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Flix präsentiert in Erlangen seinen neuen Band "Don Quijote".
Flix präsentiert in Erlangen seinen neuen Band "Don Quijote".(Foto: Flix – Carlsen Verlag Hamburg)
Donnerstag, 07. Juni 2012

Wie deutsche Comics in Erlangen Erfolge feiern: Don Quijote jagt Spiderman

Von Markus Lippold

Comic-Nerds treffen auf Bildungsbürger, Mangafans auf arabische Zeichner, Zeitungsstrips auf Prachtbände: Der 15. Erlanger Comic-Salon präsentiert die ganze Bandbreite der Comic-Kultur. Nur hat sich etwas geändert: Immer mehr deutsche Künstler stehen im Mittelpunkt. Und die Themen sind politischer denn je, vom Holocaust bis zum arabischen Frühling.

Reinhard Kleist erzählt in "Der Boxer" die Geschichte des jüdischen Sportlers Hertzko Haft (im Bild im Vordergrund), der mehrere Vernichtungslager überlebte.
Reinhard Kleist erzählt in "Der Boxer" die Geschichte des jüdischen Sportlers Hertzko Haft (im Bild im Vordergrund), der mehrere Vernichtungslager überlebte.(Foto: Reinhard Kleist – Carlsen Verlag Hamburg 2012)

"I'm a poor lonesome Comiczeichner, and a long way from home." Deutsche Comic-Künstler hatten in der Vergangenheit etwas von Lucky Luke. Sie durchritten staubige Prärien und felsige Gebirge, hatten lange Durststrecken und oft die Geier im Rücken. Zu ihren Verbündeten zählten sie ein paar emsige Mitstreiter, einige leidenschaftliche Fans und eine Handvoll enthusiastische Verleger. Und ab und zu traf man sich in einem Saloon, um über neue Trends zu diskutieren. Ansonsten war Deutschland in Sachen Comics ein unzivilisiertes Entwicklungsland.

Blühende Landschaften sind noch nicht daraus geworden, aber immerhin werden Comics in ihren verschiedenen Spielarten nicht mehr generell als Schund und Trivialliteratur abgetan. Die Werke deutscher Künstler werden von Kritikern und Publikum gelobt und geliebt, sie liegen in den Buchhandlungen aus und werden sogar im Ausland veröffentlicht. Auf den beiden großen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig werden Comics in Sonderprogrammen präsentiert. Und nicht zuletzt haben auch Tageszeitungen das Genre wiederentdeckt, Comicstrips erscheinen regelmäßig etwa in Berliner "Tagesspiegel" und "Stuttgarter Zeitung", in "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" und "Zeit".

Magdy El-Shafee erzählt in "Metro" von Korruption und Willkür in seinem Heimatland Ägypten.
Magdy El-Shafee erzählt in "Metro" von Korruption und Willkür in seinem Heimatland Ägypten.(Foto: Magdy El-Shafee – Edition Moderne)

Einen Anteil an dieser positiven Entwicklung hat der alle zwei Jahre stattfindende Internationale Comic-Salon in Erlangen. Vom 7. bis 10. Juni findet er auch in diesem Jahr statt - mit der 15. Veranstaltung feiert das erste und größte deutsche Comicfestival, das vom Kulturamt der Stadt organisiert wird, sogar ein kleines Jubiläum. Genau zur rechten Zeit: "In den letzten Jahren hat sich in der deutschen Comicszene sehr viel getan", erklärt Festivalchef Bodo Birk im Gespräch mit n-tv.de. Selbst kleine, unabhängige Verlage würden mehr Bücher herausbringen, deutsche Zeichner auch international Erfolge feiern. Der deutsche Comicmarkt, der laut Birk etwa ein Zehntel des französischen umfasst, holt auf.

"Alfonz" startet

Das erkennt man nicht nur an den Comics selbst, sondern auch am Sekundärmarkt. Der Verlag Edition Alfons etwa will die derzeitige Aufmerksamkeit für Comics nutzen und bringt mit "Alfonz - Der Comicreporter" ein neues Comicmagazin auf den Markt. Vierteljährlich soll über aktuelle Publikationen, Trends und Hintergründe informiert werden. Die Macher jedenfalls sind mit der Materie bestens vertraut. Die "Alfonz"-Herausgeber Matthias Hofmann und Volker Hamann zeichnen seit zwei Jahren für den jährlichen Comicreport verantwortlich, der sich mit Berichten und Analysen dem deutschen Comicmarkt widmet. Hamann bringt zudem das halbjährliche Magazin "Reddition" heraus.

"Alfonz - Der Comicreporter" heißt ein neues Comicmagazin, das über den Tellerrand hinausschauen will.
"Alfonz - Der Comicreporter" heißt ein neues Comicmagazin, das über den Tellerrand hinausschauen will.

"Alfonz" will sich nun eher zeitnah der Szene widmen. Die erste Ausgabe, die in Erlangen präsentiert wird, macht Hoffnung, dass das Projekt gelingen könnte. Zumindest wird deutlich, dass man sich nicht auf eine Spielart der Comics beschränken will. Klassische franko-belgische Alben finden genauso ihren Platz wie Superhelden-Comics und Mangas. Das erklärte Ziel, über den Tellerrand hinauszuschauen und auch crossmediale Themen anzusprechen, gelingt auch schon recht gut. So beschäftigt sich ein Artikel mit dem Facebook-Auftritt von Comicverlagen. Eine äußerst interessante Umfrage geht schließlich der Frage nach, wie Zeichner auf den boomenden Handel mit Originalzeichnungen reagieren.

Von einem Comic-Boom in Deutschland will Festivalchef Bodo Birk allerdings nicht reden. Er spricht lieber von "erhöhter Aufmerksamkeit und Akzeptanz" der Comics. Dem Salon freilich tut diese Entwicklung so oder so gut. Noch vor Jahren bildete laut Birk die deutsche Szene zwar die Basis in Erlangen. "Aber die wichtigen Ereignisse, die tollen Ausstellungen, die Gäste, die das Publikum anlockten - das waren Franzosen und manchmal US-Amerikaner. Das hat sich nun geändert." Eine Ursache dafür sieht Birk in der neuen Qualität deutscher Publikationen. Dies wiederum liege an den zunehmenden Ausbildungsmöglichkeiten für Comiczeichner: "Akademien, Fachhochschulen und Universitäten bieten entsprechende Studiengänge an, die dann Illustration, narrative Bilderzählung oder ähnlich heißen." Seinen Studiengang "Comic" zu nennen, traue sich allerdings niemand, fügt Birk an.

Auch eine gute Geschichte ist wichtig

Winsor McCay steht im Mittelpunkt einer hochgelobten Ausstellung, die nun in Erlangen zu sehen ist. Von ihm stammt etwa "Little Nemo in Slumberland".
Winsor McCay steht im Mittelpunkt einer hochgelobten Ausstellung, die nun in Erlangen zu sehen ist. Von ihm stammt etwa "Little Nemo in Slumberland".(Foto: Winsor McCay – Alexander Braun)

In 15 bis 20 Institutionen in ganz Deutschland kann man heute im weiteren Sinne etwas über Comics lernen, teilweise unterrichtet von Zeichnern der ersten Stunde wie Anke Feuchtenberger, ATAK oder Henning Wagenbreth. "Diese professionelle Ausbildung hat zu einem deutlichen Qualitätssprung geführt, der auch im Ausland wahrgenommen wird", sagt Birk. Und er zählt einige der Künstler auf, die aus diesen Schulen stammen: Jens Harder, Ulli Lust, Barbara Yelin, Reinhard Kleist, Isabel Kreitz, Mawil oder Flix. Diese seien nicht nur gute Zeichner, sondern hätten auch begriffen, wie wichtig es ist, eine gute Geschichte zu erzählen, so Birk.

Einige dieser Zeichner stellen nun in Erlangen ihre neuen Bücher vor. Flix etwa dürfte einer der Stars des diesjährigen Comic-Salons werden. Nach einer Neuinterpretation des "Faust" hat er sich nun eins der größten Bücher der Weltliteratur vorgenommen: "Don Quijote" von Cervantes, dessen Comicversion bei Carlsen erscheint. Ebenfalls bei Carlsen erscheinen zwei Bücher, die ernstere Themen aufgreifen: "Der Boxer" von Reinhard Kleist ist die Biografie des polnischen Juden Hertzko Haft, der zur Zeit des Nationalsozialismus mehrere Arbeits- und Vernichtungslager überlebt. "Wave And Smile" von Arne Jysch setzt sich dagegen mit dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan auseinander.

Charles Burns und sein abgründiges Werk werden in Erlangen mit einer umfangreichen Ausstellung geehrt (Ausschnitt aus "Black Hole, erschienen bei Reprodukt).
Charles Burns und sein abgründiges Werk werden in Erlangen mit einer umfangreichen Ausstellung geehrt (Ausschnitt aus "Black Hole, erschienen bei Reprodukt).(Foto: Charles Burns – Reprodukt)

Doch auch ausländische Künstler präsentieren politische Comics: Panini bringt den autobiografisch geprägten Band "Marzi" der Polin Marzena Sowa heraus, der von der Zeit des Kriegsrechts Anfang der 80er Jahre erzählt. Der Avant-Verlag präsentiert derweil den ersten Band der von dem Historiker Jean-Pierre Filiu geschriebenen und von David B. gezeichneten Geschichte der Beziehungen von USA und Nahem Osten, "Die besten Feinde".

Dass die Comics des diesjährigen Salons politischer sind, ist für Birk eine typische Entwicklung, die er auch bei anderen Literaturgattungen feststellt. Haben gerade junge Zeichner erst mal ihre autobiografischen Themen abgearbeitet, wenden sie sich neuen Stoffen mit gesellschaftlicher Relevanz zu, die dann auch Menschen anziehen, die sich nicht primär für Comics interessieren. Dass einige dieser Werke dabei unter dem Label "Graphic Novel" vermarktet werden und so vermehrt Zugang zu Feuilleton und Buchhandlungen gefunden haben, stört Birk nicht: "Der Begriff 'Comic' ist in Deutschland nicht ganz unproblematisch, schließlich verbindet man ihn leicht mit 'Komik'. Der Begriff 'Graphic Novel' hat deshalb durchaus geholfen, die Akzeptanz für Comics zu erhöhen", stellt er fest.

Arabischer Frühling und eine verschwundene Stadt

Bilderserie

In diesem Sinne agiert auch der Comic-Salon, den Birk nicht nur als Comicfestival verstanden wissen will, sondern als Kulturveranstaltung mit vielfältigen Themen. In diesem Jahr etwa steht - passend zu den politischen Comics - der im Vordergrund. In einer Ausstellung werden Werke arabischer Zeichner aus Marokko, Ägypten, Algerien, Palästina und anderen Ländern vorgestellt. Passend dazu erscheint in der Schweizer Edition Moderne der in Ägypten verbotene Comic "Metro" von Magdy El-Shafee, der sich mit Korruption, Willkür und sexueller Frustration im Land am Nil auseinandersetzt. Auch der Franzose Golo, der seit Jahren in Ägypten lebt, befasst sich mit dem Land und stellt den mit seiner Frau entstandenen Band "Chronik einer verschwundenen Stadt" (Avant-Verlag) vor.

Zudem ist eine der 24 Ausstellungen zum Comic-Salon Golo gewidmet, der darin zeigt, wie in Ägypten die Tradition der Konjunktur geopfert wird. Weitere Ausstellungen befassen sich etwa mit dem einflussreichen Comicpionier Winsor McCay, mit 50 Jahren Spiderman, mit dem Franzosen David B., dem Italiener Manuele Fior oder mit Leben und Werk der US-Independentcomic-Ikone Charles Burns. Vorgestellt wird zudem die Arbeit des Goethe-Instituts in Moskau, Kairo und Jakarta, die beweist, dass grafische Literatur zunehmend als universell verständliche Sprache eingesetzt wird. Dass viele der in Ausstellungen, Gesprächsrunden, Lesungen und Vorträgen präsentierten Künstler in Erlangen auch anwesend sein werden, spricht für die Qualität und Reputation des Comic-Salons.

Diese gründen auch auf der Vergabe des wichtigsten Comicpreises im deutschsprachigen Raum, der so alt ist wie das Festival selbst: In acht Kategorien wird der Max-und-Moritz-Preis in Erlangen vergeben, darunter der Preis für das Lebenswerk an den Italiener Lorenzo Mattotti. Bei so viel Tradition und öffentlicher Aufmerksamkeit kommt eine Premiere gerade richtig: Auch die unabhängige Comicszene präsentiert sich in Erlangen und veranstaltet zum ersten Mal den Comic-Clash, dessen Siegerehrung nach achtmonatiger Vorbereitungszeit in Erlangen stattfindet. Es ist ein Wettbewerb von 20 Teams mit mehr als 250 Zeichnern um das beste Comic-Magazin zum Thema - man höre und staune - "Der Sinn des Lebens". Es geht nicht um Preise, sondern um die Ehre. So war es ja auch im Wilden Westen. Die deutschen Comiczeichner jedenfalls brauchen sich vor Duellen nicht mehr fürchten. Sie haben längst gelernt, schneller zu schießen als ihre Schatten.

Informationen zum Internationalen Comic-Salon, zur Messe und zum umfangreichen Rahmenprogramm sind auf der Webseite des Festivals zu finden.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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