Jones, Clapton und Winwood:Die "Holy Trinity” des Britblues
Gott ist Eric Clapton nicht. Aber vielleicht sind Paul Jones, Clapton und Steve Winwood so etwas wie die Heilige Dreifaltigkeit des Britblues.
Gott ist Clapton natürlich nicht, wie eines der berühmtesten Graffitos der Welt suggeriert. Aber einer der begnadetsten Rockgitarristen aller Zeiten ist er ganz gewiss. Ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen dazu, der gern einmal bei anderen mit- oder mit anderen zusammenspielt. Die Liste ist lang und hier nur unvollständig: Beatles, George Harrison, B. B. King, J. J. Cale … Nun also mit Steve Winwood und Paul Jones.
Beide sind – wie Clapton – Urgesteine des britischen Blues, unverdienterweise aber unterschiedlich erfolgreich. In Alexis Korner’s Blues Incorporated war Jones mit Brian Jones eines der Multitalente, schlug dessen Angebot für den Gesangs- und Mundharmonikapart bei den Rolling Stones aber aus, ging stattdessen zu den Mann Hugg Blues Brothers, die später als Manfred Mann reüssierten und nach anfänglich blueslastigem Beat ins Poppige wechselten. Jones’ anschließende Solokarriere dauerte nur kurz. Die Blues Band, der er seit 1980 als Sänger und Harp-Spieler vorsteht, ist Spitzenklasse, aber nur für eine kleine Fangemeinde. Nach drei Jahren der Stille hat Paul Jones jetzt noch einmal von vorn angefangen, wie der Titel seines Longplayers suggerieren will. Das mag er so empfinden, der Hörer wird’s anders sehen. Jones knüpft da an, wo er 2006 mit der Blues Band aufgehört hat. Blues reinsten Wassers, ohne Schnörkel, geradeaus, unprätentiös, anspruchsvoll. Er hat diese leicht angekratzte Stimme, die für die Interpretation der Schwermutsmusik unerlässlich ist, gleich ob schwarz oder weiß. Und er ist ein begnadeter Harp-Spieler, der von exzellenten Musikern begleitet wird, prominenten dazu. Dem Verkauf der Scheibe förderlich wäre gewesen, Percy Sledge auf dem Cover zu erwähnen, mit dem Jones in Gestalt von "Big Blue Diamonds" eine brillante Soulnummer hinlegt. Auch Eric Clapton hätte sich wohl ganz gut gemacht, der bei "Starting All Over Again" und "Choose Or Cop Out" mit von der Partie ist. Dass Jones auch ein guter Songwriter ist, stellt er beim letzteren der beiden Songs ebenso unter Beweis wie bei "When He Comes", wo er als Co-Autor firmiert. Bemerkenswert ist Jones' Version von Van Morrisons "Philosopher’s Stone", die dem Original in Nichts nachsteht.
Steve Winwood und Eric Clapton covern gewissermaßen sich selbst. ”Live From Madison Square Garden” ist opulentes Zeugnis der Reunion zweier ganz Großer des britischen Blues/Bluesrock. Beide hatten Ende der Sechziger schon bei Blind Faith zusammengespielt, einer Supergroup, die an den eigenen Ansprüchen und dem Ego ihrer beiden wichtigsten Mitglieder zerbrach. Aus jener Zeit stammen "Had To Cry Today", "Presence Of The Lord" und "Can't Find My Way Home", die heut’ so umwerfend klingen wie dereinst. Unvergänglich die Version von Buddy Hollys "Well All Right", die Blind Faith damals und jetzt wieder zu einem sehr eigenen Stück werden ließen/lassen und sich dabei doch tief vor einem der großen Fünf des Rock ‚n’ Roll verbeugen. Tiefer Respekt vor einem der Väter des Blues wird bei Robert Johnsons "Rambling On My Mind" sichtbar. Gleiches gilt für die Interpretation des Klassikers "Georgia On My Mind". Was wäre der zeitgenössische Rock ohne einen J.J. Cale? Clapton/Windwood erweisen dem stillen Mann aus Tulsa/Oklahoma gleich dreimal ihre Referenz: "Low Down" ist klassischer Rock ‚n’ Roll, mit "After Midnight" und "Cocaine" aus Cales Feder hatte Clapton in der Vergangenheit bekanntlich Riesensoloerfolge erzielt. Mut wird sichtbar, wenn sich Master Steve und Master Eric an Jimi Hendrix heranwagen. Der Mut hat sich gelohnt. Schon "Little Wing" ist ein Zuckerstückerl, die 16 Minuten und 23 Sekunden lange Fassung des legendären "Voodoo Chile" gerät zur ultimativen Hommage an Hendrix, der seine Freude daran gehabt hatte. Gleichwohl hätte es etwas weniger Keyboard sein können.
Gott ist Clapton, wie gesagt, nicht. Aber vielleicht sind Jones, Clapton und Winwood so etwas wie die Heilige Dreifaltigkeit des Britblues.
Eric Clapton/Steve Winwood: "Live From Madison Square Garden", 2CD, Reprise/Warner
Paul Jones: "Starting All Over Again", CD, Crs/in-akustik