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Auf den Spuren von Bonnie und Clyde: Adrian und Laura
Auf den Spuren von Bonnie und Clyde: Adrian und Laura(Foto: WDR/Thomas Kost)

"Tatort" aus Köln: Sex und Gewalt statt Wurst und Bier

Von Julian Vetten

Kaum ein Kölner "Tatort" kommt ohne das obligatorische Rätselraten der beiden gemütlichen Ermittler Ballauf und Schenk aus. Dieser hier schon: "Kartenhaus" ist ein packender Ritt Richtung Abgrund - mit einem betongewordenen Endgegner.

Eltern warnen: Immer erst nachprüfen, ob der Reisepass auch wirklich im Gepäck ist, bevor's auf große Tour geht - sonst wartet spätestens am Flughafen ein böses Erwachen. Und was macht Klaus Hartmann? Vergisst seinen Reisepass in der Küche, wo der neue Freund der Stieftochter neben dem Messerblock steht und von der notorischen Lügnerin gerade erfahren hat, dass der brave Familienvater in Wahrheit ein mieser Vergewaltiger sein soll. Das böse Erwachen erwartet Klaus dann in Form zweier Messerstiche in den Bauch, Lerneffekt für die nächste Reise: gleich null.

Sinnlos gestorben ist Klaus dann aber doch nicht, denn immerhin markiert sein Tod den Auftakt zu einem packend inszenierten "Tatort". Adrian (Rick Okon) und seine Freundin Laura (Ruby O. Fee) schlittern innerhalb von 90 Minuten schön langsam dem Abgrund entgegen - und die Zuschauer dürfen dem verkappten Bonnie- und Clyde-Pärchen dabei genüsslich über die Schulter schauen. Weil Adrian eine ganze Wagenladung Fingerabdrücke am Tatort hinterlassen hat, können sich Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) das Rätselraten an der Würstchenbude ersparen und dem Affektmörder direkt hinterherjagen. Die beiden Kommissare geben sich dabei diesmal erfreulich hart und abgebrüht, was zum düsteren Szenario von "Kartenhaus" deutlich besser passt als ihre sonstige Gemütlichkeit.

"Sie lügt, er träumt - gefährliche Mischung"

Geben sich diesmal erfreulich hart: Schenk und Ballauf
Geben sich diesmal erfreulich hart: Schenk und Ballauf(Foto: WDR/Thomas Kost)

Aber zurück zu Adrian und Laura, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite das Trashkid mit einem ganzen Berg von Problemen, auf der anderen Seite das gelangweilte Oberschichtenpüppchen ohne Probleme - oder wie Ballauf lakonisch feststellt: "Sie lügt, er träumt - gefährliche Mischung." Die beiden eigentlichen Hauptdarsteller der Episode verlassen relativ entspannt den Tatort, nur um in einem Flughafenhotel die Royal Suite zu beziehen und sich die Seele aus dem Leib zu vögeln. Für Laura ist die ganze Flucht bis dahin ein wildromantischer Ausbruch aus dem goldenen Käfig ihrer Einsamkeit. Allerdings weiß sie auch noch nicht, dass Adrian ihren Stiefvater wegen einer Lüge ermordet hat - einer Lüge, die sie ihm selbst aufgetischt hat. Für den sehr wütenden jungen Mann ist der Mord an Lauras Vater dagegen der Beginn einer amoklaufähnlichen Alptraumreise, deren Ziel bereits festzustehen scheint.

In dem Versuch, eine Zukunft für sich und seine große Liebe zu schaffen, reitet sich Adrian immer tiefer in die Scheiße. Regisseur Sebastian Ko schafft es dabei, die Zuschauer für Adrian einzunehmen: Der Junge mag ein verqueres und mitunter ziemlich krankes Weltbild haben und Probleme auf die kompromissloseste aller Arten lösen, trotzdem möchte man ihm alles Gute wünschen. "Hoffentlich ist sie es wert", sagt ein Kumpel von Adrian, als der ihn bei seiner Flucht um Geld und Hilfe anpumpt. "Sie ist es nicht", möchte man durch den Fernseher schreien - aber das erfährt Adrian erst, als es schon zu spät ist.

Ein betongewordener Endgegner

Diese letzte halbe Stunde und der Showdown auf den Dächern einer Hochhaussiedlung gehören definitiv zum visuell ansprechendsten, was man im Kölner "Tatort" bis dato zu sehen bekam. Das dem Untergang geweihte Pärchen hat Unterschlupf auf dem Kölnberg gesucht - und die berüchtigte Trabantenstadt an Kölns südlicher Peripherie macht eine verdammt gute Figur als betongewordener Endgegner. Der Kölnberg schwitzt düstere Ausweglosigkeit aus jeder Plattenpore, eingefangen von beeindruckenden Kamerafahrten und untermalt von einem jederzeit passenden Untergangssound.

Einen Makel hat "Kartenhaus" dann aber doch: Der Krimi erzählt jede Szene komplett aus, anstelle auch ab und an mal die Fantasie der Zuschauer von der Leine zu lassen - die ansonsten gänsehautreif inszenierte Schlussszene hätte ruhig mit einem kleinen Fragezeichen enden dürfen. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau und schon im nächsten Moment wieder vergessen, wenn die Kameradrohne über dem Kölnberg langsam an Höhe gewinnt und ein wahnsinnig melancholisches Cover von Black's "Wonderful Life" einsetzt.

Quelle: n-tv.de

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