Unterhaltung

Lenz-Roman posthum erschienen: "Der Überläufer" - Mitten im Kriegsirrsinn

Von Katja Sembritzki

Vor 65 Jahren wollte der Verlag von Siegfried Lenz den zweiten Roman des Autors nicht veröffentlichen. Er sei zu brisant. Jetzt ist "Der Überläufer" im Nachlass des Autors aufgetaucht. Ein beeindruckendes Buch über die Sinnlosigkeit des Krieges.

Zu Lebzeiten immer bescheiden und zurückhaltend, wirbelt Siegfried Lenz nach seinem Tod die Literaturwelt ordentlich auf. Im Nachlass des im Oktober 2014 gestorbenen Schriftstellers tauchte ein fertiges Romanmanuskript auf, das niemand kannte. Lenz hatte es im Jahr 1951 nach seinem Erstling "Es waren Habichte in der Luft" verfasst, aber "Der Überläufer" war von den Verantwortlichen des Verlags Hoffmann und Campe abgelehnt worden.

Siegfried Lenz war selbst wenige Tage vor Kriegsende desertiert und hatte in den Wäldern Dänemarks überlebt. (Bild von 1976)
Siegfried Lenz war selbst wenige Tage vor Kriegsende desertiert und hatte in den Wäldern Dänemarks überlebt. (Bild von 1976)(Foto: imago/ZUMA/Keystone)

Der zuständige Lektor schrieb in einem Brief an den damals 25 Jahre alten Lenz: "Ich halte es nach wie vor für äußerst gefährlich, den Roman im bisherigen Zustand zu publizieren. Er würde, was seine 'Gesinnung' betrifft, scharf unter die Lupe genommen werden." Was machte den Roman in den 1950er-Jahren so brisant?

In dem nun posthum veröffentlichten Buch erzählt Lenz die Geschichte von Walter Proska, der als Einziger den Anschlag auf einen Zug überlebt. Er landet bei einem versprengten Trüppchen, das sich in einem sumpfigen Wald irgendwo an der Ostfront verschanzt hat und die Bahnstrecke sichern soll. Die eigenen Leute haben die sieben Wehrmachtssoldaten längst aufgegeben.

Es ist der letzte Sommer des Zweiten Weltkrieges, die Hitze ist unerträglich, die Mücken sind es auch. Unzählige Partisanen hocken in den Baumkronen und schießen auf die Soldaten. Die schießen zurück, auf beiden Seiten gibt es Tote.

Mit Kriegstabus gebrochen

Die Soldaten sind kurz vor dem Durchdrehen, einer kämpft mit einem riesigen Hecht, ein anderer knickt in einem wahnwitzigen Ritual junge Bäume um und ein Dritter zähmt ein Huhn. Präzise zeichnet Lenz seine Figuren und schildert an ihnen eindringlich den Kriegsirrsinn, dem der Anführer der Truppe mit abwegigen Befehlen, Quälereien und "Halten Sie das Maul, sonst erkältet sich Ihr Darm"-Attitüde die Krone aufsetzt.

Der Roman ist bei Hoffmann und Campe erschienen, hat 368 Seiten und kostet 25 Euro.
Der Roman ist bei Hoffmann und Campe erschienen, hat 368 Seiten und kostet 25 Euro.

Neben der Sinnlosigkeit des Krieges rührt Lenz an einem weiteren Nachkriegstabu: Er stellt die Partisanen als ebenso verzweifelt und um ihr Überleben kämpfend dar wie die deutschen Frontsoldaten. Der Jüngste der Truppe, Wolfgang genannt "Milchbrötchen", spricht aus, was er in ihren Gegner sieht, nämlich Menschen, die "manchmal zittern und die gleiche Menge an Wünschen mit sich herumtragen wie wir".

Und immer wieder leuchtet der Konflikt zwischen Pflicht und Gewissen, Schuld und Handeln auf, dessen Beschreibung Lenz in "Die Deutschstunde" 1968 zur Perfektion brachte. "Wir sind auch Deutschland und nicht nur die andern, und es wäre doch eine komplette Idiotie, wenn wir uns, die wir Deutschland sind, für Deutschland, also für uns selbst, opferten", so Wolfgang, dem die Rolle des Zweiflers zufällt. Es sei "eine raffinierte Injektion von Pflichtserum", mit dem die Nazis versucht hätten, alle "besoffen zu machen". Am Ende entscheidet sich Proska, zu den Partisanen überzulaufen.

Ein Wehrmachtssoldat, der in den Reihen der Roten Armee kämpft und schon vor dem Seitenwechsel ein polnisches Mädchen liebt, dazu die Darstellung der Kriegsabsurditäten und der Partisanen als nicht ausschließlich hinterhältige Menschen - das alles war für den Verlag zu viel in Zeiten des sich zuspitzenden Kalten Krieges. Und in Zeiten, in denen sich viele Deutsche weigerten, sich mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. "Ein solcher Roman hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein", heißt es in einem Brief an Lenz.

Überraschung und Glück zugleich

Dabei war die erste Reaktion des Verlags auf "Der Überläufer" positiv. Die gewünschten Veränderungsvorschläge arbeitete Lenz in seine zweite Fassung (die jetzt erschienen ist) ein. Dann aber vollzog der Verlag die oben zitierte Kehrtwende. In autoritärem Stil überhäufte der Lektor Lenz mit Vorwürfen und forderte eine Neufassung mit entschärften Figurenprofilen und ergänzendem Personal.

Darauf wollte sich Lenz nicht einlassen. Er erklärte das Manuskript zur "unerläßlichen Übung", ließ es in der Schublade verschwinden – und bewies Größe: Seinem Verlag Hoffmann und Campe ist er trotz der Differenzen immer treu geblieben. Wenig später erschien der begeistert aufgenommene Erzählband "So zärtlich war Suleyken". Lenz wurde zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit, der seine Leser bis ins hohe Alter mit meisterhaften Romanen und Novellen berührte.

"Der Überläufer" lässt mit seiner sprachlichen Bildkraft bereits die feine Brillanz der späteren Werke von Lenz durchschimmern, die erzählerische Wucht ist mitreißend. Für den Leser ist es Überraschung und Glück zugleich, diesen Antikriegsroman 65 Jahre nach seiner Entstehung in Händen halten zu dürfen.

"Der Überläufer" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen