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Wenn die Polizei den mutmaßlichen Täter ermittelt hat, wird Anklage erhoben.
Wenn die Polizei den mutmaßlichen Täter ermittelt hat, wird Anklage erhoben.(Foto: picture alliance / dpa)

"Anklage ist nicht mein Ding": Der Mann, der die Mörder verteidigt

Von Solveig Bach

Stephan Lucas vertritt als Strafverteidiger Mörder und Vergewaltiger vor Gericht. Er setzt sich bedingungslos für die Rechte der Angeklagten ein. Wenn die Beweise nicht reichen, muss selbst der schlimmste Schwerverbrecher freigesprochen werden, davon ist Lucas überzeugt.

Mord, Totschlag, schwerer Raub und Vergewaltigung sind das Geschäft von Stephan Lucas. Für viele Menschen ist seine Seite die des Bösen, und so hört der Jurist seit Jahren die immer gleichen Fragen, beispielsweise die, wie er sich nur für Mörder einsetzen könne. Nachdrücklich stellt er dazu im Gespräch mit n-tv.de erst einmal fest: "Ich arbeite auf der Seite des Bösen, aber ich befinde mich nicht auf der Seite des Bösen."

Stephan Lucas hat in Frankfurt/Main Jura studiert.
Stephan Lucas hat in Frankfurt/Main Jura studiert.(Foto: Knaur Verlag)

Seit 13 Jahren ist er nun Verteidiger, hat sich in München mit seiner eigenen, auf Strafsachen spezialisierten Kanzlei niedergelassen. Dass Lucas Strafverteidiger werden würde, war ihm irgendwie schon in der ersten Strafrechtsvorlesung klar, spätestens aber, als er im Referendariat Station bei der Staatsanwaltschaft machte. In seinem ersten Gerichtstermin in der Rolle des Anklägers suchte er vor allem nach Entlastungsgründen für die beiden Angeklagten. Sein Plädoyer lautete auf Freispruch für beide. "Ich habe sehr beschuldigtenfreundlich gesucht, ich bin also als Verteidiger herangegangen", erzählt Lucas. "Beim Arbeiten habe ich gemerkt, Anklage ist nicht mein Ding, ich gehöre auf die andere Seite."

Sein Job ist es, sich bedingungslos für die Rechte des Mandanten einzusetzen. "Das Recht eines jeden Angeklagten ist es, egal ob er wegen eines Diebstahls oder wegen eines mehrfachen Mordes beschuldigt wird, ein faires Verfahren zu bekommen", betont Lucas. Das heiße für den Angeklagten, "mit allen Beweismitteln konfrontiert zu werden, sich selbst zu allem äußern zu dürfen, Anträge zu stellen."

Das ganze absurde Leben

Wie das konkret aussehen kann, beschreibt Lucas in seinem Buch "Auf der Seite des Bösen - Meine spektakulärsten Fälle als Strafverteidiger". Darin schildert er neun Fälle, in denen er Angeklagte verteidigt hat. In einem Fall wird aus einer banalen Situation in einem Restaurant - ein Mann fühlt sich durch das Handytelefonat eines anderen gestört - ein Tötungsdelikt. Das Opfer überlebt zunächst, stirbt dann aber im Lauf des Verfahrens. "Ich hatte mich für die Verteidigung auf versuchten Totschlag eingestellt", erinnert sich Lucas, "und war im Lauf des Verfahrens mit einem vollendeten Totschlag konfrontiert. Da konnte ich mich gar nicht dagegen wehren, dass mich das als Mensch angreift." Am Ende wird sein Mandant zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt, der Profi Lucas kann mit seiner Arbeit zufrieden sein, doch dem Menschen Lucas geht der Fall lange nach.

Nicht nur, weil er die Familien von Täter und Opfer kennengelernt hat, sondern weil sich wieder einmal seine These bestätigt hat, dass "schlimme Dinge einfach passieren". In all den Jahren hat Lucas oft genug in menschliche Abgründe geschaut. Auch wenn er die Taten nicht immer verstehen kann, nachvollziehbar sind ihm die meisten. "Die Frau, die jahrelang von ihrem Ehemann zermürbt, gedemütigt und gequält wird, greift in einem schwachen Moment zum Nudelholz. Nachvollziehbar. Jemand, der provoziert wird und sich provozieren lässt, wehrt sich und dann eskaliert das, nachvollziehbar. Dass Leute aus Armut heraus zu Dieben werden, nachvollziehbar. Dass jemand, der merkt, hier ist es ganz leicht, einen Betrug macht, um die Familie leichter zu ernähren, das ist nicht in Ordnung, aber nachvollziehbar." Lucas nimmt Anteil an den Schicksalen von Tätern wie Opfern.

So kämpft er für einen türkischen Familienvater, der einen früheren Freund getötet hatte, um eine niedrigere Strafe. Er bewegt die Familie des Angeklagten zur Aussage, dabei stellt sich heraus, dass das Opfer die Töchter des Täters sexuell missbraucht hatte. Oder er entlastet einen jungen Demonstranten vom Vorwurf der schweren Körperverletzung gegen einen Polizisten, weil er bis zum letzten Prozesstag darauf besteht, alles Videomaterial von der Demonstration zu sehen, bei der die Tat geschehen sein soll. Am Ende muss sich der Polizist wegen schwerer Körperverletzung - er hatte dem jungen Demonstranten ein Auge ausgeschlagen - Verfolgung Unschuldiger und Falschaussage verantworten.

Alltag vor Gericht und Grundsatzfragen

Akribisches Aktenstudium, Vernehmungen, die Vorlage von Beweisstücken, schweigende Angeklagte - Lucas zeigt in seinem Buch die Abläufe in Strafprozessen. Er berichtet von Ermittlungsfehlern, vorgefassten Meinungen und der schwierigen Entscheidung, wie lange ein Mensch für eine Tat ins Gefängnis muss. Er geht aber auch der Frage nach, warum der Staat straft. Können schwere Straftaten überhaupt gesühnt werden?  Fühlen sich andere Menschen abgeschreckt? Und wie sieht es mit der Wiedereingliederung der Täter nach der Verbüßung ihrer Strafen aus?

Lucas, der gern und schnell redet und seine Fähigkeit zur Selbstinszenierung auch in der Rolle des Staatsanwaltes in einer TV-Gerichtsshow auslebt, macht sich seine Arbeit nicht leicht. "Wenn die Beweise für eine Verurteilung nicht ausreichen, dann ist es meine Pflicht, wenn mein Mandant einen Freispruch erreichen möchte, mich für diesen Freispruch einzusetzen. Wenn die Tatumstände besondere waren, dann muss ich das herausarbeiten." Nach Lucas' Überzeugung muss selbst der schlimmste Mörder freigesprochen werden, wenn die Beweislage nicht eindeutig ist. "Denn im Umkehrschluss müsste sonst jeder Unschuldige ständig in Angst leben, aufgrund einer falschen Bezichtigung oder bei unklarer Beweislage verurteilt zu werden."

In der täglichen Arbeit ist sein Engagement für die Angeklagten oft ein schwieriger Balanceakt, für den Lucas zwischen dem Menschen und dem Anwalt klare Trennungslinien zieht. "Natürlich findet der Mensch Stephan Lucas Vergewaltigungen verabscheuenswürdig und grausam, das gilt auch für Mord und Totschlag", so beschreibt es der 40-Jährige. "Der Profi Stephan Lucas hat das auszublenden und sich zu überlegen, wie kann ich bestmöglich die Rechte des Mandanten durchboxen." Doch offenbar stößt auch der Profi immer wieder an seine Grenzen. "Es bleibt ja nicht aus, dass ich mehr mitbekomme, dass es Entwicklungen in dem Fall gibt oder dass ich die Familien kennenlerne."

Rechtsgüter bewahren

Denn auch wenn er mit Leib und Seele Verteidiger ist, vertritt er immer wieder auch die Opfer von Verbrechen. Zuletzt war er Nebenkläger im Prozess gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker,  in dem er als Anwalt der Witwe des ermordeten Generalbundesanwaltes Siegfried Buback auftrat. Im Herbst wird er gemeinsam mit Rechtsanwalt Jens Rabe aus Waiblingen im NSU-Prozess Nebenkläger sein, im Auftrag von Semiya Simsek, der Tochter des ersten NSU-Opfers Enver Simsek.

Vieles, von dem, was die Menschen "täglich belastet", so Lucas' Erfahrung, "ist eigentlich Strafrecht". Das geklaute Fahrrad zum Beispiel oder viele Zeitungsmeldungen. Besonders bei schweren Straftaten fällt Lucas die undifferenzierte Darstellung von Tat und mutmaßlichem Täter auf. "Da wird de facto der Pranger wieder eingeführt und die öffentliche Hinrichtung geschieht im Internet." Wichtige Rechtsgüter wie die Unschuldsvermutung und die Berücksichtigung mildernder Umstände geraten dabei ins Hintertreffen. Für Lucas wichtige Gründe, warum die Strafverteidigung in ihrer Verpflichtung dem Mandanten gegenüber so unverzichtbar ist und warum die Menschen mehr über seine Arbeit erfahren sollten.

Entgegen der landläufigen Annahme ist Lucas auch nicht nur dann zufrieden mit dem Ausgang eines Prozesses, wenn sein Mandant freigesprochen wird. "Für mich ist das Schlimmste, wenn ich mir eingestehen müsste, ich habe unsauber gearbeitet. Ich muss sagen können, ich habe meinen Mandanten bestmöglich verteidigt."

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Quelle: n-tv.de

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