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Klöster waren im 16. Jahrhundert noch Zentren des öffentlichen Lebens - und des Ablasshandels.
Klöster waren im 16. Jahrhundert noch Zentren des öffentlichen Lebens - und des Ablasshandels.(Foto: Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag)

Eine unheile Welt vor 500 Jahren: Die Abrafaxe treffen Luther

Von Markus Lippold

Ablasshandel und Reformation, Raubritter und Buchdruck, Mittelalter und Neuzeit: Um 1500 erlebte Europa einen Epochenwechsel. Das Comicheft "Mosaik" schickt seine Helden in diese Welt - und lässt sie auf berühmte Zeitgenossen treffen.

Eineinhalb Jahre ist das Reformations-Jubiläum noch hin. Aber die Vorbereitungen zur Feier des 500. Jahrestags des Thesenanschlags durch Martin Luther laufen bereits auf Hochtouren. Kein Wunder - schlug 1517 doch die Geburtsstunde der mittlerweile weltweit verbreiteten evangelischen Kirche mit all ihren Ausprägungen.

Figurinen für einige der Protagonisten der Serie.
Figurinen für einige der Protagonisten der Serie.(Foto: Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag)

Der Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 in Wittenberg, die Prozesse gegen Luther und seine Bibelübersetzung werden sicher eine große Rolle in den Gedenkveranstaltungen spielen. Hinzu kommen aber auch Kontroversen um seine Person, etwa sein Antijudaismus, sowie die Auswirkungen seines Handelns, von den Religionskriegen bis zur heutigen Rezeption.

Bei aller Konzentration auf Luther - nicht unterschlagen werden darf, dass er Teil einer Welt im Umbruch war, ein Kind seiner Epoche. So wie die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern die Reformation entscheidend beeinflusste, wirkten sich auch die Entdeckung Amerikas oder die Re-Christianisierung Spaniens auf das Denken der Zeit aus.

Ähnlichkeiten zur Gegenwart

"Die Jahrzehnte zu Beginn des 16. Jahrhunderts ähneln unserer Epoche in so vielen Aspekten", sagt auch Jens-Uwe Schubert mit Verweis auf die Medienrevolution und die Erweiterung des Weltkreises - was man heute Globalisierung nennt. Diese weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen bringt Schubert zu Papier - als Autor des "Mosaik"-Comics. Deren Helden, die Abrafaxe, die erst im Januar ihren 40. Geburtstag feierten, sind jedem ehemaligen DDR-Bürger und mittlerweile auch vielen anderen Lesern ein Begriff. Seit 1976 erleben sie Abenteuer in aller Welt und, mit Hilfe von Zeitsprüngen, auch in allen Epochen von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit.

Ein Mönch echauffiert sich über die Zeichenkünste des jungen Michael - aber es gibt ja nichts, was man nicht mit Ablass lösen könnte.
Ein Mönch echauffiert sich über die Zeichenkünste des jungen Michael - aber es gibt ja nichts, was man nicht mit Ablass lösen könnte.(Foto: Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag)

Ihr jüngster Zeitsprung führt die drei Figuren aus dem alten Rom ins frühe 16. Jahrhundert, wo sie seit dem März-Heft jene Welt erkunden, in der Luther, aber auch der Maler Lucas Cranach der Ältere, der Theologe Thomas Müntzer und der Gelehrte Philipp Melanchthon wirkten. Schubert und die Künstler des "Mosaik" - die den Comic übrigens noch auf Papier zeichnen - stellen aber weder den Reformator noch andere Geistesgrößen der Zeit in den Mittelpunkt, sondern neben den drei Hauptfiguren einen Jungen namens Michael, den Sohn eines Bergwerkbesitzers. Die drei Figuren - Abrax, Brabax und Califax - begleiten den begabten Zeichner nach Wittenberg, wo er in die Werkstatt von Cranach aufgenommen werden will.

Unterhaltung und Wissensvermittlung

Dass es auf der Reise durch das heutige Mitteldeutschland nicht allzu ernst zugehen wird, ist bei einem Comic, der sich in erster Linie an Kinder wendet, klar. Dazu tragen auch die zugespitzten Zeichnungen bei, die immer wieder auch aktuelle Persönlichkeiten karikieren. Zudem wird das Quartett unterwegs sicher noch berühmten Zeitgenossen Luthers begegnen. Denn zum Stil des "Mosaik", das übrigens laut Guinness-Buch der Rekorde der älteste Fortsetzungscomic der Welt ist, gehört neben der Unterhaltung die Wissensvermittlung. Dafür dient nicht nur der redaktionelle Mittelteil des Hefts mit Hintergründen zu historischen und gesellschaftlichen Umständen, sondern auch die Darstellung im Comic.

Das "Mosaik" erscheint seit 1955, seit 1976 sind die Abrafaxe seine Helden, sie folgten auf die Digedags.
Das "Mosaik" erscheint seit 1955, seit 1976 sind die Abrafaxe seine Helden, sie folgten auf die Digedags.

Für das neue Abenteuer wird die Redaktion dabei von der Staatlichen Geschäftsstelle "Luther 2017" unterstützt, die mit der Evangelischen Kirche in Deutschland verbunden ist. Interessant wird deshalb zu beobachten sein, wie das "Mosaik" mit der Figur Luther und seinem Wirken umgeht - bei aller Vereinfachung, die eine Darstellung für Kinder mit sich bringt. Zudem erhebt das Team den Anspruch, den Lesern die Epoche nahe zu bringen. Denn diese bestand nicht nur aus dem theologischen Streit um den rechten Glauben, sondern auch aus dem Alltagsleben. Dazu gehörten etwa der Ablasshandel des Johann Tetzel, bei dem man sich von Sünden freikaufen konnte, aber auch die Bergbautradition im heutigen Sachsen-Anhalt. Beides wird im ersten Heft der neuen Serie thematisiert.

Luthers Vater arbeitete im Bergbau

Die historische Korrektheit, die sich die Heftserie auf die Fahnen schreibt, ist dabei sicherlich eine Herausforderung. Denn mit der Reformation änderte sich nicht plötzlich die Gesellschaft - das mittelalterliche Denken war dafür zu tief in der Bevölkerung verwurzelt, was viele Widersprüche verursachte. Zudem ist Theologie seit jeher ein sensibles Gebiet, das schnell Streit hervorrufen kann. Eine gewisse Erfahrung mit religiösen Ereignissen hat das "Mosaik"-Team immerhin: Erst vor wenigen Jahren waren die Abrafaxe im mittelalterlichen Jerusalem Zeuge der Gründung des Templerordens, später trafen sie etwa die Theologen Albertus Magnus und Thomas von Aquin.

Auch in der neuen Serie will der Comic komplexe Ereignisse und soziale Veränderungen mit einer gehörigen Prise Humor und Slapstick darstellen. Im ersten Heft gelingt das ganz gut, denn es beinhaltet neben lustigen Stellen etliche verborgene Verweise auf Luther: Die Abrafaxe landen ausgerechnet im vom Kupfer- und Silberbergbau geprägten Mansfeld, wo Luther einen Teil seiner Kindheit verbrachte und sein Vater im Kupferschieferbau tätig war. Von hier bis zum Thesenanschlag in Wittenberg war es ein weiter Weg für den Reformator. Die Abrafaxe und ihre Begleiter werden diesem Weg in den kommenden Monaten folgen, bis im Jahr 2017 weltweit des 500. Jahrestags der Reformation gedacht wird.

Das erste Heft der neuen Serie, Mosaik 483: "Der den Teufel an die Wand malt“ (52 Seiten, 3,40 Euro), ist bereits im Zeitschriftenhandel erhältlich. Das Folgeheft erscheint am 30. März.

Quelle: n-tv.de

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