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Alexander Hacke (l.) und Blixa Bargeld mit den "Einstürzenden Neubauten" bei einem Konzert in Prag im November 2014.
Alexander Hacke (l.) und Blixa Bargeld mit den "Einstürzenden Neubauten" bei einem Konzert in Prag im November 2014.(Foto: REUTERS)

Verzerrte Erinnerungen an Krach: Alexander Hacke, der "Einstürzende Neubau"

Von Andrea Beu

Der "Einstürzende Neubauten"-Bassist Alexander Hacke hat mit seinen gerade mal 50 Jahren schon so viel erlebt, dass es für mehrere Leben reichen würde. Könnte daran liegen, dass er verdammt früh angefangen hat.

Und noch ein prominenter Berliner um die 50, der seine Autobiografie veröffentlicht - Sven Marquardt vom "Berghain", Comiczeichner Ol, Flake von Rammstein ... die allerdings kommen alle aus dem Osten und haben ihre Kindheit und Jugend auf der anderen Seite der Mauer verbracht. Aber alle waren in den Achtzigerjahren jung – in jenem Jahrzehnt, welches in letzter Zeit so oft retromäßig verklärt wird. Ebenso wie "Das alte Westberlin!" - eben war es noch als muffig und verstaubt verschrien, jetzt kriegen viele feuchte Augen und wollen den alten Glanz zurück, den der Osten ihm nach dem Mauerfall abgenommen hat. (Und er kommt ja auch zurück – das neu gestaltete Bikini-Haus, das hierhergezogene C/O Berlin sind nur zwei Beispiele für Magnete am Bahnhof Zoo – und nachdem Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain im Ostteil der Stadt abgegrast und durchgenudelt sind, zieht es die vielen Neuberliner zunehmend nach Kreuzberg und Neukölln.)

Die "Einstürzenden Neubauten" 1982 auf der documenta in Kassel (Blixa Bargeld, Mark Chung, Andrew Chudy, v.l.)
Die "Einstürzenden Neubauten" 1982 auf der documenta in Kassel (Blixa Bargeld, Mark Chung, Andrew Chudy, v.l.)(Foto: imago stock&people)

Alexander Hacke weiß genau, wie es im alten Westberlin war, und er lässt es in "Krach - Verzerrte Erinnerungen" für den Leser wiederauferstehen - mit Glanz hat seine Variante aber eher wenig zu tun. Gar nichts eigentlich. Aber mit Freiheit, mit einem bequemen Leben in der eingemauerten Stadt, in der man auch fast ohne Geld gut klarkam. In der sich viele Künstler und Lebenskünstler versammelten, Wehrpflicht-Flüchtige und Vergnügungssüchtige. Hier konnte man alles ausprobieren; die Szene war überschaubar, man traf schnell die richtigen Leute und konnte wichtige Kontakte knüpfen, wenn es um Musik, Kunst, Galerien, Läden und Kneipen ging. Ein Epizentrum war hierbei der Stadtbezirk Schöneberg mit den Läden Eisengrau und Zensor, dem Cafe M(itropa), der Bar Risiko und dem Metropol.

Schulabbrecher im brodelnden Berlin

Und Hacke war schon in sehr jungen Jahren viel unterwegs, ging schon mit 12, 13 auf Konzerte (erst mit seinen Eltern, bald dann auch allein) von Tangerine Dream, Queen, Nina Hagen und den Ramones – Letztere waren eine Offenbarung für ihn, musikalisch und modisch. Schule war nicht so Hackes Ding, außer wenn das Thema ihn interessierte, wie das alte Ägypten, dann kniete er sich richtig rein. Aber das kam selten vor; er ging kaum hin, war aufmüpfig, verließ die Schule ohne Abschluss.

Regisseur Fatih Akin (l.) und Alexander Hacke bei der Premiere des Films "Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul" 2005 in Hamburg.
Regisseur Fatih Akin (l.) und Alexander Hacke bei der Premiere des Films "Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul" 2005 in Hamburg.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

"Berlin brodelte und ich war mittendrin in diesem wütenden, kreativen Rausch, … jeden Abend wurden neue Bands gegründet", beschreibt Hacke die Zeit. Also statt Schule: Musik. Erst unter dem Pseudonym Alexander von Borsig, in Bands wie Mekkanik Destruktif Kommandöh und P1/E – bis er Blixa Bargeld kennenlernte und ab Ende 1980 dann in dessen am 1. April desselben Jahres gegründeten "Einstürzenden Neubauten" mitmachte, jener legendären Band, deren Musik wohl am besten mit "experimentell" beschrieben ist. Bei den "Neubauten" ist Hacke bis heute – neben unzähligen anderen Projekten, allein, mit anderen Musikern (unter anderem 1994 als Gitarrist bei Gianna Nanninis Album "Dispetto") und als Komponist von Filmmusik - etwa für Fatih Akins "Gegen die Wand". Auch bei Akins "Crossing The Bridge – The Sound of Istanbul" war er dabei – als Protagonist, der auf seiner musikalischen Entdeckungsreise begleitet wird.

Denn was Hacke besonders auszeichnet, ist seine Offenheit in alle musikalischen Richtungen; er lässt sich nicht auf elektronische Klänge und "Krach" reduzieren, den Titelgeber seiner Autobiografie, den er in einem rbb-Interview folgendermaßen definierte: "Krach ist für mich die Summe aller Möglichkeiten, aller Frequenzen. So wie weißes Rauschen alle Frequenzen enthält, so wie weißes Licht alle Farben enthält, enthält Krach alle möglichen Melodien, alle möglichen Harmonien."

Frauen und Drogen

Neben all diesem musikalischen Austesten und Ausprobieren geht es in "Krach" aber auch um sein ganz privates Leben – was natürlich von seiner Künstlerexistenz nicht zu trennen ist. Da sind die Frauen und die Drogen, und auch das ist nicht immer voneinander zu trennen, denn seine erste richtige Freundin war Christiane Felscherinow (Christiane F. - "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo") - da war er 15 und sie 18 und gerade kurz mal clean. Etwa zwei Jahre hielt ihre Beziehung, als Duo "Sentimentale Jugend" traten sie auch zusammen auf.

Meret und Ben Becker bei einem Auftritt im Mai 2010 im Berliner "Wintergarten".
Meret und Ben Becker bei einem Auftritt im Mai 2010 im Berliner "Wintergarten".(Foto: imago stock&people)

Dann seine Ehe mit Meret Becker – sie hatte er durch ihren Bruder Ben kennengelernt, die Begegnung mit ihm war in den 80er- und 90er-Jahren in (West-)Berlin quasi unvermeidlich. Ben Becker kommt bei Alexander Hacke nicht so gut weg: "Er markierte schon als kleiner Punker mit arrogant-aggressivem Auftreten den dicken Max", beschreibt er ihn. Und: "Ben buhlte um mich, oder besser gesagt, er wollte Einlass in die Welt der Rockstars und ich schien einer von ihnen zu sein." Dafür erhielt Hacke aber auch Zugang zu Otto Sander (dessen Ziehsohn Ben Becker war) und dem entsprechenden Umfeld "aus der 'Charlottenburger-Wilmersdorfer-Ecke', der Welt des Großbürgertums". Eine Welt, die Hacke fremd war und die ihn gleichzeitig faszinierte. Und er lernte so Meret kennen – sie spielten erst zusammen Theater ("Sid und Nancy"), verliebten sich dann und wurden ein Paar. Ihre Ehe hielt 1996 bis 2002, 1999 bekamen sie eine Tochter.

Mit der Musikerin und Türsteher-Berühmtheit Angela Mettbach (Planet, Tresor, E-Werk, Bar 25, Kater Holzig) hat Hacke einen 1989 geborenen Sohn - Joshua Jesse Mettbach, der sich inzwischen als DJ einen Namen gemacht hat.

Drei Tage wach

Alexander Hacke 2009 mit seiner Frau Danielle de Picciotto.
Alexander Hacke 2009 mit seiner Frau Danielle de Picciotto.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Und die Drogen - "drei Tage wach" ist ein Slogan, der durchaus für Hacke erfunden sein könnte, zumindest früher: Mitte der 80er begann er, "ausgiebig mit Aufputschmitteln zu experimentieren und die Grenzen des physisch und psychisch Erträglichen auszuloten. Der tagelange Schlafentzug führte zu Wahnvorstellungen, Tagträumen und Halluzinationen ...". Er nutzte diesen Zustand für seine musikalische Kreativität, brachte sich aber durchaus auch an den Rand des Todes damit. In den letzten Jahren aber hat er dieser Art von Rausch abgeschworen und die Nüchternheit für sich entdeckt - sehr zum Missfallen einiger alter Drogen-Freunde, die nun nicht mehr mit ihm rumsumpfen können.

Seine Droge neben der Musik ist seit einigen Jahren seine Frau Danielle de Picciotto. Er begegnete der US-amerikanischen Künstlerin Ende der 80er-Jahre in Westberlin - sie war die Mit-Initiatorin der ersten Loveparade in Berlin am 1. Juli 1989 mit ihrem damaligen Freund Dr. Motte, Sängerin der Rock-Hiphop-Crossover-Band "Space Cowboys" und vieles mehr. 2001 trafen sie sich wieder, wurden ein Paar, heirateten 2006.

"Danielle leuchtet im Dunkeln"

"Krach - Verzerrte Erinnerungen" ist bei Metrolit erschienen, gebunden, 300 Seiten, 22 Euro.
"Krach - Verzerrte Erinnerungen" ist bei Metrolit erschienen, gebunden, 300 Seiten, 22 Euro.

In seiner Autobiografie wird Hacke nicht müde, von seiner Frau überschwänglich zu schwärmen: "Danielle leuchtet im Dunkeln. Ihr Glaube an das Wahre und Gute hat eine Strahlkraft, die den Blick in die Abgründe des täglichen Lebens erträglich macht." Seit einigen Jahren ziehen beide als moderne Nomaden durch die Welt, kommen bei Freunden unter, arbeiten in verschiedenen Ländern, in Bosnien, Tschechien, den USA ...

Im Jahr 2010 hatten sie ihre Wohnung in Berlin aufgegeben, ihren Hausstand aufgelöst. "Krach" schrieb Hacke in Brooklyn im Arbeitszimmer eines Freundes. Mit den "Neubauten" ist Hacke jedoch immer noch unterwegs, zuletzt Ende 2015 im Berliner Radialsystem. Aber am liebsten, so Hacke, würde er jetzt gern in der kalifornischen Wüste bleiben und Hollywood-Filmmusik machen. Das ist mal eine Entwicklung!

Spannende Einblicke

"Krach" ist kein literarisches Highlight, Alexander Hacke nicht der begabteste Erzähler, Spannungsbögen fehlen weitgehend und manchmal verliert er sich gar zu sehr in Details zu einzelnen Musik-Aufnahmen. Aber das macht er durch die Vielzahl an spannenden Begegnungen und Ereignissen wieder wett; die Qualität des Buches liegt in den ganz persönlichen Geschichten und den wirklich aufregenden Einblicken in das Westberlin vor dem Mauerfall. Und für Fans der "Einstürzenden Neubauten" ist es wohl eh ein Muss.

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Quelle: n-tv.de

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