Der Mann, der die Kippen liebte Serge Gainsbourg und die Frauen
Wenn man aus dem Film kommt, denkt man, dass man nach Rauch riecht. Das ist aber auch das einzig Schlechte, was sich über "Gainsbourg" sagen lässt. Der Hauptdarsteller kommt seinem Alter Ego gefährlich nahe.
Gleich vorneweg: Wer total politisch korrekt ist, sollte sich diesen Film nicht ansehen. Denn mal abgesehen davon, dass so einige F***-Wörter benutzt werden (obwohl der Regisseur sagt, in seinem Film gebe es keinerlei Anstößigkeiten oder Obszönitäten), wird durchgehend, und damit meine ich durchgehend, Kette, eine nach der anderen, geraucht. Und zwar auch von Kindern. Sehen Sie, jetzt haben Sie sich erschreckt, aber es ist wahr. Der kleine Serge, der ein ganz besonderes Kind ist - und das macht sich nicht nur daran fest, dass er vorerst den Musikunterricht verweigert und für sein Alter zu sehr an erwachsenen Frauen interessiert ist, nein, er holt sich auch noch als Erster seinen Judenstern ab, den er voller Stolz trägt - dieser kleine Serge raucht im zarten Alter von, sagen wir, neun Jahren mit einer Selbstverständlichkeit, die ahnen lässt, woran der große Serge eines Tages zugrunde gehen wird.
Das Rauchen ist ein großes Thema in Joann Sfars Film, und deswegen könnte der Untertitel auch: "Der Mann, der die Kippen liebte" heißen. Aber nein, er heißt: "Der Mann, der die Frauen liebte" und das ist ja auch viel schöner. Vor allem deswegen, weil so viele schöne Frauen in dem Film auftreten. Das fängt bei der Mutter des kleinen Lucien Ginsburg, als der er geboren wird, an und endet bei seiner letzten Frau, Bambou. Dazwischen sind die Frauen, die alle irre schön, eigenständig und erfolgreich sind und sich in der Gegenwart des doch eher schmächtigen Künstlers zu Frauen verwandeln, die in seiner Gegenwart schnurren wie ein Kätzchen.
Sex, Skandale, Alkohol
Der Film deckt Gainsbourgs Leben von seiner Kindheit bis zu den letzten Auftritten ab. Er erzählt von seiner jüdischen Familie, seinen künstlerischen Anfängen als Barpianist und Maler, von seinem Durchbruch als gefeiert Musiker. Vor allem aber erzählt er von seinem Sex, seinen Skandalen, dem durchgängig von Alkohol begleiteten Leben und schließlich seinen zahlreichen Frauenbeziehungen - Juliette Gréco, Brigitte Bardot, Jane Birkin und Bambou, seiner letzten Lebensgefährtin, was inhaltlich eher dem deutschen Filmtitel entspricht als dem etwas beliebiger klingenden Original "Gainsbourg, vie héroïque" (etwa: Gainsbourg, heldenhaftes Leben).
Gainsbourg, der Mann, der so vieles konnte, hatte keinen Führerschein und sein Rolls-Royce plus Chauffeur diente ihm nur zum Rauchen. Und da er nicht so war, wie er sein wollte, suchte er seine Bestätigung durch den Skandal. Wer in Joann Sfars Film hofft, hinter dem Dandy und Kettenraucher mehr zu entdecken als ein Frauenheld und Musikgenie, wird enttäuscht - aber ist das nicht schon ein ganze Menge? Denn der Film ist keine Filmbiografie, kein Biopic, obwohl er als solches offiziell bezeichnet wird. Besser passt die Bezeichnung "Märchen", und für Fans bunter und surrealistischer Bilderwelten ist der Film ein wahrer Kinospaß.
Ich liebe Lasten
Sfar, der mit der Hommage an Gainsbourg sein Regiedebüt feiert, kommt ursprünglich aus der Comic-Branche. Als begnadeter Zeichner hat er sich in dem Film viel künstlerische Freiheit herausgenommen, Wirklichkeit mit surrealen Bilderfluten vermischt und in diesem Sinn fast schon ein eigenständiges künstlerisches Genre geschaffen. Als Vorlage zu dem Film diente ihm sein umfangreicher Comicband "Gainsbourg (Hors champ)". Und er ist sich der großen Last, die er auf den Schultern trägt, durchaus bewusst: "Ich liebe es, Lasten zu tragen, die zu schwer sind, als dass man sie auf sich nehmen könnte."
Und er sagt schon fast trotzig: "Die Wahrheit könnte mir gar nicht gleichgültiger sein. Ich liebe Gainsbourg viel zu sehr, um ihn ins Reich der Realität zurückzuholen." Und so hat Sfar der französischen Musikikone eine riesige animierte Comicfigur an die Seite gestellt, genannt "Die Fresse". Sie verkörpert seinen Alter Ego, Gainsbarre, den Gainsbourg Ende der 1970er-Jahre erschuf und in seinem Lied "Ecce Homo" als dauerrauchenden Kampftrinker und Nachtclub-König beschreibt. Diese Figur taucht immer dann auf, wenn Serge sich eigentlich wohl fühlt, doch der "Fresse" gelingt es immer wieder, ihn zur dunklen Seite der Macht zu ziehen.
"Die Fresse"
Gainsbarre war der Gegenpart des zeitlebens von Selbstzweifeln geprägten Sängers, den Sfar in dem Film mit riesigen abstehenden Ohren und einer langen Pinocchio-Nase darstellt und der äußerst gelungen von Doug Jones gespielt wird. Die animierte Comicfigur gehört zu den vielen guten Ideen, die Sfar als Comiczeichner in den Film einfließen lässt. An manchen Stellen löst sich die Lebensgeschichte vielleicht gerade dadurch auf, verliert an psychologischer Tiefe und wird zu einer Form von comichaftem Realismus; das tut der Sache aber keinen Abbruch.
Die Frauen
Die Besetzung der Rollen ist mehr als gelungen: Laetitia Casta räkelt sich sexy als Brigitte Bardot auf dem Klavier und zu Gainsbourgs Füßen. Casta holte sich extra die Erlaubnis von "BB", die sie ihr gerne gab: "Ich mag Laetitia gern, und ich finde, dass sie mich am besten verkörpern kann." Das ist ein Ritterschlag, wie ihn nur wenige von der sehr zurückgezogen lebenden Bardot bekommen. Und die erinnert sich an ihre Affäre mit Gainsbourg tatsächlich voller Wärme: "Unsere Geschichte bleibt ein überwältigender Moment der Leidenschaft. Serge hatte nichts Perverses, er war ein geradezu keuscher junger Mann." Bardot, die zu der Zeit mit Gunter Sachs verheiratet war, schwärmt: "Ich wollte einem Mann mit Leib und Seele gehören, den ich bewundern würde und der auch für mich da wäre. Serge war für mich da und ich bewunderte ihn wahnsinnig."
Der Film enthält leider auch eine echte Tragödie: Die britische Schauspielerin Lucy Gordon nahm sich kurz vor der Veröffentlichung des Films in ihrer Pariser Wohnung das Leben. Sie spielt die zerbrechliche Jane Birkin auf kongeniale Weise. Birkin, mit der Gainsbourg zusammen im prüden Frankreich des Jahres 1969 den lasziv gestöhnten Song "Je t'aime moi non plus" veröffentlichte, holt den Helden aus dem Schatten: "Sie ist eine Engländerin, jemand, der in strahlend weißem Licht gebadet wurde, mit der ganzen Schönheit des Weißen, mit der Zartheit, die ein solches Gesicht zaubern kann", schwärmt der Regisseur von der Rolle.
Kein Gainsbourg-Fan
Entscheidend für den Film ist allerdings die Leistung von Eric Elmosnino, der Gainsbourg nicht genialer, cooler, zynischer und authentischer hätte darstellen können. Dabei hatte der 39-jährige Regisseur jemand ganz anderes im Kopf für die Rolle: Charlotte Gainsbourg, doch die sagte ab. Elmosnino, bis zum Drehbeginn kein ausgewiesener Gainsbourg-Fan oder-Kenner, erzählt: "Ein Schauspieler muss eine gute Portion Unwissenheit und Ehrgeiz besitzen. Vor der Kamera muss man sich sagen: Hier spiele ich, ich ganz allein!" Elmosnino, dem man abnehmen würde, einen Gainsbourg-Schrein im eigenen Schlafzimmer zu haben, so ähnlich wirkt er, hat sich dem Künstler auf ganz banale Weise genähert: Eine Biographie gelesen, sich bei jedem Chanson, den er beim Dreh anstimmte, erstmal bei der Crew entschuldigt, und er hat sich den einen Teil Echtheit bewahrt, der seine Darstellung geradezu genial macht.
In Deutschland wird Gainsbourg im Wesentlichen auf seine Affären reduziert und auf seine Skandalsongs, von denen im Film einige teilweise neu interpretiert wurden. Ein Bild, das Sfars unterhaltsamer und ideenreicher Film zwar bekräftigt, aber auf die beste Art, der man sich einem solchen Gesamtkunstwerk wie Serge Gainsbourg nur nähern kann.