Unterhaltung

Überleben nach der Apokalypse: Fünf Männer am Rande der Menschlichkeit

Von Katja Sembritzki

Die Menschen sind tot, die Zivilisation ist Vergangenheit. Fünf Freunde aber überleben die Apokalypse. Der verstörende Roman "Eigentlich müssten wir tanzen" erzählt von Verrohung, Menschsein und Freundschaft - und mutet seinen Leser einiges zu.

Fünf Freunde verbringen zusammen ein Wochenende auf einer abgelegenen Berghütte. Wie jedes Jahr werden sie ihr "Wer bin ich"-Spiel spielen, eine Schneebar bauen und vor allem viel Bier trinken. Sie kennen sich seit ihrer Schulzeit, aber jetzt, mit über 30 Jahren, ist ein wenig der früheren Selbstverständlichkeit verloren gegangen. Und so ahnen sie, dass ihre Tour nicht mehr so werden wird, wie früher. Und das wird sie tatsächlich nicht, aber anders, als die Männer denken.

Als sie zurück ins Tal kommen, brennt das komplette Dorf und ihr Auto ist nur noch Blech und Asche, aber niemand ist zu sehen. Die Männer merken sofort, dass etwas nicht stimmt und beschließen, lieber auf der anderen Seite des Berges abzusteigen. Aber auch dort sind die Gebäude zerstört, die Menschen geflohen oder tot.

Nachdem Heinz Helle in seinem Debüt ("Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin", 2014) über einen Studenten in New York geschrieben hat, der als Philosoph und in der Liebe scheitert, erzählt er in seinem zweiten Roman "Eigentlich müssten wir tanzen" von einer postapokalyptischen Welt. Was genau die Katastrophe ausgelöst hat, klärt der Autor nicht auf. Darum geht es ihm, ähnlich wie Cormac McCarthy in "Die Straße", nicht. Er stellt existenzielle Fragen an die übrig gebliebenen Männer.

"Wir haben noch keine Lust, zu erfrieren"

Wochenlang lässt er Drygalski, Gruber, Fürst, Golde und den namenlosen Ich-Erzähler durch diese stillstehende Welt irren, in der nichts mehr funktioniert und nur noch Relikte an die Zivilisation erinnern. Auf ihrem Marsch irgendwo im österreichisch-deutschen Grenzgebiet treffen sie nicht einmal eine Handvoll Überlebender. Aber sie sehen scheußliche Szenen. Es sind eingefrorene Momentaufnahmen des Grauens, erschossene, erschlagene und verbrannte Menschen.

Der Roman ist bei Suhrkamp erschienen, hat 173 Seiten und kostet 19,95 Seiten.
Der Roman ist bei Suhrkamp erschienen, hat 173 Seiten und kostet 19,95 Seiten.

Um zu überleben, ernähren sich die Freunde von verendeten Tieren und dem, was sie in der Natur für essbar halten. Wenn sie Glück haben, liegt ein zerstörter Supermarkt auf ihrem Weg, dann gibt es aufgeweichtes Knoblauchbaguette oder eine Familienpackung mit kaltem Mikrowellenkäsefondue. Wird es dunkel und kalt, rücken sie dicht zusammen. "Wir haben einfach noch keine Lust, zu erfrieren, warum, können wir auch nicht genau sagen, wir wissen nicht, worauf wir warten oder was wir zu finden hoffen."

Und so gehen, gehen und gehen sie. Manchmal philosophieren sie nebenbei über das Glück und die Liebe, über die Immobilienkrise und das chronische Erschöpfungssyndrom. Und ab und an blickt der Ich-Erzähler zurück auf ihre gemeinsamen Jugendstreiche und ihre Leben als Architekt, Biologe oder Pilot.

Helle wählt eine rhythmische, eiskalte Sprache - und mutet seinen Leser gleich zu Beginn einiges zu. Nacheinander vergewaltigen die Freunde eine halbtote Frau. Später gehen sie achtlos an einem Kind vorbei, das in der Nähe seiner erschlagenen Eltern vor einem verkohlten Zelt sitzt.

Intensive und verstörende Bilder

Ebenfalls emotionslos beschreibt Helle, wie Fürst sich ein Bein bricht und die Freunde ihn zurücklassen müssen. Sie lehnen ihn mit Blick auf die Berge an einen Baum und "hoffen, dass es heute Nacht nicht so kalt wird, dass er im Dunkeln sterben muss. Aber kalt genug, dass es bald nach Sonnenaufgang vorbei ist".

Es gibt solche Szenen zuhauf, nach denen man sich als Leser zwingen muss, die angehaltene Luft wieder auszuatmen. Aber es gibt auch komische Momente, etwa als die Männer auf einem Feld ein riesiges Peace-Zeichen für mögliche Retter in den Schnee stampfen und am Ende ein Mercedesstern dabei herauskommt.

Und Momente voller Verzweiflung und Poesie, beispielsweise als sie vom Panoramafenster einer Bergstation aus die schneebedeckten Hänge betrachten und Hass spüren auf deren Schönheit, "weil wir plötzlich nichts anderes empfinden konnten als eine physische Angst vor dem Tod. Also tanzten wir. Fünf Männer tanzten. Wir sahen unsere Gesichter nicht, wir hörten uns staunend schnaufen, hecheln."

Was passiert mit Menschen, wenn purer Überlebenswille sie steuert? "Eigentlich müssten wir tanzen" sucht nach Antworten, die oftmals schwer auszuhalten sind. Helle entwirft auf nicht einmal 200 Seiten intensive und verstörende Bilder, die man lange nicht aus dem Kopf bekommt. Ein großartiges Buch über Verrohung, Menschsein und Freundschaft und gleichzeitig eine schonungslose Gesellschaftskritik.

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Quelle: n-tv.de

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