Unterhaltung
Männer und Grill - das trennt keine!
Männer und Grill - das trennt keine!(Foto: imago/Westend61)
Samstag, 08. April 2017

Frauen am Rande der Weißglut: Der Mann ist reif

Von Heidi Driesner

Wenn Ihr Ehe- oder sonstiger Mann, der im Tagesverbrauch das Gegenteil eines Womanizers ist, urplötzlich von Lenden und Schenkeln schwärmt, ein Leuchten in den Augen hat und auch noch anders riecht, hat er genau das, was Sie denken: eine Affäre.

Sind Sie ein Mann? Dann lesen Sie am besten nicht weiter...

Es ist Frühling, die Hosen werden dünner und die Männer spielen verrückt. Eigentlich werden wir Frauen ja schon immer von den Amselmännchen vorgewarnt: Wenn die auf der Dachkante wie irre flöten, ist was im Busche! Bei den Menschen-Männchen dauert es etwas länger als bei den Vogel-Männchen (aber Letztere sind ja auch viel kleiner), bis die Sonne den Winter aus Geist und Körper hinausgewärmt hat, aber dann sind sie nicht zu halten. Während balzende Amselmännchen unsereins nicht in helle Aufregung versetzen, macht uns aber das veränderte Verhalten des Mannes äußerst misstrauisch: DER BALZT, ABER NICHT VOR MIR! Da steckt natürlich eine Affäre dahinter. Zum Beispiel mit einem Grill. Für alle von derartigen männlichen Frühlingstänzen gestressten und beunruhigten Ehefrauen, Lebensabschnittspartnerinnen und anderweitigen Gefährtinnen gibt es Hilfe zur Selbsthilfe: das Buch "Schatz, brennt da grad was an?"

Genügend Stoff für die nächste und übernächste Grillsaison!
Genügend Stoff für die nächste und übernächste Grillsaison!(Foto: Wilhelm Goldmann Verlag)

Gerade noch rechtzeitig vor Eröffnung der Freiluft-Feuer-Saison ist das Buch "für alle Frauen, die ihren Mann jeden Sommer an den Grill verlieren" im März bei Goldmann erschienen. Geschrieben hat es Hanna Dietz, die sich mit ihrem Nummer-1-Hit "Männerkrankheiten" sowie "Weiberwahnsinn" als Spezialistin für Geschlechterverhalten einen Namen gemacht hat. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sich die Autorin (Baujahr 1969 – sie weiß also, worüber sie schreibt...) über die kuriosen Grillzangen-Eiertänze hermachte. Männerkrankheiten wie Schmutzblindheit, Mitdenkschwäche oder Einkaufsdemenz sind genauso wenig behandelbar wie ambitioniertes Grillen – aber genauso lustig! Das kapiert frau schnell nach dem literarischen Studium des "seltsamen Verhaltens grillreifer Männer in Reihenhäusern". (Der Ehrlichkeit halber sei gesagt: Dekorationswahnsinn, Telefonitis, Tränendrüsenüberfunktion und chronischer Kleidungsmangel der holden Weiblichkeit sind auch nicht von Pappe.) Das Klappenbroschur-Taschenbuch in frischem Gartengrün hat 256 Seiten und ist mit 12,00 Euro preiswerter als ein American Rib-Eye-Steak, das bei noch ungeübten Brutzlern sowieso zur Schuhsohle verkommt. 

Dietz nutzt alle Möglichkeiten weidlich aus, die unsere schöne deutsche Muttersprache an Zwei- und Mehrdeutigkeiten so bietet. Wortneuschöpfungen erklären sich von selbst, wie Rosenaufzuchtsmissionarin für die selbstherrliche Gattin des mürrischen Nachbarn Herr Lubitz, der seinerseits ungefragt Ratschläge zum korrekten Platzieren der Mülltonnen und der gesetzeskonformen Laubbeseitigung verteilt und dabei ständig über den Grillqualm mault. Herzenswärme – schließlich hat Hanna Dietz ihr Buch "für den besten Ehemann von allen" geschrieben – gepaart aufs Beste mit viel Humor, Selbstironie und Augenzwinkern und es wird klar: Sich selbst und die Schwächen anderer nicht bierernst zu nehmen, hilft eine ganze Menge. Das Buch ist unterteilt in 46 Kapitel, die reichen von der Erkenntnis, dass die Anschaffung eines Kugelgrills zu den lebensverändernden Einschnitten auch von Frauen gehört, bis zu jener, dass alles ein Ende hat – nur die Grillsaison nicht!

Liebeserklärung an den Mann am Grill

Hanna Dietz arbeitet als freie Journalistin und hat mehrere erfolgreiche Romane und Sachbücher geschrieben.
Hanna Dietz arbeitet als freie Journalistin und hat mehrere erfolgreiche Romane und Sachbücher geschrieben.(Foto: © Clemens Gersch)

Während Ihr "King of Kotelett" auf der Suche nach dem Metzger seines Vertrauens durch die jeweilige deutsche Groß- oder Kleinstadt irrt und später bei seinem Männerabend im Reihenhaus mit den Kumpels aus vergangenen Studententagen in einen Code verfällt, der aus einer Mischung aus Testosteron, Alkohol und jugendlichem Irrsinn besteht, bleiben Sie gelassen. Das geht am besten mit einem Glas Schampus und dieser unentbehrlichen Lektüre (und in entsprechendem Abstand vom BBQ-Man).  Hanna Dietz beantwortet all die existenziellen Fragen wie: "Warum werden Männer sofort sanft, wenn ihnen Rauchschwaden um die Nase steigen?", "Wie macht man aus einem Finger ein Fleischthermometer?" oder "Darf man Kinder mit Bratwurst abspeisen, während man selbst das sauteure Steak verputzt?". Vor allem: Nicht laut lachen, wenn der Grillmann mit seinem Master-Grillkoffer über den Rasen schreitet und wichtig guckt! Denn Grillen ist eine ernsthafte Angelegenheit, so wie Fußball, weil es ja eigentlich Grillsport ist. Die Autorin erklärt den Unterschied zwischen einem einfachen Würstchenbrutzler und einem Zwei-Zonen-Glut-Mann, was es mit Gammeldörrfleisch auf dem Rost und dem vom Grünlichen ins Bräunliche changierende, in Plastikschalen marinierte Fleisch von der Tanke auf sich hat, gibt eine Einführung ins Grillchinesische und berichtet über einen Beziehungs-Belastungstest, als der Mann einen Gasgrill allein aufbauen will.

Die geneigte Leserin kann Spaß haben bei einer schönen Sauerei mit Pulled Pork, lernt Marcel mit Wildlederslippern, hochgestelltem Poloshirt-Kragen, schwarzen Einweghandschuhen und einem Grillfuhrpark(!) kennen und muss letztendlich anerkennen, dass der Outdoor-Angeber tatsächlich irre gut grillen kann. Sie lernt mit der Autorin, Gefühle beim Selbst-Wursten zu entwickeln und sich Kondomwitze zu verkneifen sowie zu akzeptieren, wenn aus der Garage eine "Grillbasis" entsteht – oder wird selbst aktiv und kämpft für die Frauenquote am Rost. Geht aber manchmal daneben... "Frauen gehen auf die Straße für ihre Rechte, und Männer verschanzen sich im Garten", orakelt frau in der Selbsthilfegruppe grillgeplagter Ehefrauen. Also lassen Sie Ihrem Holden seinen "Schutzraum", er wird es Ihnen danken, eventuell mit "Kalbskotelett mit Steinpilzkruste und Kräuter-Mascarpone".

Ich habe Tränen gelacht über "Esoterik auf Tost", über ein Grillfest, zu dem die Gäste "eigenes Grillgut" mitzubringen hatten, das dann selbstverständlich vom Gastgeber gefressen wurde (Pardon!), und über die Rache der Geschröpften. Auch ich kenne nervige Stimmungskiller, die mit dem Entsetzensschrei "Neiiin, abends doch keine Kohlenhydrate!!!" erst jedes klitzekleine Krümelchen des leckeren, selbst gebackenen Nussbrots ablehnen und letzten Endes so zuschlagen, dass sie die hautengen Jeans aufknöpfen müssen. Oft dachte ich, Hanna Dietz hat bei mir über den Gartenzaun geschaut – und Ihnen wird es auch so gehen: Man erkennt sich und die anderen und weiß es einfach: "Männer sind wie Grills. Man muss sie ständig anfeuern." Und Nachbarn stören sich nicht am Qualm, sondern bekommen Hunger wegen des über die Hecke wehenden Duftes. Und was passiert mit den grillgeplagten Frauen, wenn das (männliche) Feuer erlischt? Wie der Grillwahnsinn endet? Also ..., aber lesen Sie doch selbst!

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Quelle: n-tv.de

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