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Sonntag, 03. September 2017

"Geschichte der getrennten Wege": Das Ferrante-Fieber geht in die dritte Runde

Von Katja Sembritzki

Die eine strandet im Gefängnis Ehe, die andere bekommt ein Angebot von der Camorra: Auch in Band drei der Neapel-Reihe von Elena Ferrante schlägt das Leben der Freundinnen Lenù und Lila Kapriolen.

Der Hype um die unter einem Pseudonym schreibende Autorin Elena Ferrante ist ungebrochen. Keine Woche hat es gedauert, bis die Fans die deutsche Übersetzung ihres dritten Romans auf die ersten Plätze sämtlicher Bestsellerlisten katapultierten. Kein Wunder: Wer einmal mit der Neapel-Reihe angefangen hat, den fesselt die Freundschaft zwischen der strebsamen Elena, genannt Lenù, und der aufmüpfigen Lila. In "Die Geschichte der getrennten Wege" nehmen die Schicksale der in einem Armenviertel aufgewachsenen Neapolitanerinnen nun ganz unterschiedliche Wendungen.

Lila und Elena sind in einem Viertel in Neapel groß geworden, in dem Armut und Gewalt herrschen.
Lila und Elena sind in einem Viertel in Neapel groß geworden, in dem Armut und Gewalt herrschen.(Foto: REUTERS)

Der Roman spielt in den Jahren 1968 bis 1976, einer Zeit, in der Italien sich in Aufruhr befand und rechter und linker Terror das Land zerrissen. Kindheit (Band eins) und Jugend (Band zwei) liegen hinter den beiden Freundinnen, mit Beginn des aktuellen Buches sind sie 24 Jahre alt.

Ich-Erzählerin Elena hat, im Gegensatz zu Lila, den Sprung aus Neapel geschafft und die Eliteuniversität in Pisa absolviert. Mit der Veröffentlichung ihres ersten Romans landet sie einen überraschenden Erfolg. Bei ihren Besuchen in ihrem Heimatviertel wird sie staunend und neidisch, aber auch mit Unverständnis beäugt. Sie kriegt zu spüren, wie sehr sie sich inzwischen von dem dreckigen, Camorra-regierten Rione entfernt hat.

Als Elena dann in eine anerkannte norditalienische Akademikerfamilie einheiratet, scheint der soziale Aufstieg endgültig geglückt. Doch die Geburt ihrer zwei Kinder zwingt sie in ein Dasein als Hausfrau, ihr Mann entpuppt sich als Langweiler und ein zweites Buch will einfach nicht gelingen.

Lila bleibt unberechenbar

Während Elena in Florenz davon träumt, der Enge ihrer Ehe zu entkommen, hat Lila ihren Mann bereits verlassen und das finanziell unbeschwerte, aber von Gewalt geprägte Leben an seiner Seite gegen das einer Arbeiterin eingetauscht. Tagsüber schuftet sie sich in einer Mortadellafabrik die Hände blutig, abends vertieft sie sich in das Informatik-Fernstudium ihres Jugendfreundes Enzo, mit dem sie und ihr kleiner Sohn eine Wohnung teilen.

Der Roman ist bei Suhrkamp erschienen, hat 540 Seiten und kostet 24 Euro.
Der Roman ist bei Suhrkamp erschienen, hat 540 Seiten und kostet 24 Euro.

Dann bekommt Lila die Möglichkeit einer einträglichen Anstellung als Chefin der Datenverarbeitung. Es gibt nur einen Haken: Ihr Arbeitgeber ist der zwielichtige Camorrista Michele Solara, der nie aufgehört hat, um sie zu werben, während sie nie aufgehört hat, ihm die kalte Schulter zu zeigen. Dass sie sich nun auf sein Angebot einlässt, offenbart einmal mehr die ganze Unberechenbarkeit der so intelligenten wie verschlagenen Lila.

Besonders brilliert Ferrante in den Momenten des Buches, in denen sie die individuellen Lebenswege der Figuren mit den gesellschaftspolitischen Umbrüchen verknüpft. So vertieft sich Elena in feministische Schriften und kommt mit den Studentenprotesten in Berührung, bleibt aber Beobachterin. Lila hingegen ist mittendrin: Sie übernimmt - nicht ganz freiwillig - einen prominenten Part im Klassenkampf, der auch die Wurstfabrik erfasst, und erlebt die blutigen Zusammenstöße zwischen Kommunisten und Faschisten hautnah mit.

Anhand des zahlreichen, bis in die kleinste Nebenfigur kunstvoll gezeichneten Personals versteht Ferrante es, ein eindrückliches Bild des sozialen Wandels in Italien zu entwerfen. Und zeigt nebenbei auch einige Widersprüche auf: die Machohaftigkeit vieler der so aufgeklärt daherkommenden Linksintellektuellen oder die Probleme, die entstehen, wenn sich Töchter und Söhne aus gutbürgerlichem Haus mit besten Absichten für die Belange der proletarischen Bevölkerung stark machen.

Und immer wieder Nino

War es im zweiten Band Lila, die im Fokus der Erzählung stand, so ist es jetzt Elena, der Ferrante mehr Raum gibt - wobei Lila im Kopf der Freundin omnipräsent bleibt: "Ich fühlte mich verstümmelt, sobald ich mich ihr entzog. Nicht ein Einfall ohne Lila. Nicht ein Gedanke, auf den ich ohne den Rückhalt ihrer Gedanken vertraute." Ein wenig läuft das ständige Betonen des Elena-ist-ohne-Lila-ein-Nichts Gefahr, redundant zu werden.

Aber als Leser kann man nicht anders, als fasziniert dieser Kapriolen schlagenden Geschichte zu folgen, diesem Ringen zweier Frauen um ein Leben, das sie ohne männliche Fremdbestimmung gestalten möchten. Und am Ende taucht dann auch noch Nino Sarratore in Florenz auf, mit dem Lila eine kurze, leidenschaftliche Affäre hatte und um den Elenas Sehnsucht seit Kindertagen kreist. Wird er Elenas Leben komplett aus den Angeln heben? Das Ferrante-Fieber ist noch nicht vorbei, der letzten Band der Tetralogie ist in der deutschen Übersetzung für Februar 2018 angekündigt.

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Quelle: n-tv.de

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