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Das Grab des Heiligen Antonius befindet sich in der Basilica di Sant'Antonio in Padua.
Das Grab des Heiligen Antonius befindet sich in der Basilica di Sant'Antonio in Padua.(Foto: imago/Eibner)
Sonntag, 01. Oktober 2017

Antonius von Padua zweifelt: 3000 "Sterbensneugierige" und ein Heiliger

Von Katja Sembritzki

Sein Leben lang predigte Antonius von Padua zu den Menschen, sogar Fische sollen ihm andächtig zugehört haben. Aber im Moment seines Todes lässt Michael Köhlmeier den "Mann, der Verlorenes wiederfindet" zweifeln.

An einem heißen Junitag des Jahres 1213 liegt ein Mann ohnmächtig mitten auf der Piazza von Arcella. Es ist der Prediger Antonius, der eigentlich in Padua sterben möchte. Aber er hat die Schmerzen in dem hart gefederten Wagen nicht mehr ausgehalten. 3000 Menschen sind ihm auf seine letzte Reise gefolgt. Nun stehen sie um den Franziskaner herum und hoffen, Zeuge bei der "Auffahrt eines Heiligen in den Himmel" zu werden.

Der Heilige Antonius von Padua wird oft mit dem Jesuskind im Arm dargestellt, das ihm eines Nachts erschienen sein soll.
Der Heilige Antonius von Padua wird oft mit dem Jesuskind im Arm dargestellt, das ihm eines Nachts erschienen sein soll.(Foto: imago/CHROMORANGE)

Mit dieser Szene beginnt die Novelle "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet" von Michael Köhlmeier. Viele gesicherte biografische Eckdaten gibt es nicht über Antonius von Padua. Dafür einige Legenden, wie zum Beispiel die, dass dem brillanten Rhetoriker sogar die Fische andächtig zuhörten. So bleibt dem österreichischen Autor viel Raum, um Fakten und Mythen mit Fantasie anzureichern und seine ganz eigene Geschichte zu entwickeln.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht das rednerische Talent von Antonius. Der bringt seine Mitbrüder schon als junger Mönch mit seinem scharfen Verstand gegen sich auf. Nicht nur, dass er in ihren Augen "die unsinnigsten" religiösen Thesen aufstellt, die logisch nicht zu widerlegen sind. Er hinterfragt auch die allgemein gültige Interpretation dessen, was in der Bibel steht.

"Wortetrommler im Dienste des Evangeliums"

Die Massen aber begeistert der so mitreißend wie verständlich sprechende Antonius. Über seine erste Predigt heißt es: "Als er geendet hatte, war es still in der Kirche; sogar die Ziegen standen starr wie Statuen. Die Fliegen waren gelandet, die Münder der Bauern kauten nicht mehr, die Finger ihrer Frauen nestelten nicht an den Rüschen. Der Verputz an den Decken rieselte nicht, das Gebälk knarrte nicht, und Bischof und Superior hielten die Luft an. Nie zuvor hatten sie jemanden so reden hören."

Dass Antonius als Patron für das Wiederauffinden von verloren gegangenen Sachen zuständig ist, bekommt hier eine etwas andere Bedeutung. Denn der "Wortetrommler im Dienste des Evangeliums" wird vermutlich auch manch "verlorene Seele" für die Kirche zurückgewonnen haben. Und dass, obwohl Köhlmeier ihn sein Leben lang die Frage, wie das Böse in die Welt kommt, mit sich herumtragen lässt. Im Angesicht des Todes werden die Zweifel am Glauben größer.

Wenige Stunden bevor sich die 3000 "Sterbensneugierigen" in Arcella in gebührendem Abstand um Antonius drängen, haben sie in Camposampiero seiner letzten Rede gelauscht. Alle sind sie sich einig, dass der Mönch dabei mehrmals wankte. Doch worüber er sprach, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen haben eine Rede über die aktuelle politische Lage gehört. Andere über den Hass. Wieder andere über die Liebe.

Ein ganz normaler Heiliger

Die Novelle ist bei Hanser erschienen, hat 160 Seiten und kostet 20 Euro.
Die Novelle ist bei Hanser erschienen, hat 160 Seiten und kostet 20 Euro.

Geliebt hat auch der Prediger einmal. Damals hieß er noch Fernando und wuchs als Sohn einer Adelsfamilie in Portugal auf. Eine besonders innige Verbindung hatte er zu seinem Großvater. Der scherte sich nicht um die Vorbehalte der Leute und lebte mit einer schwarzen Muslimin zusammen, in deren Tochter Basima sich wiederum Fernando verliebte. Doch als der Großvater starb, musste Basima zusammen mit der Mutter fliehen.

Fernando seinerseits ging ins Kloster und wählte nach seiner Weihe zum Priester den Namen Antonius. Für die Menschen aber wurde er schon bald "Il Santo". Und tatsächlich sprach ihn die Kirche, das ist überliefert, in Rekordzeit elf Monate nach seinem Tod heilig. Eines der vielen dafür notwendigen Wunder: Zu nächtlicher Stunde soll Antonius mit dem Jesuskind im Arm gesehen worden sein. Bei Köhlmeier ist es ein Prior, der davon vor der Kongregation der Heiligsprechung berichtet - "nur den Satz: Ich habe geträumt, den ließ er aus".

Es ist das Spiel mit Wahrheit, Bildung von Legenden und Exegese im erweiterten Sinne, die diese Novelle zu einer lohnenden Lektüre macht. Zudem fängt Köhlmeier die hochmittelalterliche Vorstellungswelt und die (religiöse) Staunensfähigkeit der Menschen ein. Zum Beispiel als ein junger Mönch dem in der heißen Sommersonne liegenden Antonius Wasser bringen möchte. Er wird von dem Abt mit dem Argument zurückgehalten, dass er nicht in "die Handlung Gottes" eingreifen dürfe, denn "man könne hier studieren, wie der Leib, der des Teufels sei, angesichts des Todes mit der Seele ringe".

Nachdem er in seinem letzten Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" einen kunstvoll-schlichten, fast märchenhaften Ton angeschlagen hat, wählt Köhlmeier in seiner Antonius-Novelle eine archaisch anmutende Sprache. Und die passt – auch wenn ihr hin und wieder Pathos nicht ganz fremd ist – ausgesprochen gut zu dieser zarten Geschichte über einen Heiligen, der bei Köhlmeier zu einem ganz normalen Menschen mit all seinen Bedürfnissen, Hoffnungen und Zweifeln wird.

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Quelle: n-tv.de

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