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Gefährlicher Diktator oder Witzfigur? Kim Jong Un (Randall Park, M.) und Leibgarde.
Gefährlicher Diktator oder Witzfigur? Kim Jong Un (Randall Park, M.) und Leibgarde.(Foto: Columbia Pictures)

Nordkorea, Politik und Pimmelwitze: Worum geht's in "The Interview"?

Von Markus Lippold

Ein Hackerangriff und Terrordrohungen. Der Film "The Interview" sorgt für viel Aufregung, vor allem nach der Absage des Kinostarts. Allerdings geht es in dem Film nicht nur um Politik, sondern auch um Pimmelwitze. Ist das politisch brisant?

"Verrecke Amerika. Willst du nicht endlich verrecken?" Mut engelsgleicher Stimme singt ein kleines Mädchen ein Lied. Es geht um die USA, darum, dass das Land zur Hölle fahren soll. Das Mädchen steht in Pjöngjang, inmitten von Monumentalbauten. Vor ihr sitzt die nordkoreanische Staatselite. Dann endet das Lied und hinter dem Mädchen steigt eine mächtige Atomrakete empor.

So beginnt "The Interview". Eine Komödie, die bereits für viel Aufregung gesorgt hat. Nach der Ankündigung des Films protestierte Nordkorea scharf und kündigte Vergeltung an. Dann wurde Sony Pictures Entertainment, das Studio, das den Streifen in die Kinos bringt, Ende November Opfer eines großangelegten Hackerangriffs - und kommt seitdem nicht mehr aus den Schlagzeilen heraus.

Seth Rogen (M.) und James Franco spielen die Hauptrollen in "The Interview".
Seth Rogen (M.) und James Franco spielen die Hauptrollen in "The Interview".(Foto: Columbia Pictures)

Sensible Daten des Unternehmens wurden ebenso veröffentlicht wie noch nicht erschienene Filme. Schließlich drohten die mutmaßlichen Hacker, die sich selbst Guardians of Peace (Wächter des Friedens) nennen, mit Terroranschlägen auf Kinos, die "The Interview" zeigen. Sony sagte erst eine Premiere ab, dann zog es den Film ganz zurück. Er erscheint nun nicht zu Weihnachten in den US-Kinos, nicht als Stream und nicht als DVD. In Deutschland wird der Film auch nicht wie geplant Anfang Februar anlaufen. Allerdings gab es bereits ein paar Previews, bei denen sich die Zuschauer ein Bild machen konnten von dem Streifen.

Eminem ist schwul? Grandios!

Deutlich wird vor allem eins: "The Interview" ist mehr witzige Komödie als subtile Satire. Eine Komödie, die zwar keinen Respekt vor dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un hat. Die aber genauso gut die US-Entertainmentindustrie durch den Kakao zieht. Und die weniger Politik als Pimmel- und Analwitze zu bieten hat.

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Im Mittelpunkt steht Moderator David Skylark (James Franco). Er weidet sich am Erfolg seiner Talkshow, in der es um Gerüchte geht und um Trash. Da sitzt etwa in einer sehr witzigen Szene Eminem (dargestellt von ihm selbst) im Studio und erwähnt nebenbei, dass er schwul ist - was dann aber die Fernsehmacher in Ekstase versetzt. Nichts ist Skylark zu schmutzig, um nicht groß rausgebracht zu werden. Unzufrieden ist nur sein Produzent und bester Kumpel Aaron (Seth Rogen) - er wünscht sich mehr Seriosität und mehr Sinn in seinem Beruf.

Doch die beiden bekommen ihre Chance: Als Aaron erfährt, dass Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un (Randall Park) ein großer Fan der Skylark-Show ist, fragt er kurzerhand ein Interview an - und erhält tatsächlich eine Zusage. Dass der Diktator die Fragen vorher selbst formuliert ist ja keine Hürde. Ewiger Ruhm wartet auf David und Aaron. Doch auch der Geheimdienst CIA erfährt von ihrer Reise nach Nachkorea. Kurzerhand werden die beiden Fernsehmacher überzeugt, Kim bei dieser Gelegenheit um die Ecke zu bringen.

Margaritas und Katy Perry

Vor Ort allerdings gestaltet sich das alles viel schwieriger als gedacht. Nicht nur stellen sich die beiden Amerikaner ziemlich trottelig an. Kim erweist sich auch noch als äußerst freundlich: ein Diktator mit Hang zu Margaritas, Basketball, Katy Perry - und einem saftigen Vaterkomplex. Und diesen netten Kerl soll David kalt machen?

Dass Kim kein so netter Kerl ist, wird irgendwann natürlich auch Dave klar. Schließlich spielt hier jeder sein Spielchen. Und jeder bekommt sein Fett weg: die gnadenlose Oberflächlichkeit der beiden Medienmenschen ebenso wie die kaltblütige Gewalt des Tyrannen. In "The Interview" geht es nicht darum, ein unmenschliches System anzuprangern. Der Film ist eine amerikanische Komödie: Es geht um Werte wie Freundschaft, um Vertrauen - und um Zoten.

Kleine Raketen, die man sich in den Arsch schiebt gehören ebenso dazu wie Witze über erigierte Penisse und koreanische Namen. Regisseur Evan Goldberg, der den Film zusammen mit Rogen schrieb, produzierte und inszenierte, macht aus dieser Mischung einen temporeichen Film, der großartige Momente hervorbringt. Etwa wenn David und Kim zusammen Basketball spielen, ein paar Cheerleader vernaschen und dann im Panzer sitzen und gemeinsam Katy Perrys "Fireworks" schmettern. Auch das sehr actionreiche Finale macht sehr viel Spaß und erinnert in seiner Überdrehtheit ein bisschen an Trash-Filme wie "Machete".

Kim kann mit Delfinen sprechen

"The Interview" ist kein gefährlicher Film. Kein Film, der politisch brisant wäre. Er will das ja auch gar nicht sein. Er will unterhalten und das macht er ziemlich gut. Der Streifen lebt natürlich auch von den Vorstellungen, die man im Westen vom abgeschotteten Nordkorea hat: Bizarre Propaganda, Gerüchte über den Staatschef (er muss nie auf Toilette und kann mit Delfinen sprechen) und Kim selbst werden genüsslich aufs Korn genommen. Dass die US-Amerikaner keine viel bessere Figur machen, wird allerdings auch gezeigt.

Dass der Film nun im Mittelpunkt von Hackerangriffen und Terrordrohungen steht, hat ohnehin nichts mit seinem Inhalt zu tun. Dass hier ein mögliches Attentat auf einen lebenden Staatschef thematisiert wird - geschenkt. Kim ist beileibe nicht der erste, der durch den Kakao gezogen wird. Und er kommt sogar noch recht gut weg. Viel mehr als über den Film wird über Sony Pictures zu diskutieren sein. Das Studio muss nun viel Kritik einstecken für seine Entscheidung, den Film zurückzuziehen - und damit vor den diffusen Drohungen einzuknicken.

Quelle: n-tv.de

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