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Jetzt mal eine kleine Ohnmacht zur Entspannung?
Jetzt mal eine kleine Ohnmacht zur Entspannung?(Foto: dpa)

"Tatort": "Fünf Minuten Himmel": La Makatsch hat noch Luft nach oben

Von Ingo Scheel

Zum Ende der Ostertage noch ein ganz besonderes Ei: die Krimiklassiker-Premiere mit Heike Makatsch. Die kommt spröde und tiefgründig daher - verfängt sich jedoch im ersten Fall zwischen Kommissariats-Klischees und Arthouse-Script.

"Special" heißt ja immer "alles mal herhören". Jetzt kommt was Besonderes. Zum Mitschreiben: Special. TV-Event. Auch schön: Event-Dreiteiler. Oder noch besser: Film-Film. Nun, der Tatort-Tatort befand sich zuletzt in Til Schweigers blutverschmierten Händen, jetzt gesellt sich mit dem einstigen Viva-Girlie (bitte nicht schimpfen, Heike), später zur soliden Schauspielerin gereiften Heike Makatsch eine eher zartfingrige Kommissarin zur Riege der Ermittler und Ermittlerinnen des Sonntagabend-Klassikers. Ihre Mission: Den "Tatort" irgendwie "special" zu machen.

Als L'Oréal-Botschafterin könnte sie sich mal die Haare waschen ....
Als L'Oréal-Botschafterin könnte sie sich mal die Haare waschen ....(Foto: dpa)

Noch mehr "special": Fürs Drehbuch sorgte Katrin Gebbe, eine höchst talentierte Newcomerin, die erst 2013 ihr Filmdebüt feierte. Für "Tore tanzt", ein ambitioniertes Drama um einen Jesus-Freak, erhielt sie aus dem Stand den Preis der deutschen Filmkritik für das beste Spielfilmdebüt und den Bayerischen Filmpreis für die beste Nachwuchsregie.

Überhaupt nicht "special": Gerade hat man den ersten Auftritt von La Makatsch genossen und einen zarten "Na, wie macht die sich wohl mit Knarre und Dienstmarke?"-Gedanken ausformuliert, da steht sie als Hauptkommissarin Ellen Berlinger schon im hüfttiefen Morast archaischen Reviergezickes. Als hätte in den Pioniertagen des Stummfilms eine alte Indianersquaw ein verwunschenes Pergament an der Biegung des Flusses begraben, auf denen die Worte standen, die auch in Jahrtausenden noch Gültigkeit besitzen sollen: Wanderer, kommst du aufs Fernsehrevier, dann wappne dich für Zickenalarm und Alphatierismen, für In-der-Hose-Humor und augenverdrehende Missverständnisse. Hier bleibt kein Halbsatz auf dem anderen, kein noch so "normaler" Angang ungemotzt erwidert.

Sehnsucht nach Fips Asmussen

"Ich bin doch nicht behindert!"
"Ich bin doch nicht behindert!"(Foto: dpa)

Berlingers neuer Chef Volker Gaus (Holger Kunkel) ist ein Grabenkampf-Kriminaler aus den hintersten Gängen des Archetypen-Archivs und Kriminaltechniker Frank Hensel (Christian Kuchenbuch) nicht nur in Sachen Job ein Stümper, sondern auch beim Wortspiel ein Low-Performer, dem Fips Asmussen nicht mal seine Weste zum Bügeln anvertrauen würde. "Der Aal wurde gebadet" als Metapher für Oralsex - noch Fragen? Besser nicht. Und als Frau Berlinger sich beim Revierkampf im Revier brüskiert - "Ich bin doch nicht behindert" – steht selbstredend ein Kollege im Rollstuhl hinter ihr.

Einen Fall gibt es natürlich auch noch und so kurz das Privatleben Berlingers angespielt wird - Rückkehr aus London, verstoßene Teenager-Tochter bei der Mutter, Babybauch - so vielarmig sind hier die Storys verzweigt. Stress im Job-Center, Hartz IV-Mütter, Wohnungsräumungen, Alleinverdiener mit geheimen Schulden, Gentrifizierung, irre Entmietete, die Häuser anbohren, Teensex, Gang-Treffs und immer wieder jene "Fünf Minuten Himmel", wie die absichtlich herbeigeführte Ohnmacht durch Luftabdrücken bei den Jugendlichen genannt wird. Ruth rettet Tiere, Harriett vögelt mit Titus. Der möchte auch mal lecker bei Melinda bei, die aber hat einen Mord auf dem Gewissen. Ach ja, und Nina, die Berlinger-Tochter, hängt mittenmang. Viel zu verarbeiten, fast wünscht man sich eine erlösende, kurze Ohnmacht.

Richtig spannend wird das dennoch nicht, der Grat zwischen hypnotisch und einschläfernd ist schmal, auch wenn die Fische - nein, nicht schon wieder der Aal - zuweilen ziemlich tief fliegen. Ist das nun "special" ist oder nicht? Mit einem etwas aufgeräumteren zweiten Fall wird das vielleicht zu beantworten sein.

Quelle: n-tv.de

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