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Darauf haben wir gewartet: Markus Lanz als "Chippendale".
Darauf haben wir gewartet: Markus Lanz als "Chippendale".(Foto: picture alliance / dpa)

Rebellionen auf der Couch: "Wetten, dass..?" am Scheideweg

Von Volker Probst

Es geht immer noch ein wenig schlimmer. Wer dachte, Markus Lanz und das ZDF würden aus ihren Fehlern bei "Wetten, dass..?" lernen, ist nach der Sendung am Samstag nur noch fassungslos. Internationale Stars fehlen diesmal so gut wie komplett auf der Couch. Aber sogar den Gästen aus der Heimat platzt irgendwann der Kragen.

Oh nein, an Stars mangelte es der dritten Ausgabe von "Wetten, dass..?" mit Markus Lanz ganz sicher nicht. Vor allem galt das natürlich für die Musik-Einlagen: Pink, Rihanna, Alicia Keys, Die Fantastischen 4 und Lang Lang - einen solchen Aufmarsch nationaler und internationaler Pop- und Klassik-Größen in nur einer Sendung hätte sich sicher auch Thomas Gottschalk manchmal gewünscht, als er hier noch der Zampano war.

Vielleicht war sie inspiriert von Eurovisions-Gewinnerin Loreen? Pink bei ihrem "Wetten dass..?"-Auftritt.
Vielleicht war sie inspiriert von Eurovisions-Gewinnerin Loreen? Pink bei ihrem "Wetten dass..?"-Auftritt.(Foto: picture alliance / dpa)

Dann gab es da aber auch noch so einige, die an diesem Abend in Freiburg eher zufällig zu Stars avancierten. Nur deshalb, weil sie wenigstens ein kleines Lichtlein an das ansonsten so rabenschwarze Firmament einer durch und durch missglückten Fernseh-Show warfen. Das Mädchen etwa, das mal eben zur Luftgitarre ansetzte, während es bei der "Kajak-Wette" noch auf einem schwankenden Kahn balancierte. Olaf Schubert, dessen Sarkasmus in all dem Wahnwitz, der gerade um ihn herum passierte, einen wenigstens ab und an noch zum Lachen brachte. Oder hier und da auch die wundersam zurückgekehrte Cindy aus Marzahn, die Lanz bei ihren dünn gesäten Auftritten locker jede Show stahl. Und das, obwohl sie in den Pool gesprungen ist und man die Unterwasser-Bilder von ihr im XXXXL-Schlüpper nur noch schwer aus dem Kopf getilgt bekommt.

Die Konsequenz, die man beim ZDF aus der Kritik von Tom Hanks und Halle Berry an ihrer Tortur während der vorangegangenen "Wetten, dass ...?"-Sendung gezogen hat, lautete offenbar: Na gut, dann machen wir es halt diesmal ganz ohne internationales Flair auf der Couch. Und weil es gerade so gut passt, nehmen wir am besten gleich noch ein paar Gäste, die für unser Weihnachtsprogramm die Werbetrommel rühren können. Schlagersängerin Helene Fischer etwa, die ihren bevorstehenden "Traumschiff"-Ausflug natürlich nicht unerwähnt lassen durfte. Oder aber Heino Ferch, der für einen kommenden Dreiteiler über das Berliner Hotel Adlon in die Bütt stieg.

Konfus und prekär

Neben Schubert, Fischer und Ferch saßen auch noch Nena, Maria Furtwängler, Karl Dall und Florian David Fitz, den meisten wahrscheinlich am ehesten noch als Dr. Marc Olivier Meier in der ehemaligen RTL-Serie "Doctor's Diary" ein Begriff, auf der Couch. Angesichts dieser Besetzung musste man sich fragen, weshalb eigentlich nicht diesmal lang und breit über Rainer Brüderle geplaudert wurde. Jetzt hätten es wenigstens alle verstanden. Das heißt, Moment, natürlich wollen wir den Kurz-Einsatz von Pink in diesem illustren Gesprächskreis nicht unterschlagen. Nach einem etwas skurrilen Auftritt mit Ausdruckstanz-Charme setzte sie sich dazu, teilte ihre aufgeklebten Fingernägel mit Furtwängler, blieb für die Dauer einer Wette und überließ danach die restliche Trauerschar wieder ihrem dreistündigen Schicksal. Weil sie ja, so Lanz, zurück zu ihrer Tochter hinter der Bühne musste. Stimmt, die Eineinhalbjährige wartete zu fortgeschrittener Stunde backstage sicher ganz sehnlich darauf, dass ihre Mutter ihr eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt.

Cindy überragte Lanz ein ums andere Mal nicht nur optisch.
Cindy überragte Lanz ein ums andere Mal nicht nur optisch.(Foto: picture alliance / dpa)

Hatte man sich beim ZDF nicht fest vorgenommen, dieses "Ich bin dann mal weg"-Verhalten in einer der größten Fernsehsendungen Europas mit Millionenpublikum nicht mehr zu tolerieren? Wenn dieser Vorsatz schon jetzt gekippt ist, dann scheinen Hanks und Berry mit ihrer Kritik ja einen ziemlich wunden Punkt getroffen zu haben. Nur, sorry, lieber Lerchenberg: Was den internationalen Gästen nicht zuzumuten ist, ist dem Zuschauer und Gebührenzahler schon lange nicht zuzumuten. Und hatte es beim Einstieg von Lanz nicht geheißen, statt einer Sommer-Ausgabe solle es künftig ein Winter-"Wetten, dass..?" geben? Und siehe da: Jetzt verrät uns ein Trailer, dass wir uns doch wieder auf eine Ausgabe auf Mallorca "freuen" dürfen. Nicht, dass das irgendeinen Unterschied machen würde. Aber die Aussagen zu der Show haben eine immer geringere Halbwertszeit.

So konfus, wie es um "Wetten, dass..?" herum zugeht, so prekär präsentierten sich die Show und ihr Moderator am Samstagabend. "Es ist eine vollkommen ausgeflippte Sendung", sagte Lanz kurz nach Beginn. Und wenn er damit nicht nur die fahrende Couch gemeint hätte, hätte er in gewisser Weise durchaus Recht gehabt. Zumindest an seinen Gesten scheint Lanz ein wenig gefeilt zu haben. Nicht bei jeder Gelegenheit gestikulierte er diesmal mit dem Zeigefinger wie ein amerikanischer Politiker. Aber seine schon beinahe zwanghaft übertriebenen Begeisterungsstürme für alles und jeden hat er nach wie vor nicht im Griff. Hätte man eine Strichliste geführt, wie häufig in den drei Stunden Worte wie "spektakulär", "großartig", "sensationell", "phänomenal", "toll" oder "spitzenmäßig" gefallen sind, wäre man zumindest gefühlt im dreistelligen Bereich gelandet. Aber etwas wird nicht dadurch besser, dass man es fortwährend in den siebten Himmel lobt. Der Zuschauer kann sich seine eigene Meinung bilden, ohne sie von Markus Lanz im Sekundentakt indoktriniert zu bekommen.

"Verstehst du das, Osten?"

Wirklich erschreckend jedoch ist, wie sehr Lanz im Umfeld von "Wetten, dass..?" selbst in seiner eigentlichen Domäne versagt. Keine Frage, als Moderator seiner Talk-Sendung macht er einen guten Job. Doch auf der großen Show-Bühne kommt ihm auf einmal sämtliche Souveränität abhanden. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass ihm Maria Furtwängler bei der Moderation unter die Arme greifen muss, weil er vergessen hat, alle Wett-Tipps der Gäste einzusammeln. Oder dazu, dass er ein quälend langes Gespräch über "Gerüchte" anzettelt, in dem er wirklich jeden auf der Couch nach seinem Umgang damit abfragt. Oder dazu, dass er hanebüchene Übergänge bastelt - vom Catering zum Abendmahl. Oder dazu, dass er die gleiche Frage, wie man sich denn die Texte (noch) merken kann, ebenso bei den Fantastischen 4 wie bei Karl Dall für angebracht hält. Oder dazu, dass ihm gar nur noch abstruser Quatsch einfällt: "Karl, verstehst du das, Osten?"

Ob Nena wohl an diesem Abend wirklich Spaß hatte?
Ob Nena wohl an diesem Abend wirklich Spaß hatte?(Foto: picture alliance / dpa)

Spätestens als es um Furtwänglers Wetteinsatz für einen guten Zweck ging, fragte man sich, ob man hier noch in der richtigen Sendung ist. "Wir freuen uns über jede Wette heute, die verloren geht", meinte Lanz da. Den Charity-Gedanken in allen Ehren - aber seine Kopplung an die Wetteinsätze der Gäste führt jedes Prinzip der Show ad absurdum. Der Moderator kann sich zu Gute halten, dass diese Idee vermutlich nicht allein auf seinem Mist gewachsen ist. Ebenso wie manch andere Panne. Sei sie nun technischer Herkunft wie bei der Außenwette, als der der "Spektakulär"-Ausrufe in seinem Ohr offenbar überdrüssige Florian David Fitz den Lanz-Empfänger mal lieber leise gestellt hatte. Oder sei sie menschlicher Natur, wie bei der Aufforderung an Furtwängler und Ferch, sich mal eben professionell anzuschmachten. Die peinliche Idee, Halle Berry in der vorangegangenen Sendung einen Kuss als potenziellen Wetteinsatz abzunötigen, war der Redaktion dann scheinbar noch nicht peinlich genug.

Aber man kann und darf auch Lanz persönlich nicht aus der Verantwortung entlassen. Okay, zumindest bei seiner überflüssigen "Lanz-Challenge" hat er gelernt, dass man auch einem unterlegenen Publikumskandidaten den lumpigen Flug nach New York - Peanuts, gemessen an dem sonstigen Geld, das bei der Show verbrannt wird - schon gönnen kann. Doch auch wenn es sich der Bub mit der "Golf-Wette" kaum traute, das zuzugeben - bei dem Tohuwabohu, das der Moderator veranstaltete, während er mit Sichtschutz Abschlagsgeräusche zu erkennen versuchte, hätte sich kein Mensch konzentrieren können. Dass Lanz seinen Auftritt als "Chippendale" mit falscher Brust-Verkleidung und zwei Köchen an seiner Seite kaschierte, machte die ganze Idee nicht wesentlich sympathischer. Und überhaupt blitzte immer wieder durch, dass der Moderator nicht nur der nette Liebling der Schwiegermama sein kann. Dann etwa, wenn er auf den scheinbaren Defiziten seiner Gäste herum ritt, sei es Olaf Schuberts lichtes Haupthaar oder Karl Dalls Aussehen und Alter. Und wenn es um ihn ging, dann spielte er den Ball mal lieber schnell weiter. Als Heino Ferch ihn darauf hinwies, dass sie beide die Väter von Rihanna sein könnten, konnte Lanz das nicht ohne den Hinweis stehen lassen: "Auch Karl könnte ihr Vater sein."

Komm auf die Couch

Dass es im zwischenmenschlichen Gebälk auf der Couch ziemlich krachte, wurde früher oder später bei beinahe jedem Gast mehr oder weniger ersichtlich. Auf wiederholte Fragen nach ihrem Lebenspartner Florian Silbereisen reagierte Helene Fischer nicht gerade "amused". Karl Dall ignorierte eine Bemerkung des Moderators zu seiner Vergangenheit als "Winnetou"-Nebendarsteller mal eben komplett. Florian David Fitz wurde irgendwann gereizt: "Müssen wir jetzt über alles reden, was meine kriminelle Vergangenheit angeht?" Maria Furtwängler konnte ihren Unmut darüber nicht mehr verbergen, dass zwar jeder Humbug mit einem Einspielfilm bedacht wurde, nur ihr "Tatort" von der öffentlich-rechtlichen ARD-Konkurrenz nicht. Und am Ende hatten eigentlich alle nur noch Spott auf den Lippen, als die Einblendung einer Tafel mit ihren persönlichen Wett-Ergebnissen auf sich warten ließ.

Vor allem jedoch kristallisierte sich das Stimmungstief an der Konversation zwischen Lanz und Nena heraus. Zugegeben, Nena reagierte auf Fragen nach ihrem früheren Leben in ihrer gelegentlich typischen Art zickig und etwas verschroben. Doch wie Lanz danach damit umging, war, gelinde gesagt, vollkommen deplatziert. Als die Sängerin in der "Gerüchte"-Diskussion anfing, latent esoterisch angehaucht auszuschweifen, fuhr er ihr über den Mund. Das Ergebnis: Den mehr als zweistündigen Rest der Sendung verfolgte Nena weitgehend schweigend mit verschränkten Armen und Schmollmund. Vom "familiären Verhalten", das sie sich zu Beginn der Show noch von allen Anwesenden gewünscht hatte, konnte nicht die Spur die Rede sein. Stattdessen wagte Lanz kaum noch, sie anzusprechen. Abgesehen von der notorischen Abfrage der Wett-Tipps, tatsächlich nur noch einmal. Als Nena da wieder eine sehr gefühlsduselige Antwort gab, fiel Lanz nur noch eins ein: "Eine Philosophin, Nena, definitiv." Ja, schon klar. Mit anderen Worten: Lass sie faseln.

Nein, mit so offensichtlich emotional gestrickten Menschen wie Nena kommt ein kühl-rationaler Talkmaster wie Markus Lanz nicht zurecht. Genau das aber disqualifiziert ihn über kurz oder lang vollends für ein Unterhaltungsformat wie "Wetten, dass..?". Fast schon flehentlich legte er Rihanna und Alicia Keys nach ihren Auftritten ans Herz, das nächste Mal doch mit zu ihm auf die Couch zu kommen. Während sich Rihanna diese besondere Form des Antrags noch professionell gefallen ließ, klang die Antwort von Keys schon beinahe wie eine verbale Ohrfeige: "Ich überlege es mir." Aber sie hatte es bestimmt auch ganz eilig, zu ihrem zweijährigen Sohn zu kommen. Und Rihanna hatte sicher auch noch andere dringende Termine - und sei es nur eine Party mit ihrem alten und neuen Schläger-Freund Chris Brown. Wenn das so weitergeht, ist "Wetten, dass..?" wirklich am Ende.

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Quelle: n-tv.de

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