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Ein guter Papa sein und tolle Rollen spielen - das reicht Moritz Bleibtreu zum glücklich sein.
Ein guter Papa sein und tolle Rollen spielen - das reicht Moritz Bleibtreu zum glücklich sein.(Foto: Alamode Film/Felix Cramer)

"Du wirst dein Leben verteidigen!": Wie viel Bestie sind Sie, Herr Bleibtreu?

Hat er sich einmal in Fahrt geredet, ist Moritz Bleibtreu kaum noch zu bremsen. Früher war er manchmal jähzornig. Heute steckt er seine Energie lieber in anspruchsvolle Filme. Derzeit ist er als skrupelloser Anwalt Urs Blank in "Die dunkle Seite des Mondes" zu sehen. Eine tolle Rolle, findet Bleibtreu, doch privat will der 44-Jährige mit Urs wenig gemein haben. Als Vater seinem Kind, als Schauspieler der Kunst verschrieben, erklärt er im Gespräch mit n-tv.de, wieso er auch dann noch glücklich wäre, sollte der Erfolg plötzlich ausbleiben.

n-tv.de: "Never hesitate", zu Deutsch "zögere nicht", ist in ein Messer eingraviert, das Urs im Film benutzt. Ist das ein Spruch, mit dem du dich identifizieren kannst?

Moritz Bleibtreu: Im Gegenteil, mein Lebensmotto wäre "always hesitate". Schon als Kind war ich ein eher vorsichtiger Mensch. Ich war keiner, der ohne nachzudenken vom Baum springt. Ich hab' erstmal geguckt, was die anderen machen, noch dreimal hochgeguckt - und dann! Das ist auch heute noch so.

Also hast du wohl auch keine wilde Drogengeschichte in petto, oder? Im Film erlebt dein Urs ja einen ziemlich abgefahrenen Pilz-Trip …

Ich hab' schon mal Pilze genommen, aber dann natürlich so voll Feigling-mäßig - also viel zu wenig. Die anderen haben gesagt: "Davon merkst du gar nichts!" Es war trotzdem sehr lustig, muss ich sagen. Das war so wie beim ersten Mal kiffen. Aber mir wurde auch sofort in dem Moment klar, wenn das jetzt heftiger wäre, dann möchte ich das gar nicht. Ich fühle mich im Hier und Jetzt sehr wohl. Ich finde das alles spannend genug.

Dein Film gibt dir recht, nach dem Rausch dreht Urs völlig ab. Meinst du, dass in jedem Menschen eine gewalttätige Seite schlummert und dass die zum Vorschein kommt, sobald man sich in einer Extremsituation befindet?

Ich denke, das liegt im Lebenserhaltungstrieb begraben. Wenn dir jemand an dein Leben geht oder an das deiner Lieben, wirst du das verteidigen. Und das wirst du auch in letzter Konsequenz tun. Ich bin zum Glück noch nie in so einer Situation gewesen.

Also ist uns ein gewisses Maß an Grausamkeit angeboren?

Ein Rest ist dann auch Prägung - Prägung durch die Gesellschaft, in der du lebst, Prägung durch deine Eltern. Ich bin Papa und ich glaube, ich kann das wirklich sagen: Du kannst Kinder kaputtmachen, das ist nicht schwer.

Das musst du erklären!

Wenn du eine bestimmte Gangart vorgibst, dann werden Kinder dir folgen. Ich glaube, man kann von keinem Menschenkind erwarten, dass es genug eigene Persönlichkeit und Reflexionsfähigkeit besitzt, um zu begreifen, dass es sich in einer schrecklichen Situation befindet. Wenn die Erkenntnis kommt, dann wahrscheinlich auch nicht vor dem Alter von 20 - wenn überhaupt. Das ist leider so.

Aber Eltern sind doch nicht allein schuld daran, wenn ihr Kind gewalttätig wird.

Sicherlich ist das auch der Persönlichkeit geschuldet - es gibt temperamentvollere Leute und Leute, die das weniger sind. Ich bin schon ein relativ temperamentvoller Mensch, ich habe früher so was wie Jähzorn gekannt. Aber die Art und Weise, wie ich dann potenziell mit der Gewalt umgehe, die ist erlernt. Wenn es um ein Wertesystem geht oder um das Bewahren von bestimmten moralischen Instanzen, dann sind die Eltern gefragt. Schön wäre, wenn man sich grundsätzlich die Frage stellen würde: Sind Menschen gut oder sind Menschen schlecht?

Jedenfalls sind sie ziemliche Egoisten …

Ach was, die Frage ist schnell beantwortet: Sie sind gut! Wie viele wirklich sadistische kleine Kinder gibt es denn? Die meisten sind süß. Wenn man sie lieb behandelt und sie mit Liebe, Achtung und Anerkennung großzieht, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass aus denen Massenmörder werden.

Hat Urs denn eine miese Kindheit gehabt?

In "Die dunkle Seite des Mondes" wird Bleibtreus Urs zum Spielball seines kaltblütigen Mandanten, gespielt von Jürgen Prochnow (l.).
In "Die dunkle Seite des Mondes" wird Bleibtreus Urs zum Spielball seines kaltblütigen Mandanten, gespielt von Jürgen Prochnow (l.).(Foto: Alamode Film/Felix Cramer)

Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube, das ist so ein klassischer Fisch, der einfach so durchgeschwommen ist. Die Eltern waren distanziert, aber natürlich trotzdem immer da, dem hat's nie an irgendwas gefehlt. Vielleicht hat er nicht so wahnsinnig viel körperliche Zuneigung bekommen. Er ist jedenfalls nie an einen Punkt geraten, an dem er sich selbst hätte hinterfragen müssen. Was ja viele von diesen Menschen tatsächlich nicht begreifen, ist, dass es Konsequenzen hat, wenn 15 Milliarden von hier nach da geschoben werden. Dass das unter Umständen bedeutet, dass Menschen in Griechenland keine Rente mehr bekommen.

Wenn du in deiner Rolle also im Maßanzug hinter riesigen Glasfenstern auf die Frankfurter Skyline blickst, ist das ein Leben, das du so gar nicht fühlst?

(lacht laut) Ja, gar nicht. Das ist so ein Kosmos, der mir völlig fremd ist. Faszinierend, sicherlich, aber für mich gleichzeitig genauso abschreckend. Dafür bin ich viel zu wenig pragmatisch, viel zu wenig kaltblütig, viel zu unrationell.

Das wird vielen so gehen. Obwohl man selten nachvollziehen kann, was Urs tut, fiebert man aber trotzdem mit.

Das war die Hauptaufgabenstellung bei dem ganzen Film: Du hast einen "Antihelden", der vor deiner Nase komplett bricht, der aber den ganzen Film über Identifikationsfigur bleibt. Dann wär's natürlich schlecht, wenn du nach 30 Minuten sagst: So, jetzt will ich den nicht mehr sehen, den Wichser! (grinst) Es musste an ihm eine Seite geben, die registriert, dass das, was er da getan hat, nicht geht.

Die bewusste Erkenntnis über das Getane! In Martin Suters Romanvorlage kommt die nicht so stark raus wie im Film.

Ich glaube, es ist Quatsch, Romane mit den Filmadaptionen zu vergleichen. Das ist wie mit Birnen und Äpfeln. Manchmal ist es auch gut, zu sagen: Komm, das machen wir jetzt anders. Du willst ja auch als Filmemacher etwas Eigenes erzählen.

Hattest du "Die dunkle Seite des Mondes" denn schon gelesen, bevor die Rolle des Urs für dich infrage kam?

Ja, ja, ich kannte den Roman. Ich hab' ihn damals gelesen, als er rauskam. Ich lese Suter unheimlich gerne. Tolle Sprache hat der, tolle Innenwelten. Es ist schwer, so was in eine visuelle Form zu bekommen.

Urs bricht im Film aus einem Zustand aus, der sich für ihn wie Stillstand anfühlt. Kennst du solche Momente aus deinem Privatleben?

Ne, nie, Glück gehabt. Kann ich mir auch schwer vorstellen, muss ich ehrlich sagen.

Weil du selber hinterher bist, dass dir das nicht passiert?

Ach, ich hab' so viel Leidenschaft für so viele Dinge. Ich würde mich nie langweilen. Ich finde irgendwas, woran ich Freude entwickeln kann.

Das klingt ganz schön entspannt. Hast du keine Sorge, was passiert, wenn zum Beispiel der Erfolg mal ausbleibt?

Alles, was mir bisher passiert ist, hätte ich in meiner Jugend nicht zu träumen gewagt, niemals. Das Schauspielerleben, für das ich mich damals entschieden habe, das war ein ganz anderes. Und dieses Leben wäre ich jederzeit wieder bereit zu leben. Wenn du mir das alles wegnimmst, dann geh' ich halt nach Saarbrücken und spiele da Theater. Und ich bin glücklich, kein Problem.

Nicht alle deiner Filmkollegen werden das genauso sehen …

Als junger Schauspieler ist man heute beeinflusst von Leuten wie Elyas M'Barek oder Til Schweiger. Da spielen diese ganzen Parameter eine Rolle - Berühmtheit, Geld, all dieser Kram. Das gab's in meiner Jugend nicht. Ich bin da ein klassisches Theaterkind. Erfolgreich sein war in den 80er Jahren uncool. Fernsehen war extrem uncool. Das hat man - wenn überhaupt - nur für Geld gemacht. Das war ein ganz existenzialistischer Umgang mit diesem Beruf, der einzig und allein gebunden war an die Liebe zum Spiel und an die Auseinandersetzung mit Sprache.

Suchst du nach diesen Gesichtspunkten noch heute deine Rollen aus?

Ich gebe mir seit Jahren große Mühe, mich über bestimmte Inhalte zu definieren. Ich liebe Thriller. Aber es ist irre schwer geworden, Thriller überhaupt für die Kinoleinwand zu produzieren. Wir haben, glaube ich, insgesamt fast dreieinhalb Jahre gebraucht, um das Geld für "Die dunkle Seite des Mondes" zusammenzubekommen. Das gilt für viele Filme, die ich gemacht habe.

Woran liegt das deiner Meinung nach?

Kino ist inzwischen zu einem Erlebnispark geworden. Ich finde diese Feuerwerke toll, die sie da für Hunderte Millionen von Dollar abfeiern. Meine Leidenschaft bleibt trotzdem der kleinere klassische Genrefilm. Ich brauch diesen ganzen Tanz nicht. Man kann Erfolg zwar konzipieren, es ist allerdings die Frage, ob man Bock drauf hat.

In Deutschland hilft es wahrscheinlich, wenn der Name Moritz Bleibtreu auf dem Filmplakat steht, oder?

Nicht mehr so sehr, du wirst lachen. Ich wecke vielleicht ein Interesse, aber meinetwegen geht ja keiner ins Kino. Leute gehen heutzutage sowieso nicht mehr ins Kino. Wer ins Kino geht, sind die Kids. Wenn du die Kids nicht hast, hast du schon ein Problem. Ich wünsche mir ein bisschen mehr Genrevielfalt, aber ich will mich auch nicht beschweren. "Die dunkle Seite des Mondes" ist jedenfalls ein sehr vielschichtiger Film.

Und er hat eine ganz tolle Katzenszene!

Das ist doch ein Dummy!

Sicher?

Nö, wir haben nur vier Katzen gebraucht … War schwer, welche zu finden, die gleich aussehen. Ja, und ich hätte auch nicht gedacht, dass es so schwer ist, das Genick zu brechen, aber ging. Man gewöhnt sich dran. Nach dem dritten Mal war's okay … Spaß beiseite: Es sind keine Tiere bei diesem Film zu Schaden gekommen. Im Gegenteil, die werden besser behandelt als jeder Schauspieler.

Mit Moritz Bleibtreu sprach Anna Meinecke

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Quelle: n-tv.de

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