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Neben der brennenden Leiche ihres Entführers wird die 17-jährige Rebecca (Gro Swantje Kohlhof) völlig verstört gefunden.
Neben der brennenden Leiche ihres Entführers wird die 17-jährige Rebecca (Gro Swantje Kohlhof) völlig verstört gefunden.(Foto: Johannes Krieg/ARD/SWR/dpa)

"Tatort" mit Blum und Perlmann: Kampusch reloaded

Von Ingo Scheel

Viel war in letzter Zeit von realistisch und unrealistisch die Rede, wenn es um den "Tatort" ging. Eine Frage, die sich auch der vorletzte Fall des Duos vom Bodensee gefallen lassen muss. Kommissare als Hobby-Psychologen mit Freifahrtschein - ist das ernst gemeint?

Bald zehn Jahre ist es her, da die Österreicherin Natascha Kampusch im Alter von 18 Jahren den Fängen ihres Entführers entkommen konnte. Acht Jahre lang hatte Wolfgang Priklopil, ein Nachrichtentechniker aus Wien, das Mädchen in seiner Wohnung gefangen gehalten. Der Fall Kampusch geriet in der Folge zum Medienphänomen, sie selbst moderierte schließlich eine Talkshow ("Natascha Kampusch trifft ...), ihre Autobiografie "3096 Tage" wurde fürs Kino verfilmt.

Der Nachhall scheint bis heute nicht verklungen, auch der neueste Fall des "Tatort"-Teams vom Bodensee nimmt die Eckdaten als Backbone für die Geschichte. Das entführte und jahrelang isolierte Mädchen ist hier die titelgebende Rebecca (Gro Swantje Kohlhof). Und die findet die Polizei neben einem brennenden Mann, völlig verwirrt, sprachlos, rätselhaft. Was hat es mit dem Mann auf sich? Woher kommt Rebecca eigentlich? Hat es womöglich ein weiteres Kind gegeben - und wenn ja, wo befindet es sich jetzt?

Ruhig bis behäbig

Eva Mattes als Kommissarin Klara Blum und Sebastian Bezzel als ihr Kollege Kai Perlmann: Noch in diesem Jahr geht das Bodensee-Team in den Ruhestand.
Eva Mattes als Kommissarin Klara Blum und Sebastian Bezzel als ihr Kollege Kai Perlmann: Noch in diesem Jahr geht das Bodensee-Team in den Ruhestand.(Foto: picture alliance / dpa)

Einmal mehr geht es bei Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) ruhig bis behäbig zu, an die Stelle eines klassischen Täterrätsels tritt hier das Psychogramm des verwirrten, bemitleidungswürdigen Mädchens. Zunächst wird Rebecca unter die Obhut der Psychologin, Prof. Schattenberg (Imogen Kogge), gestellt. Als die wiederholt bei dem Versuch scheitert, einen Zugang zu dem Mädchen zu finden, zeigt sich, dass Perlmann als Einziger mehr Erfolg hat.

Das Wechselspiel der beiden ist fortan beinah schmerzhaft mit anzusehen. Auf der einen Seite Perlmann, sonst gern etwas maulfaul und chronisch eingeschnappt, der hier zunächst widerwillig, dann durchaus einfühlsam die Führung übernimmt. Auf der anderen Seite Rebecca, die von der hochtalentierten Gro Swantje Kohlhof an der Grenze zum Aushaltbaren gespielt wird. Schon im Bremer "Tatort - Die Wiederkehr", als nach langer Zeit heimkehrendes Mädchen, hatte die 21-Jährige erst kürzlich überzeugt.

Noch Entertainment oder schon Krankenakte?

Diesmal ist ihr tränenreiches Spiel noch näher am Knochen. Diese tieftraurigen Augen, in denen das Erlebte sich widerspiegelt, ihr Spiel mit dem Feuer, das traurige Gesicht. Ist das noch Entertainment oder schon Krankenakte? Ein Industrieller mit Kugel in der Brust, ein toter Bankräuber oder Tschiller mit der Riesenwumme – all das ist sicher leichterer Stoff als die Tragödie um das verlorene Mädchen.

Was den Grusel beim Schauen noch mehr in die Höhe treibt, ist die Frage, ob das denn alles so sein muss oder besser: Ob das alles wirklich so vonstatten gehen kann? Die Therapeutin kapituliert, dafür lässt man die unterschulten Kommissare als Hobby-Psychologen ran? Da liegen Feuerzeuge in Griffweite des pyromanen Mädchens? Und als hätte sie nicht genug erlitten, wird sie dann noch einer Gegenüberstellung mit ihrem Senior-Peiniger (grandios abstoßend: Klaus Manchen) ausgesetzt?

Schauspielerisch ist das durchaus exquisit, auch das Verhältnis zwischen Blum und Perlmann scheint sich auf der Zielgeraden tatsächlich einzupendeln. Wer aber beim Tschiller Nick Realismus einfordert beziehungsweise den Mangel eines solchen beklagt, der wird auch am Bodensee diesmal nicht froh.

Einmal noch ermitteln Klara Blum und Kai Perlmann. Mit ihrem 31. Fall geht das Team in diesem Jahr in den Ruhestand.

Quelle: n-tv.de

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