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Was nicht im Geschichtsbuch steht: Hipster waren auch im Zweiten Weltkrieg. Vermutlich.
Was nicht im Geschichtsbuch steht: Hipster waren auch im Zweiten Weltkrieg. Vermutlich.(Foto: Kate Beaton / Zwerchfell Verlag)
Donnerstag, 02. April 2015

"Obacht! Lumpenpack": Diese obskure Person der Geschichte

Von Markus Lippold

Kate Beaton hat ein Herz für die vergessenen Helden der Geschichte. Und sie hat sehr viel Humor. Das sind beste Voraussetzungen für ihr Buch "Obacht! Lumpenpack". Wenn man mit Ironie und schwarzem Humor klarkommt.

Haben die schreibenden Brontë-Schwestern eigentlich über Männer gelästert? Was, wenn es Charlies Schokoladenfabrik gar nicht gäbe, wohl aber eine fabelhafte Rübenfabrik? Was haben die Suffragetten mit "Sex and the City" am Hut? Und waren die Tudors wirklich so sexy, wie uns das Fernsehen suggeriert?

Geschichtsvermittlung im Fernsehen? Klar, aber sexy muss es schon sein.
Geschichtsvermittlung im Fernsehen? Klar, aber sexy muss es schon sein.(Foto: Kate Beaton / Zwerchfell Verlag)

Schon auf den ersten Seiten des Comics "Obacht! Lumpenpack" gibt Kate Beaton die Marschrichtung vor: Sie schaut hinter die Kulissen, nimmt das überlieferte Geschichtsbild auseinander und macht sich über alle historischen und literarischen Figuren lustig, die ihr unter den Zeichenstift kommen. Damit hat sie großen Erfolg. Die Kanadierin betreibt einen erfolgreichen Comic-Blog mit Millionen Lesern. Für die Buchausgabe ihrer Strips erhielt sie zudem mehrere renommierte Preise. Nun erscheint die deutsche Version des Werks, das mehr als 200 Strips enthält, in schöner Aufmachung im Zwerchfell Verlag.

Mit den Comicstrips hat Beaton die ideale Form gefunden, um ihren Witz rüberzubringen. Aus schwarzem Humor, subtilen Anspielungen oder albernen Zoten zaubert sie Pointen hervor, die meist den Nagel auf den Kopf treffen. Dabei entzaubert sie einerseits historische und literarische Persönlichkeiten, spitzt weltbewegende Ereignisse auf einen absurden Aspekt zu, hält aber auch immer wieder der digitalisierten Medienwelt den Spiegel vor.

Hamlet, der Trauerklops - Beatons Spezialität ist es, historische Stoffe ironisch wiederaufleben zu lassen.
Hamlet, der Trauerklops - Beatons Spezialität ist es, historische Stoffe ironisch wiederaufleben zu lassen.(Foto: Kate Beaton / Zwerchfell Verlag)

So geht es in den Strips um Sherlock Holmes, der den alten Watson durch eine dümmere, aber unterhaltsamere Version ersetzt. Man sieht Robinson Crusoes Abenteuer aus der Sicht von Freitag. Es geht um das, was wirklich bei Hamlet passierte, um die Fanpost, die Jules Verne an Edgar Allen Poe schrieb und Hipster im Zweiten Weltkrieg. Es geht um historische Gestalten, die bei Beaton ganz gewöhnlich sind und sich danebenbenehmen - und die damit unsere Klischees vom historischen Heldentum unterlaufen. So vielfältig diese Themen sind, so bunt zusammengewürfelt tauchen sie auch im Buch auf.

Die unbekannten Helden der Geschichte

Im Mittelpunkt stehen aber ohnehin die verkannten und vergessenen Helden. "Man hört eine Geschichte und denkt: Warum habe ich darüber nichts in der Schule gelernt?", fragt sich Beaton im Gespräch mit n-tv.de. "Ich setze mich für diese Menschen ein, weil ich glaube, dass Geschichte auf einer sehr persönlichen Ebene wahrgenommen wird. Man sucht sich seine persönlichen Helden aus."

Beatons Heldinnen und Helden stehen schon mal fest: Rosalind Franklin hatte großen Anteil an der Erforschung der menschlichen DNA, doch als Frau wurde ihre Leistung lange unterbewertet. Ähnlich erging es der britischen Mathematikerin Ada Lovelace oder der Schriftstellerin Zelda Fitzgerald. Auch der Erfinder Nikola Tesla kommt zu Comic-Ehren, dessen wissenschaftliche Leistung lange vom Ruhm Thomas Edisons überstrahlt wurde.

Rosalind Franklin wurde von Kollegen nicht erstgenommen, dabei leistete sie einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der DNA.
Rosalind Franklin wurde von Kollegen nicht erstgenommen, dabei leistete sie einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der DNA.(Foto: Kate Beaton / Zwerchfell Verlag)

Dass diese Personen nun eine späte Würdigung erfahren, ist für Beaton Ausdruck eines neuen Geschichtsbildes. "Die historischen Helden heutzutage sind anders als in der Vergangenheit. Sie sind differenzierter, interessanter", erklärt sie. "Man achtet heute viel mehr auf die Sachen, die nicht in den Schulbüchern stehen." Wenn das Wissen aus herkömmlichen Geschichtsbüchern die A-Seite einer Single ist, dann liefert Beaton die B-Seite: die Rarität, die so viel Spaß macht, weil sie noch nicht jeder kennt, weil sie noch nicht völlig ausgenudelt ist. "Die B-Seite ist der Hit", stellt Beaton fest.

Stets nähert sie sich ihren Themen ironisch an. Typisch kanadisch, könnte man sagen. "Kanada ist zwar ein Nachbar der Vereinigten Staaten", sagt sie. "Aber eigentlich sind wir enger mit Großbritannien und seinem Humor verwandt. Deshalb sind wir sehr ironisch, manchmal bis zur Schmerzgrenze." Ihr Humor passt zur heutigen Zeit, er passt zur Generation Internet wie die kurzen Comicstrips mit ihren Pointen zu Twitter passen. Nicht zuletzt sind Beatons Themen oft in der Popkultur verwurzelt - kein Wunder, dass sie so erfolgreich ist.

Begeistert von Monty Python

"Obacht! Lumpenpack" ist bei Zwerchfell erschienen, 168 Seiten im Halbleinen-Hardcover, 24 Euro.
"Obacht! Lumpenpack" ist bei Zwerchfell erschienen, 168 Seiten im Halbleinen-Hardcover, 24 Euro.

Es verwundert aber auch nicht, dass Beaton Monty Python zu ihren Einflüssen zählt. Sie war um die elf Jahre alt, als sie die Komikertruppe erstmals sah - und war sofort begeistert: "Da gab es viel Nonsens, aber die Pythons waren auch sehr klug." Diesen Ansatz verfolgt auch Beaton. Wenn sie sich über "Sturmhöhe" von Emily Brontë lustig macht oder über Shakespeares Macbeth, kann man sich sicher sein, dass sie sich mit den Werken beschäftigt hat. "Selbst wenn der Witz am Ende sehr albern ist, sollte man über das Thema Bescheid wissen", erklärt Beaton, die selbst Geschichte und Anthropologie studiert hat.

Für deutsche Leser allerdings sind die Strips hier und da unverständlich, wenn es um kanadische Geschichte und Politik geht. Oder um britische Romane, die dort jedes Schulkind kennt. Aber wie schreibt Beaton so schön im Vorwort: "Sollten Sie also nach der Lektüre dieser Comics das eine oder andere gelernt haben oder nachgeschlagen haben, so bin ich mehr als zufrieden!" Aber das ist ja der Sinn eines Geschichtsbuchs, und das ist "Obacht! Lumpenpack": das lustigste Geschichtsbuch, das man kriegen kann. Ein Buch voller großartiger B-Seiten.

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Quelle: n-tv.de

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