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So sehen Sieger aus: Cascada-Sängerin Natalie Horler.
So sehen Sieger aus: Cascada-Sängerin Natalie Horler.(Foto: picture alliance / dpa)

Mit dem Autoscooter nach Malmö: ESC-Vorentscheid entgeht Eklat

Von Volker Probst

Zurück in die Zukunft? Mit Kirmes-Techno, Cascada und Sängerin Natalie Horler in einem viel zu kurzen Rock reist Deutschland zum Song Contest nach Schweden. Aber zumindest ein Gutes hat das Ergebnis des Vorentscheids: Es bewahrt die Macher vor einem handfesten Skandal.

Herzlichen Glückwunsch! Und das gleich doppelt. Schließlich hat der Meister nicht nur gerade eben erst geheiratet. Nein, er feiert an diesem Freitag - also quasi just in dem Moment, in dem wir diese Zeilen in die Tastatur hämmern - auch seinen sage und schreibe 50. Geburtstag. Das einfallslose "Happy birthday to you" lassen wir weg und schmettern dafür ein "Piep Piep Piep, unser Guildo, wir haben dich lieb!"

Darauf eine Nussecke: Guildo Horn.
Darauf eine Nussecke: Guildo Horn.(Foto: picture alliance / dpa)

Ob Guildo Horn wohl mit einem rauschenden Fest in seinen Ehrentag hineingefeiert hat? Ganz ehrlich: Wir wissen es nicht. Vermuten würden wir allerdings eher, dass er sich mit seiner Gattin und ein paar Nussecken von Mutti auf die Couch gefläzt hat. Schließlich fiel am Donnerstagabend in Hannover die Entscheidung, wer sich im 15. Jahr nach seinem legendären Auftritt in Birmingham in die Reihe seiner Epigonen beim Eurovision Song Contest (ESC) einreihen darf.

Danke, Anke

In gewisser Weise war der neue alte Vorentscheid auch so etwas wie eine einzige große Nussecke. Nach den Jahren des Amateur-Dauer-Castings hat man sich bei der ARD entschieden, lieber wieder an gute (?) alte Traditionen anzuknüpfen: nur eine Show mit bereits mehr oder minder etablierten Sängern, Sängerinnen und Gruppen. Aber natürlich nicht so etabliert, dass es für die Teilnehmer auch nur irgendetwas Schöneres geben könnte als einen Ausflug zur internationalen Singstunde nach Malmö. Und sei es mit dem Bollerwagen.

Dass die Nussecke nicht total ranzig schmeckte, war dabei wieder einmal in erster Linie Anke Engelke zu verdanken. Mal abgesehen von den Show-Acts – ESC-Vorjahres-Siegerin Loreen und Lena – war sie so ziemlich die Einzige, die das zu Beginn versprochene "Eurovision-Feeling Deluxe" zu vermitteln vermochte. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte uns statt la Engelke etwa Axel Bulthaupt (die Leser kurz vor der Rente erinnern sich) von der Mattscheibe aus zugewunken.

Der Schnelldurchlauf

Gewohnt charmant geleitete die Moderatorin die Zuschauer durch das in weiten Strecken krude Programm, das also einen Querschnitt der aktuellen Musiklandschaft in diesem unserem Land darstellen sollte. Und weil wir an dieser Stelle natürlich nicht den Raum haben, die komplette Show nachzuerzählen, machen wir das doch im beliebten Schnelldurchlauf (aber Achtung: Wiederholung – bitte nicht mehr anrufen). Also, da waren:

Eurovision-Feeling Deluxe: Anke Engelke.
Eurovision-Feeling Deluxe: Anke Engelke.(Foto: picture alliance / dpa)

Finn Martin mit seinem Folk-Pop-Song "Change" und einer Blue Man Group im Hintergrund. Ohne Blue Man.

Mobilée mit dem Pop-Ohrwurm "Little Sister" und ihrer gesammelten WG-Einrichtung aus Duisburg im Gepäck.

Lady Gaga, ach nee, Blitzkids mvt. mit dicken Hosen und einer 2.0-Version von Lenas "Taken By A Stranger" namens "Heart On The Line".

Betty Dittrich mit ganz viel Sixties-getränktem "La La La", zwei Tänzern mit ganz viel homoerotischer Ausstrahlung und vermutlich ganz vielen Nussecken hinter der Bühne.

Ben Ivory mit dem eigentlich coolen Song "The Righteous Ones", aber mit einer Unsicherheit auf der Bühne, dass man jeden Augenblick mit der Durchsage rechnete: "Der kleine Ben soll sich bitte an der Kasse melden."

Soul-Röhre Saint Lu mit "Craving" und einem Keyboarder, der seine Pelzmütze bitte ganz schnell in der nächsten Altkleidersammlung abgeben sollte.

LaBrassBanda, die zwar "Nackert" sangen, aber zum Glück nicht waren.

Ja, is denn scho Oktoberfest? LaBrassBanda-Sänger Stefan Dettl.
Ja, is denn scho Oktoberfest? LaBrassBanda-Sänger Stefan Dettl.(Foto: picture alliance / dpa)

Nica & Joe, die mit dem Aufbau eines Ikea-Regals das beste Statement in ihrem Einspielfilm gaben und mit "Elevated" den vielleicht ESC-typischsten Song am Start hatten.

Mia Diekow, die nun ihrem Finanzbeamten erklären muss, weshalb ihr "Lieblingslied" ihr auch nicht dabei helfen wird, ihre Steuerschulden zu begleichen.

Die Söhne Mannheims, die sich mit großkotzigen Worten vorstellten und ihrer Mitfavoritenrolle mit ihrem Song "One Love" dennoch (oder vielleicht gerade deshalb?) nicht gerecht wurden.

Die Priester mit Mojca Erdmann, die uns mit ihrem Opern-Choral-Mix "Meerstern, sei gegrüßt (Ave Maris Stella)" in Malmö natürlich gut zu Gesicht gestanden hätten, wenn wir schon demnächst nicht mehr Papst sind.

Cascada mit dem Song "Glorious" und Sängerin Natalie Horler, bei der offenbar niemand ein Auge darauf hat, dass sie sich altersgerecht anzieht.

Arithmetik statt Demokratie

Auch wenn zunächst alles auf einen Durchmarsch-Sieg der Lederhosen-Lauser von LaBrassBanda hindeutete, müssen wir Resi nun doch nicht mit dem Traktor abholen. Denn am Ende stand fest: Statt mit dem Trecker fahren wir mit dem Autoscooter nach Malmö. Als Anke Engelke verlas, dass die TV-Zuschauer Cascadas Kirmes-Techno mit 12 Punkten belohnen, dürfte sich manch einer der Verantwortlichen für die Show ein Gläschen Schampus gegönnt haben. Denn andernfalls wäre der Vorentscheid im Eklat geendet.

Anders als zu Zeiten von Lena und Roman Lob, in denen allein das Fernsehpublikum über den deutschen Vertreter beim ESC abstimmte, entschied man sich diesmal für einen ganz besonders pfiffigen Modus. Das Ergebnis des Vorentscheids setzte sich aus drei gleichrangigen Teilen zusammen: dem Online-Voting diverser ARD-Radioanstalten, den Anrufen der TV-Zuschauer und der Abstimmung einer aus den Sängern Tim Bendzko und Roman Lob, den Sängerinnen Mary Roos und Anna Loos sowie dem Song-Contest-Moderator Peter Urban bestehenden Jury.

Nachdem LaBrassBanda bei den Radiohörern klar die Nase vorn hatten, katapultierte das anschließende Jury-Votum Cascada mit mehreren Punkten Vorsprung an die Spitze. Die Folge: Selbst wenn die Bayern-Burschen die meisten Anrufe auf sich vereinigt hätten, hätten sie es schwer gehabt, das Eurodance-Inferno noch vom Thron zu stoßen. Deutschland hätte dann nicht den überragenden Publikums-Favoriten nach Schweden entsandt, sondern den Nutznießer einer wirren Abstimmungs-Arithmetik.

So ist es nicht gekommen. Aber ein Wink mit dem Zaunpfahl war es allemal: Die dufte Idee, das demokratische Prinzip durch die Mitbestimmung einer Jury zu verwässern, sollte so schnell wieder in der Versenkung verschwinden, wie sie aufgetaucht ist. Egal, ob man Cascada nun "glorious" findet oder nicht – mit Natalie Horler und ihren DJ-Jungs im Rücken vertritt die Gruppe Deutschland in Malmö, die summa summarum bei den ESC-Fans am besten ankam. Zum Glück.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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