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Vor allem Morde an Kindern erschüttern die Menschen.
Vor allem Morde an Kindern erschüttern die Menschen.(Foto: picture alliance / dpa)

Von der Normalität in den Abgrund: "Es gibt das Böse doch"

2010 gab es in Deutschland 2218 Straftaten, die Mord oder Totschlag zugerechnet wurden. Hinter jeder Zahl steht ein Moment, in dem die Täter von Gier, Hass oder Rache einfach "weggespült" werden, sagt Jürgen Schreiber im Interview mit n-tv.de. Er hat als Gerichtsreporter Geschichten von zerstörten Leben und unlösbaren Verstrickungen aufgeschrieben.

n-tv.de: Ihr Buch trägt den Untertitel, "Warum Menschen morden". Was glauben Sie, warum tun sie es?

Für viele Angeklagte bleibt die Tat selbst unbegreiflich.
Für viele Angeklagte bleibt die Tat selbst unbegreiflich.(Foto: picture alliance / dpa)

Jürgen Schreiber: Es gibt natürlich kein einheitliches Motiv. Sondern es gibt tatsächlich so viele Motive und Facetten, wie es Morde gibt. Es gibt Feigheitsmorde, es gibt , es gibt Grausamkeitsmörder, Raubmörder, politisch motivierte Taten. Meine Reportagen versuchen, diesen verschiedenen Motiven auf den Grund zu kommen.

Sie haben 1970 Ihren ersten Toten gesehen und dann immer wieder als Reporter über Mord und Totschlag geschrieben. Haben Sie etwas gefunden, was die Täter miteinander verbindet?

Im Grunde verbindet diese Täter eigentlich ihre Normalität und Durchschnittlichkeit. Wir haben ein bestimmtes Bild, das sich aus klischeehaften Vorstellungen zusammensetzt. Es gibt ja diesen Begriff von der "Verbrechervisage". Aber wenn man in den Gerichten diese Revue von Tätern vor Augen hat, dann muss man eben feststellen, dass keinem auf der Stirn steht: "Ich bin ein Mörder." Die meisten sind gar nicht diese eiskalten Typen, als die sie ihre Tat eigentlich kennzeichnet. Deshalb können Mörder ja auch nach ihrer Tat oft genug wieder in eben diese Normalität eintauchen. Zumindest versuchen sie es und blenden das Geschehene danach wieder völlig aus. Ich hatte es mit Mördern zu tun, die 15 und mehr Jahre lang unentdeckt blieben und als "gute Nachbarn" galten.

Warum versagen unter bestimmten Umständen unsere sozialen Hemmschwellen und die anerzogenen Tabus, wie: Du sollst nicht töten?

"Gnadenlos" ist bei Bertelsmann erschienen und kostet 16,99 Euro.
"Gnadenlos" ist bei Bertelsmann erschienen und kostet 16,99 Euro.

Ich kann nur über die Fälle sprechen, die ich recherchiert habe. Es ist einfach so, dass Menschen sich in diesem bestimmten Moment ganz von ihrer Emotion steuern und wegtreiben lassen. Dann lassen sie der Gier, der Rache oder dem Hass freien Lauf. Fünf Minuten später ist ihr Verstand wieder eingeschaltet, der gleiche Mensch würde dieses Verbrechen vielleicht gar nicht mehr begehen. Aber dann ist es zu spät. Sie haben ihre Normalität unwiderruflich verlassen.

Welche Rolle spielt ihrer Meinung nach fehlende Empathie, also die Fähigkeit das Opfer nicht mehr in seinem Menschsein wahrzunehmen?

Also diese ganz verrohten Typen habe ich in meinen über 30 Reporterjahren nur in zwei Fällen erlebt. Zu dem einen hat das Gericht dann festgestellt, der habe "roboterhaft" gehandelt. Beherrschend ist für mich immer wieder die Diskrepanz zwischen Tat und Täter, zwischen der äußeren Erscheinung und dem inneren Zustand eines Täters. Magnus Gäfken beispielsweise, der den elfjährigen Jakob von Metzler ermordete, hat sich in eine Entführung hineingesteigert, die jeder andere sofort als hirnrissig erkannt hätte. Der adrette Jura-Student war aber von der Aussicht auf das große Geld so geblendet, dass er zum Kindsmord fähig war.

Diese Berührungen sind ja schon heftig, was hat sie daran gereizt?

Die Spurensuche ist das, was mich als Reporter und Buchautor am meisten interessiert. Ich habe mich oft mit Angehörigen von Opfern und Tätern getroffen. Das sind sehr emotionale Begegnungen. Reporter sind ja keine Maschinen, wir haben auch Gefühle. Niemand bleibt doch von den Bildern der Opfer unberührt. Aber wir schreiben auch, um an die Opfer zu erinnern.

Sie haben die Täter zum Teil auch noch nach Verbüßung ihrer Strafen besucht, gehört das zum Gesamtbild dazu?

Als Reporter interessiere ich mich auch grundsätzlich für Menschen und Schicksale. Im Gerichtssaal entfalten sich auf engstem Raum Sittenbilder unserer Gesellschaft, deshalb habe ich die Geschichten oft in das Umfeld der Täter hinein verlängert. Das interessiert die Leser.

Beim Lesen bekommt man so ein Gefühl, wie schmal der Grat manchmal ist. Ging Ihnen das auch so?

Jürgen Schreiber war bis 2007 Chefreporter beim Berliner "Tagesspiegel".
Jürgen Schreiber war bis 2007 Chefreporter beim Berliner "Tagesspiegel".(Foto: Oliver Jung)

Dass unter bestimmten Umständen jeder zum Mörder werden kann, Reiche, Arme, Junge, Alte, Hübsche, Hässliche, davon ist in den Gerichten beinah täglich die Rede. Die Fälle, über die ich geschrieben habe, sind alle real passiert und auch in ihren schrecklichen Details nur allzu wahr. Man sollte nicht verschweigen, dass Leser und Autoren auf diesem Gebiet eine nicht so gern eingestandene "Faszination des Bösen" teilen. Deshalb finden Grausamkeitskrimis, bei denen das Blut bis an die Decke spritzt, so großen Anklang. Aber das ist ein schwieriges Thema, weil wir als aufgeklärte Zeitgenossen eigentlich davon ausgehen, dass es das Böse an sich nichtgibt. Im Gerichtssaal müssen wir freilich gelegentlich erkennen, dass es das Böse offensichtlich doch gibt.

Menschen, die sich lange mit schweren Straftaten befassen, verlieren oft ihre Unbefangenheit gegenüber anderen Menschen, vielleicht auch ein bisschen den Glauben an das Gute im Menschen. Wie geht es Ihnen damit?

Es ist unausweichlich, dass man skeptischer wird, wenn man sich immer wieder mit den menschlichen Abgründen beschäftigt hat. Auf die ganze Strecke gesehen, bin ich erheblich melancholischer und skeptischer geworden Der Idealismus, mit dem ich anno 1970 angefangen habe, ist natürlich weg. Ich war damals ein großer Anhänger der Milieutheorie und habe Täter gegenüber der Gesellschaft oft in Schutz genommen. Das ist längst einer wehmütigeren Sicht auf die Gesamtgesellschaft gewichen.

Gibt es einen Fall, der Sie besonders berührt hat?

Eine Rangliste des Monströsen widerstrebt mir im Grunde. Ich habe einen Gerichtsvorsitzenden aus Aachen porträtiert, der den Mehrfachmörder Zurwehme zu lebenslänglich verurteilt hat. Der sagte mir, jeder Fall lasse in ihm irgendwas zurück. So geht es mir auch. Da ist das Bild zweier kleiner Buben, die im Main von ihrem eigenen Vater ertränkt wurden. Als die Polizei sie aus dem Wasser geborgen hat, klebte am Körper des einen eine Vogelfeder. Das war ein erbarmungswürdiger Anblick. Dann habe ich in Nürnberg einen Mädchenmörder erlebt, der im Hochzeitsanzug vor seinen Richter trat. Diese Eindrücke wird man überhaupt nie wieder los.

Mit Jürgen Schreiber sprach Solveig Bach

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Quelle: n-tv.de

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