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Donnerstag, 26. Mai 2011

Die Kunst des schönen Spiels: FC Barcelona – mehr als nur ein Verein

von Thomas Badtke

Der FC Barcelona steht für unnachahmliches Offensivspiel, für Namen wie Kubala, Cruyff oder Messi. Was den neuen alten spanischen Meister aber zum "Modell des Guten in der Fußballwelt“ macht, ist seine besondere Vereinsphilosophie.

Zwei derzeitige Stars des FC Barcelona: Lionel Messi (l.) und Carles Puyol (r.)
Zwei derzeitige Stars des FC Barcelona: Lionel Messi (l.) und Carles Puyol (r.)(Foto: REUTERS)

In Deutschland feiern derzeit die "Königlichen“ von Real Madrid eine Renaissance, geschuldet den beiden Nationalspielern Mesut Özil und Sami Khedira. Demnächst spielt auch noch der Dortmunder Jungstar, Deutsch-Türke und türkische Ausnahmespieler Nuri Sahin für Real. Er wechselt immerhin vom neuen deutschen Meister zu den Spaniern. Der Grund für das BVB-Vereinsmitglied: Real sei "der größte Verein der Welt“. Und genau daran entbrennt ein Streit, einer der seit Jahrzehnten bereits andauert, über die spanischen Staatsgrenzen weit hinausgeht und die Fußballwelt in zwei Lager spaltet. Sind die "Königlichen“ von Real Madrid oder der "Erzfeind“ FC Barcelona "die Größten“?

Rein auf die Mitgliederzahl bezogen ist es Benfica Lissabon, rund 160.000 Mitglieder zählt der portugiesische Traditionsverein. Aber unmittelbar dahinter folgt der FC Barcelona mit rund 150.000. Eine unglaubliche Zahl. Zum Vergleich: Der FC Bayern München, seines Zeichens deutscher Rekordmeister und, wie Umfragen immer wieder belegen, sowohl meistgehasster als auch meistgeliebter Fußballklub Deutschlands, kommt auf über 100.000 Mitglieder, Schalke - immerhin diesjähriger Champions-League-Halbfinalist  bringt es "nur" auf etwa 80.000.

Més que un club

Barca ist der Stolz der Katalanen, die immer wieder für ein autonomes Katalonien kämpfen.
Barca ist der Stolz der Katalanen, die immer wieder für ein autonomes Katalonien kämpfen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Aber nicht die reine Mitgliederzahl macht den FC Barcelona zum wirklich "größten" Fußballverein der Welt, es ist die unnachahmliche Spielweise der Katalonier: offensiv, immer nach vorn und das Ganze mit schnellem Kurzpassspiel. Zuletzt bekamen das eben Sahins "Größte" aus Madrid zu spüren: Im Champions-League-Halbfinale setzte es eine schmerzhafte 0:2-Hinspiel-Heimniederlage für die Madrilenen um die Superstars Ronaldo, Kaka, Higuain und neuerdings auch Özil. Das Besondere dabei: Obwohl die "Königlichen" im heimischen Bernabeu-Stadion spielten, traten sie wie ein Auswärtsteam an: versuchten gar nicht erst, das Spiel zu machen, spielten defensiv. Ganz anders Barcelona. Am Ende siegte das "Gute in der Fußballwelt", wie Autor Dietrich Schulze-Marmeling in seinem Buch "Barca - oder: Die Kunst des schönen Spiels“ schreibt.

Dietrich Schulze-Marmeling ist der Autor von "Barca".
Dietrich Schulze-Marmeling ist der Autor von "Barca".

 Das "Gute in der Fußballwelt“, die "Kunst des schönen Spiels“ - was steckt hinter dem Verein FC Barcelona, dessen Credo auf der Tribüne des heimischen Camp Nou nachzulesen ist: "més que un club" (Mehr als nur ein Verein)? Marmeling ist dieser Frage nachgegangen. Ausführlich, detailverliebt und pointiert. Marmeling erzählt von den Anfängen des Vereins, den der Schweizer Hans Gamper 1899 gründet. Die Vereinsfarben sollen laut einer Legende an die Trikots des FC Basel angelehnt sein, den Gamper bestens kennt. Bewiesen ist es nicht.

Alter und neuer Meister

Lionel Messi im Jubelfieber: So mögen ihn die Fans am liebsten.
Lionel Messi im Jubelfieber: So mögen ihn die Fans am liebsten.(Foto: picture alliance / dpa)

Nachgewiesen ist allerdings, dass der FC Barcelona der erste Meister der Primera Division ist. Seit 1929 gewannen die Katalanen 21 Mal den Titel Spaniens, zuletzt in der abgelaufenen Saison 2010/2011 . Dazu kommen 25 spanische Pokalsiege, drei Triumphe in der Champions League oder deren Vorgänger, dem Europapokal der Landesmeister. Dazu kommen noch Worldcup- und diverse Supercup-Gewinne.

2009 gelingt es dem von seinen Fans liebevoll genannten Barca zudem als erstem Verein, die nationale Meisterschaft, den nationalen Pokalsieg, die Champions League, den spanischen und den europäischen Supercup sowie den World Cup, also die inoffizielle Weltmeisterschaft für Vereinsmannschaften, zu gewinnen - sechs Titel in einer Saison. Dazu wird Barcas herausragender Spieler Lionel Messi als Europas Fußballer des Jahres und Weltfußballer ausgezeichnet. Ein totaler Triumph für den Verein aus Katalonien.

Total foetball

Mit ihm schaffte Barca in den 1970er den Machtwechsel in Spanien: Johan Cruyff.
Mit ihm schaffte Barca in den 1970er den Machtwechsel in Spanien: Johan Cruyff.(Foto: picture-alliance / dpa)

Ein totaler Triumph, der einen Vater hat: Johan Cruyff. Der Niederländer, fußballerisch groß geworden in der berühmten Amsterdamer "Ajax-Schule“, kam 1973 nach Barcelona. Mit seinem damaligen Verein Ajax hatte er sich überworfen. Für Barca sollte er sich als Glücksgriff erweisen, ähnlich wie Franz Beckenbauer für den FC Bayern München.

Cruyff, der "Pythagoras in Fußballschuhen“ wechselt für die damalige Rekordablöse von 3,7 Millionen DM zu Barca. Er erhält einen Drei-Jahres-Vertrag - mit Traumkonditionen: Neben einer Million Dollar netto muss ihm der Verein eine Villa stellen und Cruyff kann samt Familie auf Clubkosten fliegen, wann und wohin er will. Ein Grundgehalt von 6000 DM im Monat und bis zu 60.000 DM Prämie im Jahr kommen noch dazu. Alles Investitionen, die sich für den Verein mehr als auszahlen.

"Seine Visage gefällt nicht"

Cruyffs Wechsel nach Barcelona markiert einen Machtwechsel im spanischen Fußball. Real Madrid, die auch an Cruyff interessiert gewesen sein sollen, zuvor aber bereits den Deutschen Günter Netzer für 2,4 Millionen DM eingekauft haben, können nicht mithalten. Reals damaliger Vereinsboss Santiago Bernabeu reagiert mit den Worten: "Cruyff ist ein Crack, aber mir gefällt nicht seine Visage".

Für Cruyff wiederum war ein Wechsel zu den "Königlichen“ nicht in Frage gekommen, so schreibt Marmeling, weil er nicht für einen Club spielen könne, der mit einem Diktator assoziiert wird. Real gewinnt während der Franco-Diktatur mehrere Titel, denen ein fader Beigeschmack wegen fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen anhaftet.

Verschobene Spiele

So darf Barcelona zwar Trophäen gewinnen, aber nicht zu häufig. Beispiel 1943: Im Halbfinale des Copa del Rey gewinnt Barca das Hinspiel 3:1. Im Rückspiel in Madrid steht es bereits zur Halbzeit 8:0 für die Hauptstädter, auch weil Barcelonas Torwart aus Angst vor Wurfgeschossen aus dem Madrider Fanblock weit vor seinem Tor spielen muss. Am Ende schlägt Real Barca 11:1. Barcelona-Spieler, die nach der Halbzeit nicht mehr das Spielfeld betreten wollen, werden von bewaffneten Uniformierten unter Androhung von Verhaftungen auf den Rasen getrieben. Ein dunkles Kapitel im spanischen Fußball. Ein Kapitel, das noch heute in den "El Clasico“ genannten Duellen der beiden Klubs zu spüren ist. Zuletzt fühlte sich allerdings Real-Trainer Jose Mourinho von den Schiedsrichtern verpfiffen.

Kurzpass, Kurzpass, Tor

Johan Cruyff - für immer der "König von Barca".
Johan Cruyff - für immer der "König von Barca".(Foto: REUTERS)

Trophäen gewinnt Barca aber nicht wegen der Schiedsrichter, wie Mourinho kolportiert, sondern wegen der Art des gespielten Fußballs. Und genau dafür steht Johan Cruyff Pate. Er bringt Mitte der 1970er Jahre den "total foetball“, der damals und noch heute in den Niederlanden propagiert wird, nach Barcelona. "El Cruyffismo“, wie der intelligente, raumorientierte, dominante Angriffsfußball auch genannt wurde, erobert Barca im Sturm. Die Zuschauerzahlen steigen rapide von knapp 35.000 im Schnitt auf rund 90.000. Noch heute ist Barca der Fußballverein mit den meisten Zuschauern im Schnitt pro Spiel - vor dem BVB.

Sein Meisterstück macht Cruyff aber nicht als Barca-Spieler, sondern als Trainer des katalanischen Kultvereins Anfang der 1990er Jahre. Für "König Johan“ stehen Ballbesitz und nicht Balleroberung im Vordergrund des Spiels. "Der Ball ist immer schneller als der Fußballer", sagt Cruyff. Er wolle keine Spieler, die rennen, sondern solche, die Gegenspieler ausdribbeln können. Zwei Jahre Anlauf braucht das System Cruyff, um sich dann in vier Meistertiteln in Folge und dem ersten Gewinn des europäischen Landesmeisterpokals auszuzahlen.

Messi und die Lust auf mehr

"Barca - Oder: Die Kunst des schönen Spiels" ist im Verlag Die Werkstatt erschienen.
"Barca - Oder: Die Kunst des schönen Spiels" ist im Verlag Die Werkstatt erschienen.

Cruyff setzt auf junge Spieler aus der eigenen Jugend und ergänzt das Team mit einigen Superstars. Ein System, das der Verein auch noch heute verfolgt: Neben Eigengewächsen wie Iniesta, Xavi oder auch Messi, der seit dem 13. Lebensjahr bei Barca ist, schmücken internationale Topstars wie Thierry Henry, Zlatan Ibrahimovic oder David Villa die "Blaugrana“ und sorgen für die für das Renommee so wichtigen Titelgewinne. Cruyff fungiert dabei, wie Ronald Reng schreibt, als "permanente Stimme aus dem Off“ - ähnlich wie Franz Beckenbauer bei den Bayern, die aber keine allem übergeordnete Vereinsphilosophie wie Barca besitzen.

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Das wird aus Marmelings "Barca - Oder: Die Kunst des schönen Spiels“ mehr als ersichtlich. Barca ist als Verein einmalig auf der Welt. Sie sind die "Größten“, gerade weil sie die Massen mit dem wunderschön anzusehenden Offensivfußball immer wieder verzaubern. Das war mit Paulino Alcantara in den 1920ern und Ladislao Kubala in den 1950ern bereits vor der "Regentschaft“ Cruyffs so, und das wird auch lange nach Iniesta, Xavi und Messi so sein - denn: Barcelona ist mehr als nur ein Verein - wie Marmeling mit zahlreichen weiteren fantastischen Anekdoten beweist.

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Quelle: n-tv.de

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