." Die Designerinnen Inna Stein and Caroline Rohner präsentieren ihre Kollektion zwar in einer offiziellen Location der Fashion Week, allerdings in einer Art Ausstellung. Models laufen nicht mehr der Reihe nach an den Zuschauern vorbei, sondern stehen auf Podesten. Das hatte vor ein paar Jahren bereits Frida Weyer so gemacht. "Im Gegensatz zum Laufsteg, bei dem die Models im Sekundentakt an einem vorbeieilen, kann der Betrachter das Outfit lange genug betrachten und zum nächsten übergehen", erklären sie. Ein Vorteil von Schauplätzen fernab des klassischen Laufstegs ist ihnen zufolge auch die Möglichkeit, die Geschichte der Kreationen besser zu erzählen. Die Steinrohner-Kollektion "Eternal Ice" wird demnach etwa mit passenden Gemälden verknüpft.

Michalsky goes 3 D

Designerin Lana Mueller setzt auf eine Jugendstil-Location am Kurfürstendamm, in der sie ihre Abendroben präsentiert. Auch durch U-Bahnen in Berlin und München stöckelten Models bereits. "Oft suchen Designer sich eine Location, die auch die Stimmung der Kollektion und die Inspirationen widerspiegelt", sagt Schygulla. Stirbt der klassische Laufsteg also aus? "Ich denke, dass beides parallel existiert, je nachdem, welche Linie ein Designer mit seiner Mode verfolgen will", sagt sie. "Oft variieren die Designer auch von Kollektion zu Kollektion in der Wahl ihrer Location."

Bereits seine letzte Einladung war in 3D ...
Bereits seine letzte Einladung war in 3D ...

Michael Michalsky hat für diese Saison jedenfalls eine vollkommen andere Variante der Präsentation gewählt: Der Designer, der sonst gerne das ganze Tempodrom mietet und immer die legendärste Party der Fashion Week schmeißt, findet, dass Berlin als einzige deutsche Stadt wirklich international ist - und dazu gehört seiner Meinung nach eben auch, immer wieder etwas Neues zu bieten. Seine Models für die Couture Kollektion von Atelier Michalsky kamen dieses Mal aus dem 3D-Drucker. "Die Models für meine "Reality"-Show wurden in meinen Entwürfen in einen 3D-Scanner gestellt und dann ausgedruckt," erzählt er. Zahlreiche neugierige Prominente sind zu ihm gepilgert und seiner Meinung, dass 3D-Drucker in Zukunft eine Menge Aufgaben übernehmen werden, die man sich vor kurzem nicht hätte vorstellen können. "Wir werden bald Nahrungsmittel drucken, und Häuser", ist Michalsky sich sicher. "Und auch Kleidung wird bald günstiger im Drucker: Wir geben unsere Körperdaten ein, bestellen, was uns im Internet bei einem Designer gefällt, und drucken es zu Hause aus." So stellt er sich die Zukunft vor, erzählt er n-tv.de. Eines steht fest: Sollte Michalsky Recht behalten, ist er ein Visionär. Daher passt es, dass er seine limitierten Figuren (Preis: 3.000 Euro) in der Galerie von Anna Jill Lüpertz in der boomenden Potsdamer Straße ausstellt. "Der Westen kommt wieder, und ich finde es großartig, dass sich hier so viele Galerien und auch Modelabels ansammeln", erzählt Lüpertz im Gespräch: "Als kreativer Mensch erweitert Michael Michalsky ständig seinen Horizont. In diesem neuen Projekt hat er nun eine weitere Form für seine Kollektion gefunden. So transformiert er die Looks in wertvolle Objekte, die autark für sich allein bestehen", so Anna Jill Lüpertz. Und was ist mit der Party? Michalsky lacht: "Die gibt's im Sommer wieder. Das kostet schließlich unglaublich viel Geld, und das kann man sich als Unternehmer, der seine Angestellten pünktlich bezahlen will, nicht zwei Mal im Jahr leisten." 

Mit Kilian Kerner im Hotel

Kollege Kilian Kerner tummelt sich auch gerne abseits des Berliner Zelts, ihn zieht es dieses Mal ins Hotel Ellington, um seine Kollektion "The Huntingtans" zu Live-Musik von Razz vorzustellen. Und Louise Friedlaender lässt ihre Models in dieser Saison - nicht wie im Sommer durch eine Wohnung spazieren - sie setzt doch wieder auf einen Laufsteg.

Weitere etablierte Teilnehmer der winterlichen Fashion Week sind der allseits beliebte Berliner Guido Maria Kretschmer, ebenso wie die Mainzer Designerin Anja Gockel und die Österreicherin Lena Hoschek. Eröffnet wird die Fashion Week am Dienstag mit der Show des Labels Sadak, hinter dem der serbische Designer Sasa Kovacevic steht.

Hauptschauplatz ist trotz aller anderen Locations das Zelt am Brandenburger Tor, hinzu kommt der sogenannte me Collectors Room. Auch im alterwürdigen Kronprinzenpalais zeigen Modeschöpfer wieder ihre Kollektionen. Dort findet auch der Mode Salon statt, bei dem Stücke ausgewählter Designer gezeigt werden.

Für Partys wird aber auch ohne Michalskys Sause gesorgt sein: die Modeblogger von "Dandy Diary" feiern am Dienstagabend, und die Mode-Bibel "Vogue" lädt ins "Borchardt" ein. Auch zahlreiche andere After-Show-Partys finden statt.

Berlin ist zweimal im Jahr Tummelplatz der internationalen Modebranche. Im Januar werden die Kollektionen für den kommenden Herbst und Winter präsentiert. Im Juli zeigen die Designer ihre Stücke für Frühjahr und Sommer des nächsten Jahres.

In Berlin sind nach Angaben der Senatsverwaltung für Wirtschaft rund 2.400 Unternehmen im Modebereich aktiv. Der Umsatz stieg nach jüngsten Zahlen aus 2013 auf 2,2 Milliarden Euro.

Die Fashion Week läuft vom 19. bis 22. Januar

Die Kreationen von Michael Michalsky sind bis zum 29. Januar in der Galerie Anna Jill Lüpertz zu sehen.

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Quelle: n-tv.de

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