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Dort, wo es noch Freiluft-Urinale gibt, ist die Fußballprovinz.
Dort, wo es noch Freiluft-Urinale gibt, ist die Fußballprovinz.

"Ist doch ein geiler Verein": Ein Reisebericht aus der Fußballprovinz

von Thomas Badtke

Einmal im Jahr rücken unterklassige, scheinbar vergessene Fußballvereine ins Rampenlicht - wenn der DFB-Pokal startet. Dann freut sich die geballte Fußballprovinz auf die "Großkopferten", nur um kurze Zeit später wieder in die Versenkung abzutauchen. Vereine wie Pfullendorf, Altona oder der HFC. Christof Ruf hat sie besucht, abseits des Scheinwerferlichts.

Bayern gegen Milan oder Altona 93 gegen Meiendorfer SV? Borussia Dortmund gegen Schalke oder SC Pfullendorf gegen FC Memmingen? 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach oder Hallescher FC gegen Germania Halberstadt? Neun von zehn Fußballfans würden sich bei diesen Partien wohl jeweils für das erste Spiel entscheiden, für die bekannten Namen, für die Stars auf dem Rasen, für die Rundumversorgung in den Mehrzweck-Arenen. Aber es gibt halt auch immer diesen einen Fan, der sich für Altona gegen Meiendorf, Pfullendorf-Memmingen oder Halle gegen Halberstadt entscheidet - und damit für das Bier mit Alkohol und die Bratwurst vom Holzkohlegrill, für das unüberdachte Stadion, das seine besten Tage längst hinter sich hat, eben für den Charme der Unterklassigkeit.

Dieser eine entscheidet sich für den wahren Fußball. Er wählt das ursprüngliche Spiel, nicht das Drumherum-Tamtam. Er will stehen, statt sich in zu kleine Plastikschalen zu setzen. Er will den Rasen oder die Asche riechen. Er will den Himmel sehen und den Regen auf seiner Haut spüren, statt auf ein Arena-Dach über ihm zu blicken. Er will die fußballerische Sozialromantik statt den Kommerz. Und es wird ihn immer geben, diesen einen Fan. Christof Ruf hat über "ihn" ein Buch geschrieben. Über ihn und seinen Club, seine Liebe, sein Ein und Alles. "Ist doch ein geiler Verein" heißt es.

Das Buch ist voller Fußballgeschichten abseits der großen Arenen. Es erzählt Anekdoten von dort, wo sich nur selten eine Fernsehkamera hin verirrt - wohl nur dann, wenn der Verein einmal im DFB-Pokal gegen einen Erstligisten antritt. Es fördert jede Menge verrückte Geschichten zu Tage. Geschichten, wie sie wohl nur der Fußball schreiben kann.

"Bratwurst-Rudi" aus Bayreuth

"3 im Weckla": Nicht nur in Bayreuth eine leckere Spezialität.
"3 im Weckla": Nicht nur in Bayreuth eine leckere Spezialität.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Wie die Geschichte von "Bratwurst-Rudi" aus Bayreuth, einer Stadt, wo man statt einer Original Thüringer "3 im Weckla" bestellt. Es geht um die Spielvereinigung Bayreuth und das dortige Fanmuseum. Es ist nicht ganz leicht zu finden, obwohl es direkt hinter dem Bahnhof liegt. Neben den obligatorischen Eintrittskarten unter Glas von längst vergangenen Spielen und den fein säuberlich auf Kleiderbügeln drapierten Trikots der letzten Jahrzehnte gibt es dort eben auch "Bratwurst-Rudi" zu bestaunen. Es handelt sich um die Büste einer Schaufensterpuppe im gelb-schwarzen Trikot, mit Afro-Frisur - und Original-Brusthaar-Toupet.

Das Haar hat ein Fan gespendet, damit "Rudi" auch genau wie der Original Rudolf Hannakampf aus den 1970ern Jahren aussieht. Er wollte einst unbedingt vom 1. FC Nürnberg zu den Bayreuthern gehen, so dass er sich erst selbst auswechselte und sich dann unter die Fans in eine Schlange vor dem Bratwurst-Grill stellte. Die Provokation hat funktioniert und "Bratwurst-Rudi" ist deshalb heute die Attraktion im Fanmuseum zu Bayreuth.

"Edelfan" Margot Langner

In Halle wiederum beweist Margot Langner, dass Fußballfan sein eine zeitlose Angelegenheit ist, eben eine Herzenssache. Langner ist 85 Jahre alt und statt sich mit gleichaltrigen zu Kaffeekränzchen zu treffen und sich dort über die neuesten Zipperlein auszutauschen, macht sie sich Sorgen darüber, dass der Geburtstag ihres Sohnes auf ein Heimspielwochenende der 1. HFC-Mannschaft fällt.

Hallesches Fußball-Idol Darius Wosz: Er wechselte nach der Wende zum VfL Bochum und spielte für die deutsche Nationalmannschaft.
Hallesches Fußball-Idol Darius Wosz: Er wechselte nach der Wende zum VfL Bochum und spielte für die deutsche Nationalmannschaft.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Langner fiebert mit dem gesamten Verein mit, mit der 1. Mannschaft ebenso wie mit den Jugendteams, egal ob Hallenturnier oder Vorbereitungsspiel. Die Woche ist meist komplett verplant: Heute: A-Jugend zu Hause, dann Fanclubtreffen. Morgen: 1. Mannschaft auswärts. Übermorgen: B-Jugend mit Heimspiel.

Sie kennt die guten Zeiten des Vereins, als das Kurt-Wabbel-Stadion bei nahezu jedem DDR-Oberliga-Heimspiel ausverkauft war und sie kennt die schlechten Zeiten: Nach der Wende wurde der Verein, gewissermaßen wie die DDR selbst, abgewickelt. Die besten Spieler gingen, darunter etwa ein Darius Wosz. Der Verein versank in den Untiefen der Amateurligen. Seit 1997 hat Langner einen Eiswein beiseite gestellt, den will sie erst köpfen, wenn der HFC wieder drittklassig ist. Es könnte bald so weit sein, denn Halle spielte in den vergangenen beiden Jahren eine gute Rolle in der 4. Liga.

Geil ist geil

"Ist doch ein geiler Verein" von Christoph Ruf ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und als "Fußball-Buch des Jahres" ausgezeichnet worden.
"Ist doch ein geiler Verein" von Christoph Ruf ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und als "Fußball-Buch des Jahres" ausgezeichnet worden.

Das sind nur zwei Beispiele aus Rufs Buch, die Lust auf mehr machen. Warum hat beispielsweise ein Fan bei Altona 93 seine eigene Anzeigetafel? Weshalb spielt der Hanauer FC um die Deutsche Meisterschaft? Was ist aus dem Deutschen Meister von 1907, dem Freiburger FC, geworden? Warum zählen die Fans von Göttingen 05 zu den kreativsten der Republik? Warum ist man beim SV Waldhof Mannheim stolz darauf, als Schläger und Prolet beschimpft zu werden? Wie schafften es vier Georgier in einem Auto nach Jena? Oder auch: Warum fühlt sich der SC Pfullendorf als Opfer? Und: Warum ist es bei den Stuttgarter Kickers so gemütlich?

Das sind weitere Fragen, denen Ruf in seinem beim Verlag Die Werkstatt erschienenen Buch "Ist doch ein geiler Verein" nachgeht. Mit Reportagen und Interviews wühlt er das Besondere aus der Fußballprovinz ans Licht der Öffentlichkeit und sorgt so für jede Menge kurzweiligen Lesespaß. Seine Reisen führen zum authentischen Fußball. Zum Fußball, wie er sein soll, aber nur noch selten ist. Leider.

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Quelle: n-tv.de

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