Unterhaltung

"Im Bett mit Amazon": Ein Autor vermarktet sich selbst

Von Peter Poprawa

"Wir leben in einer Zeit des kulturellen Kannibalismus. Was wir dabei neu erschaffen, ist spannender denn je." Das sagt der Autor Ralph Findeisen. Er plaudert über E-Books, ein CD-Revival und seinen aktuellen Roman - einen Krimi, den man sich downloaden muss. Wie das geht? Ganz einfach!

Ralph Findeisen
Ralph Findeisen(Foto: Ralph Findeisen)

"Potsdam, Brandenburger Straße, Wist. Der Literaturladen, 20 Uhr". Carsten Wist, Buchhändler mit kleinem, feinem Laden in bester Einkaufslage, lädt zur Lesung. All die Großen waren schon da: Martin Walser, Paul Auster, Toni Morrison, Imre Kertész, Herta Müller, Harry Rowohlt, Ursula Krechel. Ein Literaturladen als Bücherort und Lesebühne. Eingeladen hat Wist in den Salon. Einen Raum über dem Laden. Hier werden gute alte Traditionen gepflegt: Lesen, Autoren zuhören, Bilder anschauen, reden, Kaffee trinken, Wein trinken, noch mehr reden - hoch über allem, aber nicht abgehoben.

Der Laden ist gut gefüllt. Wist öffnet eine Flasche Perrier, knipst die Bauhauslampe an und tritt ans Pult. Über seinen Autor heute Abend freue er sich ganz besonders: Ralph Findeisen, Jahrgang 67, Kunst- und Kulturphilosoph, Romancier. "Findeisen veröffentlichte im Wiener Passagen Verlag, zuletzt seinen Essay 'Post Desaster'", leitet Wist den Leseabend ein und erzählt allerlei Erbauliches aus dem Leben des Autors. Als dieser den Raum betritt, sich hinter den Lesetisch setzt und das Kindl aus der Aktenmappe zieht, huscht ein Grinsen über die Gesichter der Besucher. Hat sich Wist den Beelzebub ins Haus geholt?

Findeisen verneint das. Natürlich sei es ist an der Zeit, dass es 600 Jahre nach Gutenberg ein neues Lesemedium geben muss.  Der Markt strukturierte sich permanent neu, aber die Erfahrung der letzten Jahre habe gezeigt, das kaum ein Medium wegfällt. "Papierbücher werden bleiben. Vor allem jene Schönen, die man gerne zur Hand nimmt."

Ein E-Book kann auf Lesegeräten wie dem Kindl, auf Smartphones, PCs oder Tablets geladen und wie ein Buch jederzeit, an jedem Ort gelesen werden. Und doch ist es anders, moderner eben. Zeitgemäßer. Gute E-Reader sind ein Verkaufsschlager. Sie sind meist leichter als ein Taschenbuch und haben ein Speichervolumen von weit über 1000 Büchern. Wer sich entscheidet, sein Lesegerät bei Amazon zu kaufen, bekommt neben einem Angebot von rund 200.000 eBooks sogar noch Tausende Klassiker kostenlos dazu.

Rechtzeitig mit einer guten Idee einsteigen 

Findeisen (M.) bei einer Podiumsdiskussion in "Halle 14" in der Leipziger Baumwollspinnerei (2010).
Findeisen (M.) bei einer Podiumsdiskussion in "Halle 14" in der Leipziger Baumwollspinnerei (2010).(Foto: Denis Bury)

"Alles erfindet sich neu und wird spannender. Es gibt jetzt sogar ein CD-Revival obwohl viele Menschen nicht einmal wussten, dass die CD schon mal tot war", sagt Findeisen, der an diesem Abend aus seinem aktuellen Roman "Wiedersehen in der Bretagne" liest. Verlegt hat er dieses wie zwei weitere Bücher im Eigenverlag. Veröffentlich werden sie als E-Book bei Amazon. Damit steht der Autor nicht alleine da, es gibt wohl Tausende Autoren, die ihre Werke als E-Books veröffentlichen. Meist sind dies Ratgeber-Stücke oder andere zielgruppenrelevante Schriften. In der Masse der Autoren hat er ein Alleinstellungsmerkmal: er veröffentlicht als Kunst- und Kulturphilosoph wie auch als Romancier. Neben seinen Romanen sind demnach auch die schwerer verdaulichen Texte im Internet zu finden.

Gleichwohl merkt er an, dass es ein "zweischneidiges Schwert" sei, mit "Amazon ins Bett zu gehen". Die Veröffentlichung im Eigenverlag schüre häufig das Vorurteil, es selbst nicht in die Verlage geschafft zu haben. "Da ist sogar manchmal was dran", gesteht der 45-Jährige. So sei er mit "Wiedersehen in der Bretagne" beim Ullstein-Verlag gescheitert, obgleich die Verhandlungen dort schon sehr weit gediehen seien. Er ging zunächst davon aus, die Geschichte im Softcover-Bereich zu veröffentlichen. Dies wurde vom Verlag abgelehnt. Der Verlag stufte seinen Roman sogar qualitativ höher ein, also in den teureren Hardcover-Bereich. Dort müsse man sich aber gedulden, so der Autor. Manchmal würden die Bücher je nach Inhalt jahreszeitengemäß veröffentlicht, das heißt beispielsweise, keine Weihnachtsbücher im Frühling. Dann gebe es manchmal gezielte Veröffentlichungen vor Messen oder geschichtlichen Ereignissen. Oftmals führen minimale strategische Entscheidungen zu einer möglichen Ablehnung. Sicherlich hätte der Autor nacharbeiten und einen neuen Anlauf unternehmen können. Oder weitere Verlage abklappern. Das ist nichts Ehrenrühriges, das haben auch Ursula Krechel und Joanne K. Rowling erlebt.

Ein einträgliches Geschäft

Das eBook-Cover von "Wiedersehen in der Bretagne".
Das eBook-Cover von "Wiedersehen in der Bretagne".(Foto: Ralph Findeisen)

"Ich wollte das aber nicht erleben", erzählt Findeisen, dem damit die Idee zur Veröffentlichung als E-Book kam. Zunächst einmal musste ein Cover her. Da ist es irrelevant ob hart oder weich.  Anschließend wird ein Covertext verfasst und eine Kurzbiografie erstellt. Dann geht der Autor den Vertrag mit Amazon ein und lädt das Buch von seinem Rechner auf den Amazon-Server. Von den Verkaufserlösen gehen 70 Prozent an den Autor, den Rest streicht Amazon ein.

Die eigentliche Schwierigkeit beginnt aber erst nach der Veröffentlichung, denn woher sollen mögliche Interessenten wissen, wer was geschrieben hat? "Manchmal braucht es vielleicht nur ein Jahr, um ein gutes Buch zu schreiben und noch einmal eine enorme Energieleistung, um die PR in Gang zu bringen." Das könne gegenüber Verlagen aber auch ein Vorteil sein. Denn oft lässt die Aufmerksamkeit schnell nach, wenn es sich nicht um einen Bestseller handelt.

Man kann tatsächlich Geld mit der Eigenvermarktung verdienen. Nicht selten kann ein Autor Hunderttausend Abrufe auf sein E-Book verzeichnen - bei einem möglichen Gewinn von drei bis vier Euro das Stück.

Ralph Findeisen hat seine Erfahrungen gemacht mit dem Eigenverlag. Seine weiteren Romane "Supernova" und "Die Reise des Victor Hellenwege" hat er als E-Books nachgeschoben. Von Amazon erhält eine Abrechnung mit den monatlichen Verkaufszahlen. "Ein einmal veröffentlichtes Buch kann noch viele Jahre danach als E-Book verkauft werden." Man dürfe sich aber nichts vormachen, dahinter stehe die harte und professionelle Arbeit eines Autors, der mehrere Stunden täglich zum Schreiben aufwenden müsse. Hinzu kommen Lesungen wie bei "Wist" oder für den Passagen Verlage im Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse.

Oder Zeit zum Reisen, wie nach Frankreich, dem Handlungsort des aktuellen Romans. Mal eine Woche in der Bretagne, wo der Duft des Meeres nach Erinnerung schmeckt und die Figuren der Erzählung wie Schaumgeborene den Wellentürmen des Atlantiks entsteigen.

Mit dem Fragment "Was machst du hier? Steph? …" beendete Findeisen nach gut einer Stunde seine Lesung und ließ ein gespanntes Publikum zurück, das durch verschiedene Erzählebenen und Genres reiste und noch viel mehr hören wollte. Nach dem Applaus schlägt dann doch noch die Stunde des Buchhändlers, als Carsten Wist das Publikum feixend zur Signierstunde mit dem Autor einlädt.

Quelle: n-tv.de

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