Unterhaltung

Ganz nah und doch so fern: Faszinierendes Japan

von Thomas Badtke

Japan ist eine hoch technologisierte Industrienation, die Moderne und Traditionsbewusstsein vereint. Das Land entlang der Ostküste Asiens bietet unvergleichliche und faszinierende Panoramen - wie Micha Pawlitzki beweist.

Über 130 Meter ragt der Kyoto-Tower, ein raketengleicher Fernsehturm samt Aussichtsplattform und sich drehendem Panoramarestaurant, in die Höhe.
Über 130 Meter ragt der Kyoto-Tower, ein raketengleicher Fernsehturm samt Aussichtsplattform und sich drehendem Panoramarestaurant, in die Höhe.

Materiell gesehen gibt es wohl kein Land auf dieser Welt, was uns näher steht als Japan: Nahezu in jedem Haushalt befinden sich Produkte "made in Japan“ - sei es das Auto in der Garage, der Fernseher oder die Musikanlage im Wohnzimmer, der Computer oder die Spielekonsole im Arbeits- oder Kinderzimmer. Gleichzeitig ist uns Japan aber auch so fern: Die Kultur erscheint uns unverständlich, sie verwirrt und erstaunt gleichermaßen.

Die Lebensweise der Menschen dieses Inselbogens zwischen der größten Landmasse der Welt, der asiatischen, und dem größten Meer der Welt, dem Pazifik, fasziniert und überrascht uns - immer wieder aufs Neue. Das zeigt auch die Erdbeben- und Atomkatastrophe von Fukushima: Keine Panik bei den Menschen, keine Gewalt, keine Plünderungen oder ähnliches in der verwüsteten Region. Das Handeln der Japaner erscheint uns Westeuropäern widersprüchlich und sorgt gleichzeitig dafür, mehr über das "Land der aufgehenden Sonne“ und seine Bewohner erfahren zu wollen.

Micha Pawlitzki fing die vielen Gesichter Tokios mit der Kamera ein.
Micha Pawlitzki fing die vielen Gesichter Tokios mit der Kamera ein.

Micha Pawlitzkis Bildband "Japan Panorama“ hilft dabei. Er zeigt auf 70 doppelseitigen Panoramafotografien die Vielschichtigkeit der japanischen Kultur: hier die architektonische Wunderwelt der Moderne, dort das Festhalten an jahrhundertealten Traditionen, das Fest der spektakulären Kirschblüte, die nahezu göttliche Verehrung der Natur.

Inseln über Inseln

Die Natur ist es auch, die Japan geologisch zu dem gemacht hat, was es heute ist: ein Inselbogen an der Ostküste Asiens. Die vier Hauptinseln von Hokkaido im Norden (mit der bekanntesten Stadt Sapporo, wo 1972 die Olympischen Winterspiele stattfanden), über die größte der vier Eilande Honshu mit der Hauptstadt Tokio und der derzeit für Aufsehen sorgenden Stadt Fukushima, bis hin zu den Inseln Shikoku und Kyushu, wo die Stadt Nagasaki im August 1945 traurige Berühmtheit erlangte. Umgeben sind die vier Hauptinseln Japans von mehr als 6800 kleinen und Kleinstinseln.

2600 Kilometer ist der Inselbogen lang, erstreckt sich über mehr als 21 Breitengrade vom subtropischen Südens Okinawas bis zu den gemäßigten Regionen Hokkaidos - diese Position entspricht bei uns in etwa einer Ausdehnung von Südägypten bis nach Norditalien. Geologisch ist Japan vor rund zwei Millionen Jahren entstanden, als sich die Inselgruppe, die die Spitze einer 12.000 Meter aus der Tiefsee aufragenden Gebirgskette darstellt, vom chinesischen Festland löste. Die zerklüftete Gebirgsform ist auch daran zu erkennen, dass von der Gesamtfläche Japans von 345.000 Quadratkilometern mehr als drei Viertel des Landes einen Böschungswinkel von mehr als 15 Grad aufweisen. Die größte ebene Fläche umfasst gerade knapp 3200 Quadratkilometer und befindet sich bei Nagoya - eine gewaltige Herausforderung für Landwirtschaft, Siedlungspolitik und Infrastruktur.

"Hafenwelle“ und "Götterwind“

30.000 Kilometer Küste - da sind sehenswerte Panoramen eher die Regel als die Ausnahme.
30.000 Kilometer Küste - da sind sehenswerte Panoramen eher die Regel als die Ausnahme.

Zu den positiven Folgeerscheinungen der unermüdlichen Naturkräfte zählen sicherlich die vielschichtigen Landschaften, die sie geformt haben - seien es weite Buchten, hohe Vulkankegel oder scharf eingeschnittene Täler. Ebenso die beiden Meeresströmungen, die Japan umfließen: der warme, vom Südwesten kommende Kuroshio-Strom und der kalte, vom Norden die Ostküste Hokkaidos entlangfließende Oyashio-Strom.

Aber auch negativ machen sich die noch heute aktiven Naturgewalten bemerkbar: Japan liegt an der Nahtstelle dreier Kontinentalplatten, die sich ständig verschieben. Mehr als 100.000 Mal im Jahr bebt dadurch die Erde - mal folgenlos, mal mit erschreckenden Auswirkungen: 1923 starben mehr als 140.000 Menschen beim sogenannten Kanto-Beben. Innerhalb weniger Sekunden hob sich die Erde damals an einigen Stellen um 200 Meter an, an anderen Stellen senkte sie sich um 250 Meter ab. Negativ fallen aber auch die Taifune (auch Kamikaze, "Götterwind“ genannt) und Tsunamis ins Gewicht. Letztere bedrohen vor allem den Osten von Japans 30.000 Kilometer langen Küste, die Seite, die dem Pazifik zugewandt ist und an der auch der Großteil der 128 Millionen Einwohner Japans leben. In Fukushima beispielsweise fraß sich nach dem verheerenden Erdbeben vom 11. März 2011 ein 15 Meter hoher Tsunami weit ins Küstenland hinein. Wohl mehr als 15.000 Tote und ein dreistelliger Milliardenschaden sind die Folgen.

Pulsierend, faszinierend, imposant

Tokios Skyline ist und bleibt eine der eindrucksvollsten der Welt.
Tokios Skyline ist und bleibt eine der eindrucksvollsten der Welt.

Und dennoch: Die Japaner bleiben relativ gelassen ob dieser schrecklichen Auswirkungen. Sie kennen die Folgen, haben gelernt, damit zu leben. Sie sind ihnen ins Blut übergegangen. Genau wie die einmalige Gabe der selektiven Wahrnehmung, über die sie zu verfügen scheinen. Die Fähigkeit, "sich auf einen winzigen Ausschnitt der Realität zu konzentrieren und sich diesem Erlebnis ganz hinzugeben“, wie sie zumindest Hans J. Aubert in dem Begleittext zu "Japan Panorama“ beschreibt. Ein Text, der zudem versucht, Aufschluss darüber zu geben, warum die Japaner so sind, wie sie sind und weshalb ihre Lebensweise, Geschichte und Kultur - egal ob Tenno, Shogun, Samurai, Ninja, Kirschblüte, Religion, Architektur, Gartenbau oder Tuschekunst - so faszinierend auf Außenstehende wirkt.

Eine Faszination, der auch Micha Pawlitzki erlegen ist. Er schildert seine Eindrücke von den Menschen und dem Land in einer "Anmerkung des Fotografen“ am Ende des Buches. Aber er fängt die Faszination auch in seinen Fotografien ein: pulsierende Megastädte mit imposanter Architektur; einsame, versteckt in den Bergen gelegene Schreine und Tempel; die Kirschblüte in ihrer ganzen atemberaubenden Pracht. Faszination Japan eben, nah und doch so fern.

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Quelle: n-tv.de

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