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Der Anblick eines roten Kleides erweckt Sehnsüchte in "Kant und das kleine rote Kleid".
Der Anblick eines roten Kleides erweckt Sehnsüchte in "Kant und das kleine rote Kleid".
Samstag, 14. Oktober 2017

Exzess, Burka, Flucht: Drei Frauenleben in Frankreich

Ehrengast Frankreich bringt zur Messe viele Bücher mit. Wie diese: Eine Namenlose wird solange prostituiert, bis sie sich in ein Schwein verwandelt. Eine andere wird mit einem Schleier verhüllt. Eine dritte erleidet Schiffbruch.

Eine schweinische Satire

Wagenbach Verlag, 160 Seiten, 12,00 Euro
Wagenbach Verlag, 160 Seiten, 12,00 Euro

Im Kosmetiksalon war es schön. Ein guter Job. Es duftete gut und sie erhielt viele schöne Pröbchen. Die Kunden waren begeistert. Besonders die männlichen. Sie sah aber auch derzeit besonders gut aus, so prall und rosig. Und sie erfüllte wirklich alle Wünsche der Kunden in den Behandlungszimmern. Ihr Chef war sehr zufrieden mit ihr. Wenn nur nicht diese Gelüste wären. Diese Sehnsucht nach Pfützen und Natur. Und was würden ihre Verehrer denken, wenn sie wüssten, dass sie die Blumen aß und nicht das Konfekt?

"Manche Menschen wird diese Geschichte sicher verstören. Ich bitte jeden, der sich unter Umständen schockiert fühlt, mir dies freundlicherweise nachzusehen." So beginnt der Roman von Marie Darieussecq über eine junge, namenlose Frau, die sich in ein Schwein verwandelt. Je unmenschlicher die Gesellschaft sie behandelt, desto mehr kommt das Borstentier heraus. Der bereits 1994 erschienene kafkaeske Roman sei eine "Metapher an unsere Welt, die heutzutage auch noch der reinste Saustall sei", sagte die Autorin damals. Sie hat immer noch Recht. Und auch wenn der Erzählton naiv ist - die Warnung zu Beginn sollten Leser ernst nehmen. (sla)

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Verbotene Sehnsucht

Pendo Verlag, 96 Seiten, 12,00 Euro
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Sie war dazu geboren, das schwarze Kleid zu tragen. Auch wenn ihr Mann gelogen hatte, als er ihr ein besseres Leben in der Fremde versprach. Doch was konnte sie tun? Sie gehörte ihm. Sie hatte zu verstummen hinter dem Schleier, sie hatte keine Wünsche, keine Sehnsüchte zu haben. Und die Sehnsucht nach diesem roten Kleid, die musste eine Sünde sein. Genauso eine Sünde wie der Blick in das Buch, das jemand im Hausflur hatte liegen lassen.

Es braucht manchmal nicht viel, um den Wunsch nach einem anderen Leben zu wecken. In Lamia Berrada-Bercas schmalen Roman reicht der Blick in ein Schaufenster und einige zunächst unverständliche, aber tief berührende Worte von Kant, um die Möglichkeiten eines neuen Lebens aufzuzeigen. Mit wenigen, aber um so poetischeren Worten entwirft die französischen Autorin mit marrokanischen Wurzeln eine beengende Welt, in der eine junge Frau gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter zu einer innerlichen Reise aufbricht – und am Ende auch einen Namen bekommt. Ein zarter, aber kraftvoller Protest für alle Frauen, die unter Schleiern verborgen werden. (sla)

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Letzter Gedankenstrom

Eichborn Verlag, 254 Seiten, 22,00 Euro
Eichborn Verlag, 254 Seiten, 22,00 Euro

"Das Leben ist nicht immer eine Frucht in Rosenwasser, essigsauer, salzig, bitter und süß zugleich, zu leben heißt, und da gibt es kein Vertun, dieses Mischmasch zu kosten", sagt Connaît-Tout zu seiner 17 Jahre alten Tochter Anguille und warnt sie vor den Gefahren der Liebe. Dieser Satz fällt Anguille wieder ein, als sie bei dem Versuch, von Afrika nach Frankreich zu gelangen, hoffnungslos in den Fluten des Meeres umhergespült wird. Die Protagonistin in Ali Zamirs Roman "Die Schiffbrüchige" rekapituliert in einem unterbrochenen Gedankenstrom die Flucht vor der Enge ihres Lebens mit Familie, Schule und dem Scheitern der ersten Liebe.

Die junge Frau lebt mit ihrem Vater und ihrer Zwillingschwester Crotale auf der Insel Anjouan nordwestlich von Madagaskar. Jeden Morgen fährt Connaît-Tout mit seinem Fischerboot auf das Meer hinaus, Crotale schwänzt die Schule und verbringt stattdessen die Zeit mit Freunden. Anguille geht indes auf das Gymnasium und kümmert sich um den Haushalt - bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich in den jungen Fischer Vorace verliebt. Er verführt sie und Anguille beginnt, dem Muster ihrer Schwester zu folgen: Sie raucht und trinkt, hat Sex und schwänzt die Schule.

Zamir gelingt es, die letzten Gedanken seiner Protagonistin realistisch in Worte zu fassen. Anguilles Ausführungen über ihr Leben springen zwischen verschiedenen Szenen, Personen und Begebenheiten hin und her. Eine stringente Erzählung darf man bei "Die Schiffbrüchige" nicht erwarten - ebenso wenig wie Satzzeichen. Ungebremst prasseln die Rückblicke der jungen Frau auf die Leser ein und reißen sie mit in die Fluten. (lsc)

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Quelle: n-tv.de

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