Unterhaltung
In Lissabon wird Simon von Gefühlen überwältigt, ...
In Lissabon wird Simon von Gefühlen überwältigt, ...(Foto: Pedrosa / Reprodukt 2012)
Sonntag, 14. Oktober 2012

Suche nach einem Familiengeheimnis: Geh aus, mein Herz - nach Portugal

Von Markus Lippold

Simon ist lethargisch, er ist unmotiviert, er steckt in einer tiefen Krise. Dann reist der Franzose nach Lissabon und ihn überrollt eine Welle aus Trauer, Wärme und Sanftmut. Doch um hinter das Geheimnis des Gefühlsausbruchs zu kommen, muss er tief in die Geschichte seiner Familie eintauchen.

... die ihn an seine Kindheit und an den Garten seiner Großmutter erinnern.
... die ihn an seine Kindheit und an den Garten seiner Großmutter erinnern.(Foto: Pedrosa / Reprodukt 2012)

Familie. Es gibt vermutlich kein schwierigeres Thema als die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen "Lieben". Denn in der Familie prallen enge persönliche Bindungen auf unterschiedlichste Meinungen, Ansichten und Überzeugungen. Gegenseitige Offenheit und Ehrlichkeit stehen dem Wunsch nach Privatsphäre und wohl gehüteten Geheimnissen gegenüber. Das umfasst nicht nur mehrere Generationen, sondern - wie im Fall von Cyril Pedrosa - auch unterschiedliche Länder und Sprachen.

Der Besuch eines Comic-Festivals in Portugal vor einigen Jahren führte bei Pedrosa, einem französischen Comic-Zeichner, zur Auseinandersetzung mit seinen Wurzeln und seiner Familie. Denn sein Großvater hatte Ende der 1930er Jahre das diktatorische Portugal verlassen, war zusammen mit seinem Bruder nach Frankreich ausgewandert und - im Gegensatz zu seinem Bruder - nie zurückgekehrt. Pedrosa selbst besuchte als Kind das Land seiner Ahnen, dann herrschte 23 Jahre Funkstille. Erst besagter Besuch in Lissabon setzte bei ihm wieder ungeahnte Gefühle frei und er begann, sich dem Thema künstlerisch zu nähern.

Mit der Familie hat man es nicht leicht.
Mit der Familie hat man es nicht leicht.(Foto: Pedrosa / Reprodukt 2012)

In mehr als zwei Jahren Arbeit entstand ein Meisterwerk, das den schlichten Titel "Portugal" trägt und in Deutschland bei Reprodukt erschienen ist. Wenn man die voluminöse Graphic Novel nun in Händen hält, kann man Pedrosa nur dafür danken, dass er seinen Verleger, der den Comic als dreiteilige Albenserie veröffentlichen wollte, vom Gegenteil überzeugt hat: "Portugal" lebt von seiner Geschlossenheit, von seiner Stringenz und dem Mut zur langsamen und damit raumgreifenden Annäherung an seine Figuren.

Erinnerungen an die Kindheit

Dabei kann das Werk vor allem zeichnerisch überzeugen, es erzählt jedoch auch - vor dem autobiografischen Hintergrund Pedrosas - eine dichte Familiengeschichte, in der eine ganz persönliche Krise und die Konflikte zwischen mehreren Generationen von Migranten aufgegriffen werden.

In Portugal lernt Simon nicht nur einen unbekannten Teil seiner Familie kennen - er findet auch zu sich selbst.
In Portugal lernt Simon nicht nur einen unbekannten Teil seiner Familie kennen - er findet auch zu sich selbst.(Foto: Pedrosa / Reprodukt 2012)

Pedrosas Alter Ego im Buch heißt Simon. Der Comic-Zeichner steckt tief in einer Krise, er fühlt sich leer, ohne Motivation. Nicht nur seine Arbeit leidet darunter, auch die Beziehung zu seiner Freundin wird erschüttert. Die Reise zu einem Comic-Festival in Lissabon konfrontiert ihn jedoch mit lange verschollenen Gefühlen: Die Sprache, die Sonne, die Lebensart - all das überrollt ihn mit Erinnerungen an seine Kindheit und an den warmen, lichtdurchfluteten Garten seiner Großmutter, bei der - im Gegensatz zum Enkel - die portugiesischen Wurzeln noch stark präsent waren.

Zögernd beginnt Simon, sich mit Vergangenheit und Herkunft seiner Familie auseinanderzusetzen. Dabei helfen ihm auch die Gespräche mit seinem Vater, mit Onkel und Tanten, die er auf der Hochzeit seiner Cousine im Burgund trifft. Obwohl dieses Mittelstück, das gleichsam das Herzstück des Buches ist, nicht in Portugal spielt, ist das Land der Ahnen immer präsent. Denn langsam schälen sich in den Gesprächen die ungelösten Konflikte heraus - das Hadern mit den Wurzeln in einem Land, das einem fremd geworden ist, aber auch die Ankunft in einem Land, in dem man nicht zu Hause ist.

Feiner Beobachter menschlichen Verhaltens

"Portugal" ist bei Reprodukt erschienen, der in Halbleinen gebundene Band im Format 30x23 cm hat 264 Seiten und kostet 39 Euro.
"Portugal" ist bei Reprodukt erschienen, der in Halbleinen gebundene Band im Format 30x23 cm hat 264 Seiten und kostet 39 Euro.

Simon, der Enkel des Einwanderers, spürt diesen Konflikt in sich. Im Gespräch mit den Verwandten entdeckt er immer neue Facetten der Familiengeschichte, bis er schließlich durch eine Reise in das portugiesische Dorf seines Großvaters ein altes Geheimnis enthüllt. Pedrosa lässt sich Zeit, diese Entwicklung darzustellen. Was er dabei in den Dialogen andeutet, unterstreicht er durch seine meisterhaften Zeichnungen, die durch Linienführung und Farbgebung eine nostalgische und träumerische Note erhalten.

Vor allem aber erweist sich Pedrosa als feiner Beobachter menschlicher Verhaltensweisen. Kleinste Bewegungen, Blicke, Gesten machen die Gespräche lebendig und unterstützen die Charakterisierung der Figuren. Ein großes Vergnügen bereitet vor allem die Darstellung alltäglicher Dinge: Das Rauchen einer Zigarette, das nervöse Spiel mit der Sonnenbrille oder das Nippen an einem Glas werden dynamisch und mit leichtem Hang zur ironischen Zuspitzung gezeichnet. Dass die Figuren dabei eine ungeheure Lebendigkeit an den Tag legen, ist vielleicht Pedrosas Vergangenheit als Disney-Zeichner und seiner Mitarbeit an Filmen wie "Der Glöckner von Notre Dame" und "Hercules" geschuldet.

Unterstützt wird dies durch die Farbgebung, die allerdings ab und zu über das Ziel hinausschießt. Der Band strotzt vor warmen, natürlichen Tönen in Rot, Gelb, Grün und Braun. Dazwischen wird Simons Einsamkeit und Unsicherheit jedoch immer wieder mit Grau, grellem Grün und Blau dargestellt. Zudem setzt Pedrosa hier Abstraktionen und Verzerrungen ein, die das zerrissene Seelenleben der Protagonisten reflektieren.

Die dichte Erzählung, die verspielten Zeichnungen und die warme Farbgebung machen "Portugal" zu einer der besten Comic-Veröffentlichungen der vergangenen Jahre. Daran hat aber sicher auch die edle Aufmachung im gebundenen Halbleinen-Großformat ihren Anteil - auch wenn das bedeutet, dass die Lektüre ohne Tisch zur Herausforderung wird. Übersetzt wurde der Band von Annette von der Weppen, das Handlettering besorgte der deutsche Comic-Zeichner Andreas Michalke.

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Auf YouTube ist ein Making-of-Video (französisch mit englischen Untertiteln) von Cyril Pedrosa zu sehen. Eine Leseprobe gibt es auf den Seiten des Verlages.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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