Unterhaltung
Sonntag, 09. Januar 2011

Ikone der 60er Jahre: Joan Baez wird 70

Ein halbes Jahrhundert liegt zurück, seit Joan Baez mit ihrem trotzigen "We Shall Overcome" erstmals zum Protest gegen soziale Missstände aufrief. Nach außen kämpferisch war sie innerlich lange ein psychisches Wrack. Heute macht sie "einfach nur schöne Lieder".

Joan Baez hat zu sich selbst gefunden.
Joan Baez hat zu sich selbst gefunden.(Foto: dpa)

Viele Jahrzehnte führte die amerikanische Folksängerin und Aktivistin Joan Baez die Friedensbewegung mit ihren Songs an, engagierte sich unter anderem in Chile, Argentinien, Kambodscha und Vietnam, kämpfte für Gleichberechtigung und die Umwelt. Heute mischt sich Baez nur noch selten unter Demonstranten. Aber die alten Titel, "The Night They Drove Old Dixie Down", "Forever Young" und "Oh Happy Day", singt sie weiter in aller Welt. Die Ikone der 60er Jahre feiert ihren 70. Geburtstag.

Über 40 Alben hat die zarte Frau mit der kristallklaren Stimme und dem vertrauten Vibrato in den USA herausgebracht, seit sie sich im Jahr 1959 in Newport mit "Virgin Mary Had One Son" erstmals vor ein Festivalpublikum getraut hatte. Der Auftritt brachte ihr außer dem Spitznamen "Barefoot Madonna" (barfüßige Madonna) ihren ersten größeren Plattenvertrag ein.

Aufsässig und psychisch labil

In den sechziger Jahren galt die Tochter eines mexikanischen Physikers als "die Muse des Flower-Powers". Sie verhalf Bob Dylan zur Popularität und war einer der Stars des Woodstock-Festivals. Joan Baez sang für die Einsamen und Entrechteten der Welt, wider den Krieg und für die Liebe. Beim "Civil Rights March" in Washington marschierte sie 1963 neben Martin Luther King, 1979 gründete sie eine Menschenrechtsorganisation, während der ersten "Intifada" trat sie im Westjordanland und im Gaza-Streifen auf, 1989 unterstützte sie die "Samtene Revolution" in Prag.

Im Gegenzug bekam sie den Druck der Obrigkeit zu spüren. Joan Baez wurde von der US-Regierung zeitweise als Sicherheitsrisiko eingestuft und landete 45 Tage im Gefängnis, ihre Platten wurden aus den Läden verbannt. Doch all das vermochte nichts an ihrer Aufsässigkeit zu ändern. Dass die nach außen zuversichtliche Kämpferin über Jahre ein psychisches Wrack war, wussten nur wenige. Die 70er Jahre verbrachte sie abwechselnd mit Therapien und Tourneen. Ihren Platten fehlte es in den 80ern immer mehr an Ausdruckskraft und Intensität. Am Ende suchte sich Baez ein Refugium in der Natur.

Rocken auf die alten Tage

Joan Baez (Mitte) demonstriert am 17.04.1967 in San Francisco gegen die Zahlung von Einkommenssteuer zur Finanzierung des Vietnamkrieges.
Joan Baez (Mitte) demonstriert am 17.04.1967 in San Francisco gegen die Zahlung von Einkommenssteuer zur Finanzierung des Vietnamkrieges.(Foto: dpa)

Inzwischen ist sie wieder obenauf. "Ich habe mit schlechten Angewohnheiten gebrochen und mache endlich Musik", sagt sie. Der neuen Joan Baez ist "die Musik wichtiger als die Botschaft". Sie will "einfach nur schöne Lieder" singen, behauptet sie. Ihre oft schrille Sopranstimme ist tiefer geworden, durch Gesangstunden auch besser ausgebildet. Die einst lang wallenden schwarzen Haare sind weiß geworden. Baez trägt heute einen aparten Kurzhaarschnitt.

Nach dem Start mit Folksongs, Balladen und Blues sowie Abstechern in die Country- und Popmusik hat sie auf ihre alten Tage zu rocken begonnen. Ihr letztes Album, "The Day After Tomorrow", gab sie 2008 heraus. Im Jahr davor war sie mit dem Grammy für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. Durch Deutschland tourte Baez im vergangenen Jahr, ob sie ihre vielen Fans in der Republik auch dieses Jahr wieder beglückt, ist auf der offiziellen Internetseite der Sängerin noch nicht zu sehen. Dort sind bislang nur einige Konzerttermine in Frankreich angekündigt.

"Ich war damals ein Freak"

Im Rückblick auf die 60er Jahre meint Baez, dass sie längst nicht so toll waren, wie von vielen ihrer Zeitgenossen erinnert. "Ich war damals ein Freak, Bob Dylan war ein Freak. Alle anderen schwammen im Hauptstrom", sagt Baez. Das heißt, dass "vieles, was wir taten, sich nur in der nachträglichen Verklärung toll anhört".

Wie in ihren mutigsten Jahren nimmt die streitbare Amerikanerin auch heute noch kein Blatt vor den Mund. Ihren Landsleuten warf sie im Zusammenhang mit der Wahl von George W. Bush mehrfach vor, "ihr Hirn vollständig verloren" zu haben. Selbst Arnold Schwarzenegger war als Gouverneur von Kalifornien für sie nur "eine Witzfigur". Im Herbst 2008 brach Baez mit ihrem Vorsatz, sich nie direkt in die Politik einzumischen. Sie könne nicht anders, als Barack Obama zu ihrem Favoriten für das Weiße Haus zu erklären, teilte sie US-Medien mit.

Quelle: n-tv.de

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