Unterhaltung

Märchen trifft bittere Realität: Ein Mädchen sucht Wärme

Von Katja Sembritzki

Überlebenskampf in einer Überflussgesellschaft: Mitten im Winter irrt ein alleingelassenes Kind auf der Suche nach Nahrung und Wärme durch eine Stadt irgendwo in Europa. "Das Mädchen mit dem Fingerhut" zwingt zum Hinschauen.

Fast 5000 sogenannte "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" gelten Anfang des Jahres alleine in Deutschland als vermisst. Eine dieser jungen Schutzsuchenden könnte Yiza sein. Sie ist "Das Mädchen mit dem Fingerhut", so der Titel des neuen Romans von Michael Köhlmeier. Wer sich durch den Titel an die Geschichte "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern" von Hans Christian Andersen erinnert, das in einer Silvesternacht auf der Straße erfriert, liegt nicht ganz falsch. Auch bei Köhlmeier geht es um ein alleingelassenes Kind mitten im Winter.

Der Roman ist bei Hanser erschienen, hat 144 Seiten und kostet 18,90 Euro.
Der Roman ist bei Hanser erschienen, hat 144 Seiten und kostet 18,90 Euro.

Ob Yiza der richtige Name der Sechsjährigen ist, bleibt unklar. Ebenso, woher sie kommt. Zu Beginn der Erzählung wird die Kleine jeden Tag von einem Mann, den sie "Onkel" nennt, auf den Markt einer Stadt irgendwo in Mitteleuropa geschickt. Dort haben die Händler Mitleid mit dem niedlichen Mädchen, es bekommt zu essen und darf sich aufwärmen.

Die Sprache der Einheimischen spricht Yiza nicht. Nur ein einziges Wort kann das Mädchen identifizieren: Sagt jemand "Polizei", fängt es laut an zu schreien - und alle Vorsätze der Erwachsenen, die Behörden über das einsame Kind zu informieren, sind vergessen.

Als der "Onkel" eines Abends nicht an der vereinbarten Stelle wartet, ist das Mädchen auf sich alleine gestellt, verirrt sich sofort in der fremden verschneiten Stadt und wird schließlich in ein Kinderheim gebracht. Aber genauso schnell, wie sie der Liebling der Betreuerin wird, bricht sie wieder aus.

Sie schließt sich zwei Jungen an. Instinktiv weiß die kleine Schicksalsgemeinschaft: Drei Kinder sind unverdächtiger als ein einzelnes. Ihr Alltag wird bestimmt von der Suche nach einem trockenen Schlafplatz, nach Nahrung und ein wenig Wärme. Die Grundregeln des Druchkommen beherrschen die drei, sie wissen, wann sie auf Mitleid setzen und wann sie flink sein müssen. Nach einem Einbruch werden sie von der Polizei geschnappt, aber Yiza gelingt erneut die Flucht.

Kinder ohne Vergangenheit und ohne Zukunft

Immer wieder kreuzen Menschen Yizas Weg, die sich um das liebreizende Mädchen kümmern wollen. Aber die Betreuerin des Kinderheims scheitert an ihrer nicht vorbehaltlosen Hilfsbereitschaft ("Weil man ihr gesagt hatte, das Kind verstehe ihre Sprache nicht, fiel es ihr besonders leicht, Gutes zu sagen"). Und die ältere Frau, die die kranke Yiza später pflegt und sie dann bei sich einsperrt, wird von einem zerstörerischen Egozentrismus angetrieben. Der Aufenthalt im Haus der Frau endet in einer Katastrophe.

Michael Köhlmeier auf der Leipziger Buchmesse.
Michael Köhlmeier auf der Leipziger Buchmesse.(Foto: picture alliance / dpa)

Köhlmeier erzählt die Geschichte in dem 140 Seiten schmalen Band aus der Perspektive von Yiza, diesem Mädchen ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, das die Sprache der Menschen um es herum nicht kennt und das nur einen Fingerhut besitzt, unter dem es eine eiternde Wunde versteckt. Diese Herangehensweise ist gewagt, denn der österreichische Autor wählt eine einfache Ausdrucksweise, einen ebensolchen Satzbau und erlaubt sich beim Wortschatz keine Extravaganzen. Und so liegt ein Hauch von Märchensound über der Geschichte, die einen teilweise fast unbekümmerten Ton anschlägt. Aber Köhlmeier gilt nicht umsonst als glänzender Erzähler. Er versteht es, gerade hinter der vordergründigen Harmlosigkeit des Textes die schonungslose Realität spürbar werden zu lassen.

Und die berührt einen umso mehr, als der Leser auf seine eigenen Empfindungen zurückgeworfen ist. Köhlmeier wertet nicht, bietet keine Lösungen an. Er zwingt zum Hinschauen, indem er einfach den täglichen Überlebenskampf beschreibt, den die Kinder inmitten einer Überflussgesellschaft führen.

Es ist ein zeitloses und universelles Thema, dem Köhlmeier sich widmet. Doch auch wenn das Wort "Flüchtlingsmädchen" an keiner Stelle fällt, liest sich der Roman als literarischer Beitrag zur aktuellen Flüchtlingsdebatte – was Köhlmeier während des Entstehungsprozesses nicht beabsichtigt hatte, wie er immer wieder betont. Ausgangpunkt der Idee zu seinem Roman waren die sogenannten "Wolfskinder", die zu Tausenden nach 1945 elternlos durch Ostpreußen streiften. Nun aber macht die politische Gegenwart das Buch noch eindringlicher, als es ohnehin schon wäre.

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Quelle: n-tv.de

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