Unterhaltung

Erbe hüten und vermarktenGezerre um die Grimms

04.01.2008, 17:13 Uhr

"Grimms Märchen" sind weltbekannt. In Kassel wurden sie geschrieben. Wem der Nachlass der Brüder Jacob und Wilhelm heute gehört, ist jedoch unklar. Sicher ist dafür der Status als Weltdokumentenerbe.

Die "Kinder- und Hausmärchen" der Gebrüder Grimm gehören zu den bekanntesten Büchern der Welt. In unzählige Sprachen wurden die von Jacob und Wilhelm Grimm gesammelten Märchen übersetzt und ebenso oft verfilmt. In Japan und China gehören die Geschichten zum Allgemeingut und mit dem Film "Brothers Grimm" wurden die beiden akribischen Germanisten zu Filmstars. Doch um das Erbe des genialen Brüderpaares schwelt seit Jahrzehnten ein heftiger Streit, der jetzt neu entbrannt ist.

Die Märchensammlung entstand zum größten Teil in Kassel, wo die Brüder nach eigener Einschätzung ihre "arbeitsamste und vielleicht auch die fruchtbarste Zeit" verbrachten. Dort liegen auch ihre Handexemplare der "Kinder- und Hausmärchen" - in einem Tresor. Die fünf Bände der Erstausgabe enthalten zahlreiche handschriftliche Anmerkungen der Brüder. Seit knapp drei Jahren sind die Bücher "Weltdokumentenerbe" der UNESCO und stehen damit in einer Reihe mit nur sieben anderen deutschen Werken, darunter eine Gutenberg-Bibel, Beethovens neunte Symphonie und der Nachlass Goethes. Nach dem Ritterschlag durch die UN-Kulturorganisation wurde der Wert der Bände auf 30 Millionen Euro geschätzt.

Verortung des Schatzes

Wem die Bücher gehören, ist seit Jahrzehnten umstritten. Viele Experten sehen die "Murhardsche" als Eigentümerin. Die nach zwei Mäzenen benannte Kasseler Landesbibliothek wurde 1958 städtisch, kehrte aber 1976 wieder zum Land Hessen zurück. Dazwischen lag 1959 die Gründung des Kasseler Grimm-Museums, das zahlreiche Werke aus der Bibliothek erhielt. Ob diese angeblich 2000 Werke, darunter die fünf Handexemplare, nun Stadt oder Land gehören, wissen selbst die Beteiligten nicht so recht.

Ein Blick in die UNESCO-Unterlagen sorgte vor einem Jahr jedoch für eine Überraschung: Dort waren weder Stadt noch Land, sondern die Brüder-Grimm-Gesellschaft, die in den sechs deutschen Grimm-Städten arbeitet und das Kasseler Museum betreibt, als Eigentümerin eingetragen. Diese "kommt allerdings keinesfalls in Betracht", wettert jetzt die Grimm-Sozietät zu Berlin und veröffentlichte einen von mehr als 30 Grimm-Forschern und Institutionen unterschriebenen Fünf-Punkte-Plan. Kern: Die Grimm-Gesellschaft solle öffentlich erklären, nicht Eigentümerin der Handexemplare zu sein und auch ihre anderen Grimm-Originale an die Landesbibliothek zurückgeben. Dann könne über UNESCO-Unterlagen und Leihgaben neu entschieden werden. Andernfalls sei der Status als "Weltdokumentenerbe" in Gefahr.

Hauptsache UNESCO-Erbe

Stadt Kassel und Land Hessen sehen es gelassen und verweisen auf laufende Verhandlungen mit der Grimm-Gesellschaft. "Aber der UNESCO-Status ist durch die offenen Fragen auch gar nicht gefährdet", sagt Stadt-Sprecherin Petra Bohnenkamp. Der Streit sei beigelegt, heißt es von der Grimm-Gesellschaft. Die Eigentümerfrage sei zwar noch nicht entschieden, aber eigentlich auch völlig unwichtig.

Doch an der Grimm-Gesellschaft und vor allem ihrem Geschäftsführer Bernhard Lauer regt sich heftige Kritik. Selbstherrlich setze sich die Gesellschaft mit nach eigenen Angaben knapp 450 Mitgliedern über gemeinsame Absprachen hinweg und erschwere die Erforschung und auch die Vermarktung des Grimm-Nachlasses. Lauer spricht hingegen von einer "Pressekampagne": Das "unbestreitbare Verdienst" seines Vereins sei der UNESCO-Status für die Bücher, Grimm-Sozietät oder Bibliothek hätten daran "nicht den geringsten Anteil" gehabt.

Unterdessen ärgert sich die Wirtschaft in Nordhessen über eine schlechte Vermarktung der Brüder. Die Grimms seien weltweit die bekanntesten Deutschen. "Trotzdem hat jedes Literaturhaus 150.000 oder 200.000 Besucher im Jahr, das Grimm-Museum aber nur 18.000", sagt Günther Koseck, der in der Sababurg, dem angeblichen Dornrösschenschloss, ein edles Hotel betreibt. In Kassel koche man das Thema lieber "auf kleiner Flamme", statt es "anständig zu vermarkten": "Noch heute werden weltweit Jahr für Jahr mehr Grimm-Bücher verlegt als alle "Harry Potter" zusammen. Nur dass die beiden das in Kassel geschrieben haben, das konnten wir noch keinem richtig klarmachen."

Von Chris Melzer, dpa