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Inzwischen bilden Firmen bereits Tatortreiniger aus.
Inzwischen bilden Firmen bereits Tatortreiniger aus.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ungeziefer, Exkremente, Blut: Der Tod ist ihr Geschäft

Von Solveig Bach

Wenn Antje Schendel einen Auftrag beendet, sind der Gestank und die Fliegen Geschichte. Nichts deutet mehr darauf hin, dass hier ein Mensch gewaltsam gestorben ist oder ein Verstorbener lange unentdeckt gelegen hat. Schendel ist Tatortreinigerin. Nach zehn Jahren ist ihr nichts Menschliches mehr fremd.

Antje Schendel war sechs oder sieben Jahre alt, als sie ihren ersten Toten sah. Es war nicht etwa die friedlich entschlafene Großmutter, sondern ein Nachbar im Parterre. Seine Haut verfärbte sich im Verwesungsprozess bereits lila, sein Körper war von Faulgasen aufgebläht. Möglicherweise war das der Moment, in dem ihre spätere Karriere als Tatortreinigerin angelegt wurde.

Seit zehn Jahren hat Schendel ihre eigene Tatortreinigungsfirma. Sie ist spezialisiert auf die Reinigung von Tat- und Unfallorten, von Messie-Wohnungen oder Räumen, in denen Verstorbene mehrere Tage, Wochen oder sogar Monate gelegen haben. Wenn in Schendels Firma das Telefon klingelt, dann hat der Tod irgendwo hässliche Spuren hinterlassen. Denn wenn Leichen lange liegen oder sich jemand das Leben nimmt, dann ist das kein schöner Anblick.

"Als ich meine Firma gegründet habe, habe ich den amerikanischen Begriff 'crime scene cleaning' umgewandelt in Tatortreinigung", erzählt Schendel n-tv.de. "Damals gab es für den deutschen Begriff bei Google keinen einzigen Eintrag." Das hat sich geändert, so sehr, dass es sogar eine mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete TV-Produktion "Der Tatortreiniger" gibt. Außerdem bieten inzwischen mehrere Firmen diese Dienstleistung an.  

Denn was im Fernsehen unterhaltsam ist, stellt viele Angehörige oder Vermieter nach Todesfällen oder Tötungsdelikten noch immer vor fast unlösbare Aufgaben. Wenn die Polizei weg ist, sind sie mit der Aufgabe allein, die Räume wieder bewohnbar zu machen.  Das ist leichter gesagt als getan.

Leben ist anders als Fernsehen

Schendel hat die Erfahrung gemacht, dass vielen Menschen der Anblick von Tatorten aus Fernsehkrimis durchaus vertraut ist. "Die sehen auch wirklich so aus. Aber im Fernsehen werden natürlich keine Räumlichkeiten gezeigt, in denen jemand länger tot lag." Bestenfalls sehe man mal eine mumifizierte Leiche.  "Aber so sieht das nicht aus, wenn jemand länger gelegen hat." Im Sommer reichen bereits zwei Tage, um massive Verwesungsprozesse auszulösen. Fäkalien, Blut und Leichenflüssigkeit kontaminieren Böden, nicht nur Teppiche, manchmal weit in den Estrich hinein. Schädlinge machen sich breit. Zuerst kommen die Fliegen, dann die Maden und die Speckkäfer. Vorsichtig spricht Schendel von "erheblicher Geruchsbelästigung". In den Polizeiberichten ist oft davon die Rede, dass der Gestank die Nachbarn schließlich bewegt, den Vermieter oder die Polizei zu alarmieren.

Unmittelbar nach dem Tod setzt die Verwesung ein, Mehlwürmer sind da das kleinste Problem.
Unmittelbar nach dem Tod setzt die Verwesung ein, Mehlwürmer sind da das kleinste Problem.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ist die Spurensicherung der Polizei abgeschlossen, kommen die Tatortreiniger zum Einsatz. Dass diese Arbeit Laien nicht zu empfehlen ist, wird deutlich, wenn Schendel ihre Einsatzkleidung beschreibt. "Ich habe natürlich einen flüssigkeitsabweisenden Vollschutzanzug an, dazu spezielle Handschuhe, die Füße werden geschützt. Ich trage einen Sichtschutz, manchmal auch eine Atemschutzmaske, meist einen Mundschutz, so dass ich vor sämtlichen Spritzern geschützt bin."

Schendels Vorgehen ist keineswegs überängstlich, denn sie bekommt es mit menschlichen Überresten zu tun. In ihrem Buch "Die Tatortreinigerin" beschreibt sie ihre Tätigkeit: "Ich bin für die Reste zuständig, die sich von einem Körper gelöst haben, ob durch natürliche Verwesung oder Gewalteinwirkung. Teile von Kopf und Kiefer, Schädelplatten, Knochensubstanz, Gehirnmasse, Skalps, Kleingliedmaßenteile wie Finger und Zehen." Für sie ist der Eigenschutz ganz selbstverständlich. "Wir wissen in den seltensten Fällen, ob der Tote vielleicht HIV oder Hepatitis hatte. Da sollte man einen entsprechenden Schutz haben, das fängt schon beim Impfschutz an", betont sie resolut.

Zügig und diskret

Von Schendels Einsatz bekommen Nachbarn und Anwohner kaum etwas mit, wollen das oft auch gar nicht. Die Firmenautos sind werbefrei, Schendel und ihre Mitarbeiter arbeiten bei geschlossenen Türen. Wünscht der Auftraggeber Diskretion, werden die Aufräumarbeiten in die Nachtstunden verlegt. In vielen Fällen sind die Räume binnen weniger Stunden wieder bewohnbar, nichts erinnert mehr an das grauenvolle Geschehen.

Hinter den Tatortreinigern liegt dann allerdings harte Arbeit. Auch wenn der Tote nur in einem Zimmer gelegen hat, muss häufig die ganze Wohnung gereinigt und desinfiziert werden. "Bei jemandem, der länger gelegen hat, verteilt sich der Geruch in der gesamten Wohnung, die muss dann auch komplett geräumt werden." Für die kontaminierten Gegenstände stehen spezielle Behälter zur Verfügung. Schendel hat die Erfahrung gemacht, dass da "schnell zwei Tonnen an Entsorgungsmaterial zusammenkommen".  Am Ende werden die verschlossenen Container direkt in die Verbrennungsanlage geschafft. Andere Dinge kommen auf die Sondermülldeponie oder zum Recyclinghof.

Erfahrung und Expertenwissen

Schendel kommt dann, wenn normale Reinigungsdienste passen müssen.
Schendel kommt dann, wenn normale Reinigungsdienste passen müssen.

Mit Allzweckreiniger und Fleckenspray ist es dabei längst nicht getan. Schendel benutzt verschiedene Geruchsneutralisierer und Reinigungsmittel, einige hat sie gemeinsam mit großen Firmen entwickelt. Speziell für ihre Branche hergestellte Super-Reiniger gibt es aber nicht.  "Da hilft nur ausprobieren." Mit der Zeit ist Schendel Expertin geworden, beispielsweise für Blutflecke. "Wenn der ganze Teppichboden mit Blut voll ist, brauchen sie gar nicht anzufangen zu shampoonieren", erzählt sie.

"Blut enthält Eisen, das gibt rostige Rückstände. Oder sie haben da einen helleren Fleck. Einen kleineren Blutfleck bekommt man schon weg, aber bei Blutlachen braucht man gar nicht, anzufangen." Schendel hat zu oft gesehen, dass sich das Blut auch unter dem Teppichboden längst ausgebreitet hat. Dann muss der Fußbodenbelag raus, manchmal auch ein Teil des Fußbodens.

Überhaupt wird im Gespräch mit Schendel immer deutlicher, dass Tatortreiniger echte Multitalente sein müssen. Schendel ist nicht nur ein Putzprofi, sie ist auch staatlich anerkannte Desinfektorin und Schädlingsbekämpferin, manchmal ist sie Möbelpackerin und Bauarbeiterin, oft genug ist sie auch Kummerkasten.

Wenn sie kommt, trifft sie auf verzweifelte und verstörte Menschen, die mit einem gewaltsamen Todesfall in ihrer unmittelbaren Umgebung umgehen müssen. Das können nahe Angehörige sein oder der Lokführer, dem ein Selbstmörder vor den Zug gesprungen ist. Schendel war von Anfang an überzeugt, sie kann mit diesen Belastungen umgehen.

Tiefe Einblicke

Schendels Buch ist bei Knaur erschienen und kostet 8,99 Euro.
Schendels Buch ist bei Knaur erschienen und kostet 8,99 Euro.

Inzwischen hat sie ihre eigene Arbeitstechnik, wenn sie an einem Tatort ankommt. "Ich gehe da rein und scanne einfach alles. Das Persönliche kommt eigentlich erst, wenn ich den Auftrag ausführe." Dabei dringt Schendel tief in die Intimsphäre der Toten ein. Räumen sie und ihre Mitarbeiter eine Wohnung komplett auf, entrümpeln sie die Räume nicht einfach. "Wir suchen nach Dokumenten, wir nehmen auch in jeder Messie-Wohnung jedes Schriftstück in die Hand. Wir gucken für den Nachlassverwalter, ob es irgendwelche Hinweise auf Erbberechtigte gibt." Reichtümer sind ihr in all den Jahren selten untergekommen, eher schon mal ein wenig Bargeld, eine Lebensversicherungspolice oder auch ein Familienschmuckstück. Sie hat aber auch schon Sparbücher und Aktien oder Anlagekonten gefunden, in einem Fall im Wert von 180.000 Euro.

Häufiger allerdings finden sich Briefe von Inkassofirmen, gerade Messie-Wohnungen erzählen das Scheitern ihrer früheren Bewohner. Schicht für Schicht trägt Schendel ab. Inzwischen kann sie nachvollziehen, wann das Bett unter immer neuen Papieren oder Müll verschwand, wann die Küche oder die Toilette nicht mehr benutzbar waren. "Manchmal finden wir Abschiedsbriefe oder einen Trennungsbrief." Allzuviel Gefühligkeit ist ihr dennoch fremd. "Die meisten Menschen, die länger gelegen haben, haben von sich aus entschieden, keine sozialen Bindungen zu pflegen", ist ihre Erfahrung. "Dann fällt das auch nicht auf, wenn man seinen Nachbarn ein paar Tage oder Wochen nicht gesehen hat, man hat den ja eh kaum gesehen."

Ihre pragmatische Weltsicht bewahrt sich die Tatortreinigerin auch im Umgang mit engen Angehörigen. Gerade hat sie in einem Einfamilienhaus Räume wieder hergerichtet, in denen sich eine ältere Dame erschossen hatte. Die Frau war schwer krank und wollte ihrer Familie die Pflege nicht aufbürden. Schendel hat nicht nur den Tatort gesäubert, sie hat auch mit Kindern und Enkeln in der Küche gesessen und geredet. "Ich versuche dann zu sagen, dass es für die Angehörigen natürlich schlimm ist, wenn jemand den Freitod wählt. Aber derjenige, der das so wollte, ist jetzt erlöst. Er ist frei. "

Schendels Stärke ist wohl ihre Echtheit, in einer Situation, die die meisten Menschen an ihre Grenzen führt. Sie dramatisiert und beschönigt nichts, dann macht sie ihren Job, diskret und effektiv. Schendel sagt von sich: "Sobald ich eine Wohnungstür absperre, habe ich mit dem Auftrag abgeschlossen." Dann kann das Leben wieder einziehen.

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Quelle: n-tv.de

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