Andreas Mühe
(Foto: Andreas Mühe)
Samstag, 23. Januar 2010
Nichts wird dem Zufall überlassen: Fotograf Andreas Mühe inszeniert seine Werke bis ins kleinste Detail. Mit seiner sorgfältigen Auswahl von Raum und dem bewussten Einsatz von Licht schafft er Werke, deren Reiz in ihrer Widersprüchlichkeit liegt: Sie zeigen Bewegung und sind doch statisch, schaffen Nähe und wahren Distanz, verbinden Klarheit und Kraft mit etwas Geheimnisvollem, sind reduziert und zeigen alles. Mit seinem eigenwilligen und prägnanten Stil ist der Sohn Ulrich Mühes zum Shootingstar der deutschen Fotografie avanciert. Mühelos lockt er Größen aus Politik und Gesellschaft vor die Kamera. Auch Angela Merkel, die er bereits mehrfach porträtierte, was ihm das Etikett "Kanzlerfotograf" bescherte.
Die Ausstellung "Andreas Mühe – Werkschau 2" in der Berliner Galerie CAMERA WORK gibt einen Einblick in das Schaffen des erst 30 Jahre alten Fotografen. Neben seinen populären Porträts der Kanzlerin oder dem Politikertrio Bush, Gorbatschow und Kohl zeigt die von F.C. Gundlach kuratierte Schau auch ältere und aktuelle Serien und lässt so die Faszination Mühes an seinen Werken miterleben.
n-tv.de sprach mit Mühe über den erhaschten Blick durch geöffnete Türen, das Arrangement in den Köpfen der Betrachter, den Vorteil, ein junger Fotograf zu sein und die Frage, ob ein Porträt auch ohne den Porträtierten funktionieren kann.
n-tv.de: Sie werden als Shootingstar der deutschen Fotografie gefeiert. Romantisch aber streng, ganz nah ohne distanzlos zu sein: Ihr Stil fällt auf. Und Sie finden scheinbar mühelos den Zugang zu Persönlichkeiten aus Sport, Politik und Kultur. Woran liegt das?
Andreas Mühe: Wenn ich den Auftrag bekomme, eine Person zu fotografieren, dann bereite ich mich darauf vor. Ich schaue mir vorab den Ort an, überlege, was ich machen könnte, um nicht einfach ein Porträt zu machen. Ich lasse mir eine Geschichte zu der Person einfallen. Lasse sie agieren, bringe Bewegung ins Bild. Das Ganze muss immer auch etwas Banales haben.
Was meinen Sie mit banal?
Es muss etwas passieren. Es gibt auch normale Porträts, aber es geht mir nicht darum, dass sich jemand einfach vor die Kamera stellt. Ich will dem Ganzen eine Handlung geben, eine Zukunft - zum Beispiel durch eine bestimmte Körperhaltung. Das werde ich noch weitertreiben. Wenn es noch banaler wird und noch irrer, dann wird mir das Porträtieren noch ein paar Jahre Spaß machen. Ansonsten ist es aber auch schon ganz schön ausgereizt.
Der Raum spielt in Ihren Bildern eine große Rolle. Er lässt den Menschen klein erscheinen. Oft sieht man das Gesicht nicht. Ist das der Trick des Ganzen? Präsenz dadurch zu schaffen, dass beispielsweise Angela Merkel auf dem Foto im Botanischen Garten nicht in die Kamera blickt und im Verhältnis zur Umgebung fast unscheinbar wirkt?
Sie blickt nicht in die Kamera und ist trotzdem da. Ich setze sie ins Verhältnis, zeige die Lebensräume, in denen sich die Menschen bewegen - ob draußen, in privaten Wohnungen oder Büros - und mache sie dadurch präsent. Ich bekomme Einblicke in die Lebensverhältnisse und wähle einen möglichst großen Ausschnitt daraus.
Dafür werden Sie ja auch gelobt - für das Abwesende, das trotzdem zur Geltung kommt. Kann es passieren, dass die Porträtierten irgendwann grundsätzlich ganz verschwinden? Dass man sie gar nicht mehr braucht?
Ja, ein interessanter Gedanke. Bei dem Bild von Merkels Büro ist das ja schon ganz gut gelungen. Ich war vorher zwei Mal da, um zu sehen, wo die Sonne aufgeht, wie das Licht in den Raum fällt. Dann habe ich Scheinwerfer eingesetzt, die der Szenerie Charakter geben, sie ins Zentrum rücken. Merkel könnte jeden Moment reinkommen. Auch bei den Bildern aus Golzow habe ich ganz auf Menschen verzichtet. Ich bin ein großer Fan der Film-Dokumentation und habe vor ein paar Jahren die Kinder porträtiert. Es hat mich fasziniert und dann sind wir wieder nach Golzow gefahren, um die Gebäude zu fotografieren. Das ist eine andere Form der Weiterentwicklung, dass der Mensch nicht mehr zu sehen ist, aber sein Lebensumfeld. Dabei rückt die Vergänglichkeit stärker in den Fokus. Ich schaffe immer ein Zeitzeugnis.
Sie haben es schon angesprochen: Neben dem Raum ist das Licht ein zentrales und prägendes Moment in Ihren Werken. Manchmal wirkt es fast irreal.
Ich spiele mit dem Licht. Es ist ein Hilfsmittel, dessen Einsatz ich auch nicht verstecke. Bei einem Bild aus der Bergserie haben wir Scheinwerfer sogar auf die Zugspitze geschleppt und bewusst im Bild gelassen, das ist gewollt. Dieses Bild ist aber auch ein Zitat darauf, dass in den letzten Jahren Bilder aufgetaucht sind, die eine Kopie meiner Arbeit sind. Andere haben gesagt, dass ist doch schön. Mich aber hat das im ersten Moment angegriffen. Dann dachte ich okay, dann zeigen wir jetzt alles. Unter das Bild könnte man auch schreiben: die Rezeptur.
Ist es eigentlich ein Vorteil, wenn man die Porträtierten schon kennt?
Teils, teils. Bei Menschen, die ich schon mehrmals fotografiert habe, weiß ich, wie sie ticken, kenne die Abläufe. Neue Personen kennen zu lernen, hat aber auch etwas Reizvolles. Man muss sich einlassen.
Bei Frau Merkel funktioniert das offenbar. Gibt es schon Folgeprojekte in die Richtung?
Ich glaube, wir können uns ganz gut leiden. Aber Folgeprojekte sind nicht geplant. Es gibt auch andere Leute, die den Titel "Kanzlerfotograf" auf sich halten. Ich bin da auch gar nicht so scharf drauf. Man kriegt das so schwer wieder los. Und es gibt ja auch andere tolle Bilder.Mein Lieblingsbild ist immer noch der Empfang beim italienischen Botschafter. Es war abgesprochen, dass ich an diesem Tag fotografiere und auch, wie ich es mache. Es hat einfach Spaß gemacht, dieses Bild mit diesen Personen so aufzubauen. Ich habe jetzt nicht gesagt, dass Frau Rau die Augen zumachen soll - das war Zufall -, aber alle sind von mir in Position gebracht worden und hatten genaue Anweisungen, was sie tun sollten. Es ist alles arrangiert.
Sie verstecken die Inszenierung nicht. Der Betrachter merkt, dass es arrangierte Aufnahmen sind, die dennoch nicht inszeniert wirken, sondern wie nachgespielte Realität. Vermutlich lässt das die Aufnahmen so besonders authentisch erscheinen. Doch warum verlassen Sie sich nicht zuweilen auch auf den spontanen Moment?
Es gibt tolle Fotografie, die vom spontanen Moment lebt. Aber spontane Fotografie ist auch immer ein Glücksding. Ich nutze Hilfsmittel, um das Bild zu kontrollieren. Und es dann wie ein Regisseur wieder zu brechen, so dass es trotz des hohen Aufwandes am Ende wieder wirkt wie ein spontaner Moment. Es muss so aussehen, als ob man an einer offenen Tür vorbeigeht, kurz reinschaut, und die Szene, die dort passiert, bleibt hängen.
Und geht im Kopf des Betrachters weiter. Das Arrangement ist also darauf ausgelegt, dass es filmisch wirkt.
Das ist für mich fast filmisches Arbeiten, ja. Irgendwann habe ich angefangen, den Leuten Handlung zu geben. Und das über die Zeit weiter verfeinert. Ich spiele mit den Dimensionen von Raum und Zeit, setze den Menschen ins Verhältnis. Die Räume, die Architektur spielt dabei eine wichtige Rolle.
In vielen Ihrer Bilder bauen Sie ein starkes, vielleicht sogar unheimliches Pathos auf.
Bei den älteren Bilderserien, zum Beispiel von Prora, war ich noch naiver. Es sollte laut und brutal wirken. Bei der Serie im Olympischen Dorf spiele ich mit einer ähnlichen Lokalität, habe das Ganze aber verfeinert und körperlicher gemacht. Für mich hat es viel mit Körperlichkeit zu tun. Oft ist es so, dass ich den Ort toll finde und mir dann überlege, was ich daraus machen könnte.
Sie suchen also nicht die passenden Räume für die Menschen?
Bei mir ist es oft so, dass es einen Raum und eine Geschichte gibt. Und danach erst suche ich mir die Leute aus. Bei der Sporthalle in Prora wollte ich eigentlich Fabian Hambüchen ablichten, das hat aber nicht geklappt. Doch der Ort ging mir nicht aus dem Kopf. Arthur Abraham trainierte in Binz, und dann dachte ich: das ist es. Ich sehe also einen Ort, und dann dauert es oft ein Jahr, bis ich drauf komme, was man dort machen könnte. Vielleicht ist das auch eine Eigenheit, dass ich nicht zu den Orten und Menschen gehe, um schnell die Bilder zu machen, sondern stattdessen die Leute zu meinen Orten lotse.
Auffällig ist, dass es in der Mehrheit Männer sind, die Sie ablichten.
Vielleicht weil Männer etwas Härteres haben. Vielleicht kann man die härteren Geschichten eher mit Männern machen, es ist irgendwie rauer.
Mit Frauen könnte aber vielleicht das Pathetische aufgebrochen werden?
Ich hätte Sorge, dass es dann schnell Modefotografie wird. Aber das ist kein schlechter Ansatz. Vielleicht kann man das Ganze mit einer Frau besser brechen.
Sie sind noch sehr jung. Ist das ein Pluspunkt, wenn man unbedarft an Personen herangeht, die deutlich mehr Lebenserfahrung haben?
Es ist ein Vorteil, jünger zu sein, man wird anders wahrgenommen. Und mir wird vielleicht mehr zugestanden, wenn ich etwas verlange, was eher ungewöhnlich ist. Ich kann schnell, frech und vorlaut meine Arbeit durchziehen. Die Porträtierten akzeptieren das. Es gefällt ihnen sogar. Und es muss auch sein, denn unsere Zeit ist begrenzt. Es kommt auf die Minute an. Dann ist man vielleicht auch mal ein bisschen lauter.
Frech und vorlaut? Sie wirken jetzt gar nicht so.
Am Set kann das schon mal vorkommen. Im Privaten bin ich eher ruhiger.
Sie haben ja eine sehr deutliche Handschrift. Ist es ein Vorteil oder kann es auch zum Nachteil werden, wenn man sagt: Ach, ein typischer Mühe?
Mein Spektrum, das ich anbiete, ist sehr klein, dafür vielleicht auch ein bisschen elitär. Ich werde nicht für jeden Job angefragt, was okay ist. Ich will auch nicht alles machen. Aber ja, man kann die Leute schnell langweilen. Es gibt Fotografen, bei denen ich denke: Die haben vierzig Jahre ihren Stiefel geritten, wie langweilig. Aber vielleicht wird man auch irgendwann müde. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie ich meinen Stil weiterentwickeln kann, oder ob ich es abbreche und etwas komplett anderes mache. Auf jeden Fall habe ich Lust, bei meinen Porträts noch filigraner zu werden. Da gibt es schon noch ein paar Entwicklungsschritte. Aber tendenziell muss und will ich auch mal etwas Neues machen. Also vielleicht auch mal mit der Großbildkamera aufhören und eine andere Technik benutzen.
Sie wollen Ihre Linhof 4x5 weglegen?
Nein, ich liebe sie. Aber vielleicht werde ich mal eine andere Großbildkamera ausprobieren oder mit einem Mittelformat experimentieren. Auf jeden Fall aber weiter mit Film und Dia. Diese Haptik ist schon toll. Ich steige nicht auf digital um.
Werden Ihre Bilder denn digital nachbearbeitet, beispielsweise die Kontraste erhöht?
Nein. Ich bin kein Freund von Photoshop. Farblich arbeiten wir manchmal ein wenig nach. Ich mag das Rot oft nicht so, das ziehen wir dann etwas raus. Aber sonst machen wir nichts. Sobald man mit Kunstlicht arbeitet, hat man automatisch einen anderen Kontrastumfang. Ich erhöhe das nicht extra. Ich versuche auch, Retuschen im Gesicht so minimal wie möglich zu halten. Wenn ich jemanden ganz nah aufnehme, ist es mir schon wichtig, dass man jede Falte sieht. Aber wenn derjenige einen Pickel im Gesicht hat, dann wird das weggemacht. Dem Porträtierten und dem Betrachter soll es ja auch gefallen.
Halten Sie die Rechte an Ihren Bildern?
Ich habe noch nie einen Vertrag bei einem Verlag unterschrieben. Ich halte die Rechte selber. Die Auftraggeber haben ein paar Monate das Recht darauf, die Werke zu zeigen, danach läuft es an mich zurück. Es gibt aber Fotografen, die solche Verträge unterschrieben haben. Und einige Verlage drücken die Fotografen sehr, was Rechteabgaben und Drittverwertungen angeht. Das ist Horror.
Ist Ihnen der derzeitige Rummel um Ihre Person zu viel?
Es ist auf jeden Fall ungewohnt. Ich freue mich auch schon wieder auf den Alltag. Ich habe mich ja bewusst dafür entschieden, hinter der Kamera zu stehen.
Mit Andreas Mühe sprach Tilman Aretz