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"Dann ist da dieser unglaubliche Bruch": Bilder gegen das Vergessen

Im Kindergarten von Pripjat.
Im Kindergarten von Pripjat.(Foto: Rüdiger Lubricht)

Rüdiger Lubricht ist Fotograf und lebt in Worpswede. Immer wieder ist er in die Ukraine und nach Weißrussland gefahren, um die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl "verlorenen Orte", die Liquidatoren und jene Menschen zu fotografieren, die wider alle Vernuft in die Sperrzone zurückgekehrt sind. Was als Projekt begann, ist inzwischen Lubrichts Lebenwerk geworden und "sein Beitrag gegen das Vergessen".

n-tv.de: Sie fahren seit Jahren immer wieder in die Zone rund um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet dort zu fotografieren?

Rüdiger Lubricht: Ich bin 2003 für die Niedersächsische Landesstiftung "Kinder von Tschernobyl" in die Ukraine gereist. Damals waren wir vor allem in Krankenhäusern in den sehr belasteten Gebieten, die die Folgen der Katastrophe täglich noch spürten. Einmal war auch kurz in der Sperrzone, und von da ab hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Ich bin dann zwei Mal im Jahr, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst, in die Ukraine und auch nach Weißrussland gefahren. Zwischendurch habe ich immer mal geglaubt, das Projekt sei zu Ende, aber dann habe ich doch bis heute weitergemacht.

Wie war Ihr Ansatz?

Mein Part war 2003 zunächst, die Sichtweisen eines Außenstehenden und Ausländers zur Arbeit eines weißrussischen Fotografen zu ergänzen, der die Einzelschicksale der Familien und Kinder bis Mitte der 90-er Jahre erfasst hatte. Ich habe dann die verlassenen Orte und diejenigen fotografiert, die gegen jede Vernunft zurückgekehrt sind. Im Jahr 2009 habe ich dann begonnen, mich den Liquidatoren zu widmen.

Wohnblocks in Pripjat, im Hintergrund das inzwischen abgeschaltete AKW.
Wohnblocks in Pripjat, im Hintergrund das inzwischen abgeschaltete AKW.(Foto: Rüdiger Lubricht)

Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Liquidatoren es gibt, die Rede ist von 800.000, es könnten aber auch mehr sein. Wie haben Sie die gefunden?

Die haben sich ja mittlerweile lose organisiert, in verschiedenen regionalen Gruppen, zu denen ich über Kontaktpersonen Zugang gefunden habe. Vor dem eigentlichen Fototermin habe ich mich in die Biografien eingelesen. Daraufhin habe ich dann Bildideen entwickelt, wie ich das umsetzen wollte. Es kam mir darauf an, das auch fotografisch konzeptionell anzulegen. Ich wollte eine dokumentarische Arbeit mit einem konzeptionellen Ansatz. Mir ging es immer darum, auch in die Lebensräume dieser Menschen zu kommen, weil die auch einen Teil der Geschichte erzählen. Ich habe mit großer Kamera und Stativ gearbeitet und es war mir wichtig, die Würde dieser Menschen zu zeigen. Vor Ort hatte ich dann Fahrer und Dolmetscher und habe mir dann zwei bis drei Besuche am Tag vorgenommen.

Wie haben Sie diese Gespräche mit den Liquidatoren erlebt?

Ich kannte ja einen Teil ihrer Geschichte schon vor meinen Besuchen, aber wenn die Leute erzählen, dann ist das etwas ganz anderes. Ich bin in dem Moment in einem sehr engen Kontakt, wir sind in einem Raum. Ohne diese Nähe könnte ich auch keine guten Bilder machen. Das war für mich zum Teil recht schwierig und ich konnte das auch nur bis zu einer gewissen Grenze aushalten, weil mir das doch sehr nahe ging. Da kommen unheimliche Schicksale zur Sprache und wenn man heute sagt, das sind die vergessenen Retter Europas, dann ist das für mich die Wahrheit. Sie fühlen sich falsch behandelt und betrogen. Gerade jetzt im Zusammenhang mit Japan wird uns ja überhaupt erst bewusst, was da damals abgegangen sein muss. Heute wissen die Leute, was sie erwartet, in Tschernobyl wussten sie das nicht. Sie waren weitgehend ungeschützt.

Überall blieben nach der Evakuierung Gasmasken zurück.
Überall blieben nach der Evakuierung Gasmasken zurück.(Foto: Rüdiger Lubricht)

Sie haben auch viele Menschen fotografiert, die in die verstrahlten Gebiete zurückgekehrt sind. Was treibt diese Menschen zurück?

Sie haben ihr Leben in diesen Dörfern gelebt, haben ihr eigenes Häuschen, ihren Garten und eine ganz tiefe Verwurzelung in der Heimat. Und dann sind sie einfach zwangsevakuiert worden. Damit fehlte ihnen ihr ganzes Leben. Nun sind sie wieder da, und damit sind sie nun ganz zufrieden. Das sind oft alte Menschen, die haben in ihrem Leben schon viel erlebt. Zum Teil sind sie über die Gefahren von Radioaktivität gar nicht aufgeklärt, zum Teil haben sie sie verdrängt. Ein Leben in der Fremde ohne soziale Bindungen war für viele unerträglich. Es sind ja auch viele aus den Fenstern der Hochhäuser gesprungen, in die sie umgesiedelt wurden.

Wie muss man sich das vorstellen? Ist das ganze Dorf leer, nur ein Haus nicht?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Dörfer, die sind unmittelbar 1986 evakuiert worden. Dann gibt es Dörfer, die sind in den Jahren danach verlassen worden. Von den gleich zu Anfang evakuierten Dörfern sieht man kaum noch etwas, weil sie mit Raupen eingeschoben wurden. Da sieht man manchmal ein paar mit Gras überwachsene Hügel, aber das eigentliche Dorf ist weg. Nur manchmal sind da noch ein paar Spuren menschlichen Lebens. Das ist hoch verstrahltes, streng abgeriegeltes Gebiet. In den aufgegebenen Dörfern stehen die verlassenen Häuser noch. Da leben dann noch ein oder zwei Familien oder manchmal auch nur eine alte Frau. Die Männer sind meist schon lange tot. Manchmal raucht ein Schornstein oder es liegt frisch geschlagenes Holz da, dann sieht man, da ist noch jemand. In der Ukraine schätzt man 150 Rückkehrer, mit Weißrussland zusammen sind es vielleicht 400 Menschen. Die sind ja dann verteilt auf zwei Bundesländer. Ich bin tausende von Kilometern gefahren, um diese Leute überhaupt zu finden.

Rüdiger Lubricht mit seiner Kamera in Pripjat.
Rüdiger Lubricht mit seiner Kamera in Pripjat.

Wie sind die Gespräche mit diesen Menschen? Können die verstehen, dass Sie kommen, um sie zu fotografieren?

Die Liquidatoren sind froh über jeden, der kommt, weil die eigenen Landsleute das ja gar nicht aufarbeiten wollen. Da sind die Akten gefälscht worden und die Strahlung, die sie abbekommen haben, stimmt nicht. Dazu kommt, dass sie auch die von Deutschen geleistete medizinische Hilfe in guter Erinnerung haben, die sind sehr offen. Den Alten nähere ich mich sehr behutsam. Ich spreche kein Russisch, ich komme mit einem Dolmetscher, erkundige mich, wie es ihnen geht. Ich habe auch Geschenke mitgebracht. Aber ich bin eben Deutscher und teilweise sind Menschen dabei, die im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter in Deutschland waren. Da ist es nicht sicher, wie man aufgenommen wird. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass man mich nicht mochte. Ich habe großartige Gastfreundschaft kennengelernt, das waren sehr anrührende Erlebnisse und unglaublich tolle Menschen. Je ärmer und je älter, umso freundlicher waren die Menschen. Das ist auch ein Grund, warum es mich immer wieder zurückgezogen hat.

Ein dritter Teil Ihrer Fotos beschäftigt sich mit den tatsächlich komplett verlassenen Orten wie der Stadt Pripjat. Wenn man die Bilder anschaut, wie die Natur sich eine Großstadt zurückerobert, schleicht sich ein apokalyptisches Gefühl ein. Haben Sie das auch beim Fotografieren empfunden?

Ja, natürlich absolut. Das ist vollkommen irreal. Einerseits sieht man darin die Situation von vor 25 Jahren wieder. Man sieht die Spuren der Flucht, man sieht, wie die Leute eingerichtet waren und in nichts darauf vorbereitet, ihr ganzes Leben aufzugeben. Und dann ist da dieser unglaubliche Bruch, so etwas, wie man es vielleicht auch in Pompeji findet. Dann gibt es diese vielen verstörenden Details, Kinderschulbücher oder Spielzeug, das steigert diesen Eindruck noch. Ich hatte auch schon Begleiter, die das nicht ausgehalten haben.

Hilft Ihnen da auch die Distanz der Arbeit?

Nein, ich glaube, man gewöhnt sich ein bisschen daran. Die ersten Reisen waren besonders intensiv. Irgendwann gibt es etwas mehr Routine.

Sie zeigen Ihre Bilder auch immer wieder in Ausstellungen, wie gerade im Willy-Brandt-Haus in Berlin. Welche Erfahrungen machen Sie mit der Rezeption Ihrer Fotos?

Es gibt ja zwei Gruppen von Menschen, die diese Ausstellungen besuchen. Zum einen, die, wegen des Themas Tschernobyl kommen. Aber auch diejenigen, die sich für Fotografie begeistern. Mich interessieren auch die, die ein Fotografieverständnis haben, weil sie meine Arbeit noch einmal ganz anders bewerten. Aber es ist natürlich eine Arbeit gegen das Vergessen. Und wenn dann junge Leute in der Ausstellung sind, und es ist mucksmäuschenstill, dann ist das auch ein gutes Gefühl für mich. Ich bin nicht zu Demonstrationen auf die Straße gegangen, ich habe versucht, durch meine Bilder meinen Beitrag zu leisten. Bilder auch gegen das Vergessen und für das Nachdenken. Wir sind es den nachfolgenden Generationen schuldig.

Welchen Platz haben die Tschernobyl-Fotos inzwischen in Ihrer Arbeit?

Das ist mein Lebenswerk geworden. Ich muss ja auch andere Dinge machen, aber ich habe kein Projekt, das einen solchen Stellenwert hat. Das hat von der Wichtigkeit und von der Dauer eine Qualität bekommen, auf die mich auch international renommierte Fotografen ansprechen. Und wenn die dann sagen, Wahnsinnsarbeit, dann bin ich auch zufrieden.

Bilderserie

Mit Rüdiger Lubricht sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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