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Das Peloton auf dem Weg von Sestriere nach Alpe d'Huez: Zum Massensprint wird es dort nie kommen.
Das Peloton auf dem Weg von Sestriere nach Alpe d'Huez: Zum Massensprint wird es dort nie kommen.(Foto: REUTERS)

Mythos Alpe d’Huez: 21 Kehren mal 2 - bis zur Unsterblichkeit

Von Thomas Badtke

Galibier, Mont Ventoux, Tourmalet: Viele Berge sind ein fester Bestandteil der Tour de France. Aber nur ein Gipfel sorgt bei Zuschauern und Sportlern gleichermaßen für soviel Nervenkitzel wie Alpe d'Huez. Zur 100. Austragung der Frankreich-Rundfahrt wird der Anstieg erstmals zweimal gefahren - in einer Etappe. "Mörderisch", sagen die Radprofis.

So schön können Kurven sein: Alpe d'Huez im "Curves"-Magazin.
So schön können Kurven sein: Alpe d'Huez im "Curves"-Magazin.(Foto: Stefan Borgner)

1803 Meter hoch, 13,9 Kilometer lang, 1073 Meter Höhendifferenz bei einer maximalen Steigung von 12 Prozent bei Kilometer 6,5 und einer durchschnittlichen Steigung von 8,19 Prozent: Das sind die nackten Daten von Alpe d’Huez, dem "Hollywood-Anstieg" der Frankreich-Rundfahrt, wie ihn der offizielle Historiker der Tour de France, Jaques Augendre bezeichnet. Das klingt zwar ein wenig abschätzig, aber verglichen mit den mythischen Anstiegen auf den Mont Ventoux, den Galibier oder auch den Tourmalet hat Augendre durchaus recht. Was Alpe d’Huez mit seinen 21 Kehren, die von oben nach unten nummeriert sind, so außergewöhnlich macht, ist der Nervenkitzel - bei Sportlern und Zuschauern gleichermaßen.

Marco Pantani bahnt sich einen Weg durch die Zuschauermasse am Anstieg (1997).
Marco Pantani bahnt sich einen Weg durch die Zuschauermasse am Anstieg (1997).(Foto: picture-alliance / dpa)

Hunderttausende säumen in der Regel die Straße, wenn der Tour-Tross sich anschickt, den Gipfel zu erklimmen. Das breite Asphaltband verengt sich zu einem schmalen Grat, links und rechts davon brüllen die Radsport-Fans ihre Idole förmlich nach oben. Die sehen nicht, wohin sie fahren: Er sei "blind" gefahren, "in der Mitte dieses Meeres aus Fans, das sich vor mir öffnete", sagt Marco Pantani nach seinem Sieg in Alpe d’Huez 1995. Wer die Bilder im Fernsehen sieht, weiß, dass der Tour-Sieger von 1998 nicht gelogen hat.

Institution mit Startschwierigkeiten

1952, als Alpe d’Huez zum ersten Mal Teil der Tour ist, ist das noch anders. Fausto Coppi gewinnt ungefährdet. Tosenden Applaus gibt es nicht, an der Strecke sind kaum Zuschauer, stattdessen pure Langeweile. Das Fazit des damaligen Direktors der Frankreich-Rundfahrt, Jaques Goddet, fällt entsprechend ernüchternd aus: "Die Etappe bietet keinen Grund, für mehr Bergankünfte zu werben."

Nach diesem verbalen Todesstoß dauert es mehr als 20 Jahre, bis Alpe d’Huez wieder ins Tour-Programm rückt - einer glücklichen Fügung sei Dank: Da die Behörden der Region Isère sich nicht einigen können, wie der Tour-Tross in ihrer Hauptstadt Grenoble beherbergt werden soll, wird die 9. Etappe der Rundfahrt 1976 nach Alpe verlegt. Ein Hotelier in dem bekannten Wintersportort hat seine Hilfe bei der Unterbringung angeboten. Der Rest ist Geschichte: Der Anstieg hinauf nach Alpe d’Huez ist heute fast in jedem Jahr Bestandteil der Tour.

2004 - bei Armstrongs Sieg - hat Jan Ullrich keine Chance.
2004 - bei Armstrongs Sieg - hat Jan Ullrich keine Chance.(Foto: REUTERS)

1976 siegt mit Joop Zoetemelk ein Niederländer. Die Nation ohne Berge vor der eigenen Haustür ist es auch, die das Gros der Sieger in den Folgejahren stellt. Insgesamt acht Siege gehen auf das Konto der Flachland-Radler. Die schnellste Fahrt den Anstieg hinauf auf den "Berg der Holländer" verbucht aber ein Italiener für sich, eben jener bereits erwähnten Pantani. Der rast 1997 in 37:35 Minuten den Berg hinauf. Eine Zeit, die selbst der mittlerweile des Dopings überführte US-Amerikaner Lance Armstrong bei etwas kürzerer Strecke (bei Pantani war die per Zeitmessung erfasste Strecke noch 14,5 Kilometer lang, bei Armstrong 13,9 Kilometer) nicht unterbieten kann. Er braucht 2004 beim Bergzeitfahren hinauf eine Sekunde länger. Coppis Siegerzeit 1952 lag übrigens bei 45:22 Minuten.

"Doppelt" als Geschenk

Pantanis Fabelzeit ist - im Gegensatz zu seinem Tour-Sieg 1998, der dem 2004 Verstorbenen womöglich nachträglich wegen Dopings aberkannt wird - auch dieses Jahr nicht Gefahr. Zum Jubiläum der 100. Austragung der Tour de France haben sich die Organisatoren ein ganz besonderes Highlight ausgedacht: Alpe d’Huez wird innerhalb einer Etappe zwei Mal gefahren.

"Bergetappen" (Delius-Klasing)
"Bergetappen" (Delius-Klasing)

Das Problem dabei sind aber nicht die dann 42 Kehren zur sportlichen Unsterblichkeit, sondern die Abfahrt dazwischen.  "Eine Abfahrt mit diesem Gefahrenpotenzial habe ich noch nicht gesehen",  kritisiert etwa Zeitfahrt-Weltmeister Tony Martin aus Deutschland. Und auch der nachträglich zum Gewinner der Tour 2010 erklärte Andy Schleck ist außer sich: "Ich war geschockt, als ich die Abfahrt gesehen habe. Sie ist sehr, sehr gefährlich. Ich verstehe das nicht. Es ist eigentlich nicht zu akzeptieren, aber wir haben keine Wahl", so der Luxemburger. Ein Sturz könne einen 50 Meter tiefen Fall bedeuten. Andererseits: Dem Gewinner winkt - zumindest sportlich betrachtet - die Unsterblichkeit.

Verführung pur

Auch weil die Gefahr mitfährt. Nervenkitzel ist bei Sportlern und Zuschauern garantiert. Der "Hollywood-Anstieg" macht seinem Namen auch in diesem Jahr alle Ehre. Er ist aber nur ein Anstieg von insgesamt 50 in dem Bildband "Bergetappen", der bei Delius-Klasing erschienen ist. Aber allein seine Bilder und der Begleittext reichen aus, um das Herz von Radsport-Fans höher schlagen zu lassen. Und davon gibt es trotz der zahlreichen Doping-Skandale der vergangenen Jahre weiterhin mehr als genug.

Mythische Asphaltkehren aus der Vogelperspektive liefert das "Curves"-Magazin.
Mythische Asphaltkehren aus der Vogelperspektive liefert das "Curves"-Magazin.(Foto: Stefan Bogner)

Der Beweis: Jeden Tag von April bis Dezember stellen sich rund 300 Hobby-Radfahrer der Herausforderung Alpe d’Huez. Mit einer zuvor gekauften Stechkarte im Gepäck fahren sie die 21 Kehren hinauf. Ihr Ziel: den Anstieg und den eigenen Schweinehund bezwingen. Als Erinnerung winkt ein simpler Stempel mit der benötigten Zeit und die Gewissheit, wie Coppi oder Pantani den "Hollywood-Anstieg" gemeistert und sich damit auch selbst ein Stück weit unsterblich gemacht zu haben. Ganz nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel.

Aber auch die anderen im Buch vorgestellten Anstiege haben es in sich. Es handelt sich um die Klassiker aus den drei großen Rundfahrten Tour de France (etwa Tourmalet oder Mont Ventoux), aus dem Giro d’Italia (etwa Mortirolo und Zoncolan) sowie der Vuelta a Espana (etwa Angliru). Aber auch die aus den belgischen Frühjahrsklassikern bekannten Koppenberg oder Mauer von Geerardsbergen sind vertreten. Arcalis (Andorra) oder das Kitzbühler Horn dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Insgesamt ist "Bergetappen" ein rundum gelungener Band mit hervorragenden Farbaufnahmen der Berge und essayartig geschriebenen Begleittexten. Das Gesamtpaket - ähnlich wie Stefan Bogners "Curves"-Magazinen und seinem Bildband "Escapes" - macht Lust darauf, sein Rennrad zu schnappen und sich einen Anstieg nach dem anderen vorzunehmen. Angefangen mit Alpe d’Huez natürlich - aber erst nach der 18. Etappe der 100. Tour de France.

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Bilderserie
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Quelle: n-tv.de

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