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NPD-Unterstützerinnen 2009 in Borna.
NPD-Unterstützerinnen 2009 in Borna.(Foto: REUTERS)

"Bieder, tätowiert oder alternativ": Die nette Nazi-Frau von nebenan

von Solveig Bach

Der deutsche Rechtsextremismus ist längst keine reine Männerdomäne mehr. Die Aufgaben der Frauen bei den Neonazis sind höchst unterschiedlich: Sie reichen vom reinen Platzhalter für Männer über den Türöffner im Gemeindeleben bis hin zu Frauenkameradschaften.

Beinahe unbemerkt wird die rechtsextreme Szene weiblicher. In der NPD gibt es schätzungsweise schon 23 Prozent weibliche Mitglieder, bei den Kameradschaften sind es rund 20 Prozent. Tendenz steigend. "Bei Veranstaltungen übernehmen Frauen schon Führungspositionen und sagen den Männern bereits, was sie zu tun haben", sagt Andreas Speit n-tv.de. Mit der rechtsextremen Szene beschäftigt sich der Journalist schon länger, dabei ist ihm aufgefallen, dass in den Kommunalparlamenten verstärkt Frauen für die NPD sitzen, und auch "auf der Straße reihen sie sich vermehrt bei den Kameradschafts-Aufmärschen ein".

Das Buch von Andreas Speit und Andrea Röpke ist im Christoph Links-Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro.
Das Buch von Andreas Speit und Andrea Röpke ist im Christoph Links-Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro.

"Rechtsextreme sind in unserer Vorstellung meist männlich, dumm und gewaltbereit", sagt der Experte, der zusammen mit Andrea Röpke ein Buch über Frauen in der Neonazi-Szene geschrieben hat. "Deshalb realisieren wir oft gar nicht, dass die nette Frau, die sich da so engagiert, rechtsextrem denkt." Die Motive, aus denen sich Frauen für den Rechtsextremismus engagieren, seien vielfältig. Monokausale Zusammenhänge könne man da kaum herstellen.

"Viele Frauen wenden sich der Szene zu, weil sie eben genau so rechtsextreme Einstellungsmuster haben wie die Männer. Manche fühlen sich auch von besonderen Attributen dort angezogen, wie der Tatsache, dass das Muttersein sehr hofiert wird. Junge Mütter versucht die Szene auch sehr zu umgarnen. Die Frauen können in der rechtsextremen Weltsicht so auch als Hüterin des 'biologischen Erbes' eine persönliche Aufwertung erfahren."

Emanzipation ist nicht vorgesehen

Dabei hat sich am Frauenbild der Rechtsextremen nicht viel verändert. "Zum einen können sie sich durch politisches Agieren für die 'nationale Sache' engagieren. Zum anderen können sie sich für das deutsche Volk einsetzen, indem sie deutsche Kinder gebären. Beides wird mittlerweile in der Szene zugelassen. Allerdings, das bestätigen uns auch Aussteigerinnen, spätestens mit Mitte 20 wird Frauen die Frage drängender gestellt, wann sie denn Kinder bekommen wollen."

Das kleine Dorf Jamel bei Wismar gilt als völkisches Siedlungsprojekt.
Das kleine Dorf Jamel bei Wismar gilt als völkisches Siedlungsprojekt.(Foto: picture alliance / dpa)

Zunächst erobern die Frauen mehr Handlungs- und Rollenmodelle. Das geht in der männerdominierten Szene nicht ohne Konflikte ab. "Einige Frauen, die beispielweise bei Kommunalwahlen mehr Stimmen als die Männer bekommen haben, traten dann plötzlich für NPD-Männer zurück", berichtet Speit. "In manchen Bundesländern, wie in Mecklenburg-Vorpommern ist die NPD sehr stolz darauf, dass in den Leitungsgremien keine Frau politisch aktiv ist. In anderen Landesverbänden der NPD betont man sehr, dass Frauen sich auf der kommunalen Ebene für die Partei im Alltag, im Vereinsleben, in den Sportvereinen oder in Elterninitiativen engagieren sollen." Bei den Kameradschaften ist die Situation nicht viel anders. "Bei vielen Aufmärschen haben Frauen in den ersten Reihen nichts zu suchen. Eigene Frauenkameradschaften werden aber auch akzeptiert."

Für die Umsetzung bestimmter Ideen sind die Frauen unerlässlich, beispielsweise für völkische Siedlungsprojekte, die vor allem in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung einen Aufschwung erlebten. "Dort wo sie auf ein politisches Vakuum stießen, gelang die Ansiedlung mit Akzeptanzgewinnung oft gut. Diese Projekte können aber nur mit den Frauen umgesetzt werden. Ohne deren Willen, das familiäre Leben in einer völkischen Parallelwelt auszugestalten, geht es nicht."

Gespräch über den Gartenzaun

Bei den Treffen der Heimattreuen Deutschen Jugend ging es nationalsozialistische Indoktrination. Inzwischen ist die Organisation verboten.
Bei den Treffen der Heimattreuen Deutschen Jugend ging es nationalsozialistische Indoktrination. Inzwischen ist die Organisation verboten.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Allerdings fällt die zunehmende Präsenz der Frauen auch mit einer anderen Entwicklung in der NDP zusammen. "Seit Udo Voigt die Führung der NPD übernommen hat, versucht die Partei verstärkt, soziale Themen aufzugreifen und eine kommunale Verankerung aufzubauen. 'Vor Ort siegen' ist das Motto, mit dem sie sich im alltäglichen Stadtteil- und Gemeindeleben einbringen, um nett, hilfsbereit und letztlich wählbar zu erscheinen."

Speit sieht dabei nicht unbedingt eine Instrumentalisierung der Frauen. Vielmehr ergänzten sich zwei zusammenfallende Trends. "Durch das immer noch sehr verbreitete klassisch-gesellschaftliche bestehende Geschlechter- und Rollenverständnis fällt es den rechten Frauen hier leichter, schnell Kontakt und Akzeptanz zu finden. Quasi über das Gespräch im Kindergarten, was heute gekocht werden soll, oder über den Gartenzaun, wie die Blumen so wachsen." Manchmal merken die Beteiligten an einer Kindergartengründung oder im Sportverein erst mit erheblicher Verspätung, wes Geistes Kind die Mitstreiter sind. "In vielen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Bewegungen wirken inzwischen Rechtsextreme mit. Auch bei alternativ anmutenden Lebensideen wie ökologischem Bauen, biodynamischer Landwirtschaft oder selbstorganisierten Waldkindergarteninitiativen. Wir sollten uns dringend von unseren Klischeevorstellungen verabschieden. Besonders rechte Frauen unterlaufen ganz geschickt unsere Vorstellungen und Erwartungen."

Der Lifestyle wird vielfältiger

Speit war erschrocken darüber, wie geschickt die Rechtsextremen mit unseren Klischees spielen.
Speit war erschrocken darüber, wie geschickt die Rechtsextremen mit unseren Klischees spielen.

Man könne schon lange nicht mehr sagen, es gebe diesen Typ Frau und genau diese Position für sie in der rechtsextremen Szene. Speit befürchtet, dass "diese Ausdifferenzierung die Attraktivität der Rechtsextremen steigen lässt". Das Angebot von Aktionsformen, Organisationsmöglichkeiten und auch Lifestyle werde immer vielfältiger und damit auch anziehender. "Mann oder Frau muss nicht zu Parteirede-Runden gehen, sondern kann auch zu Konzerten kommen. Sie müssen nicht in die NPD eintreten, um 'national' handeln zu können." Selbst die Kleidung tauge kaum noch als Erkennungsmerkmal. "Rechte Frauen können ganz bieder gekleidet kommen, völlig tätowiert auflaufen oder sehr alternativ erscheinen. Mit ihrem Erscheinungsbild und Auftreten sprechen sie wiederum ganz unterschiedliche Frauen an, die vielleicht eine der anderen Erscheinungs- und Verhaltensformen gänzlich abgeschreckt hätten."

Die verschiedenen Aufmachungen dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frauen oft besonders linientreu seien. Sie erziehen zudem die Neonazis von morgen, und das nicht nur in der eigenen Familie. Rechtsextreme Frauen arbeiten gern im Sozialbereich und engagieren sich in Kindertagesstätten. "Die NPD, die Szene denkt da sehr langfristig, und eine leise Frauenstimme sollte nicht über den gefährliche Gesinnung hinwegtäuschen."

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Quelle: n-tv.de

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